Masha Qrella
Speak Low
Text: Maurice Summen
Die Berliner Musikerin Masha Qrella wurde im Oktober 2007 von Detlef Diedrichsen in seiner Funktion als Kurator des Hauses der Kulturen der Welt gebeten, Lieder des in Dessau geborenen, jüdisch-stämmigen Komponisten Kurt Weill (»Die Dreigroschenoper«) und des in Berlin geborenen Komponisten Frederick Loewe (»My Fair Lady«) anlässlich der »New York – Berlin«-Festwochen im Rahmen eines Konzertes neu zu interpretieren. Beide Komponisten mussten Deutschland verlassen, um den Pogromen der Nationalsozialisten zu entgehen. Loewe folgte 1924 seinem früh emigrierten Vater nach Amerika, Kurt Weill floh neun Jahre später vor den Nazis über Paris nach New York. Ihr dortiger Erfolg lässt erahnen, wie anders sich Popmusik in Deutschland hätte entwickeln können, wenn es statt Judenverfolgung und Bücherverbrennungen eine Kontinuität künstlerischer Avantgarde gegeben hätte, wie sie in der Weimarer Republik bekanntlich noch möglich war.
Masha Qrella und ihre dreiköpfige Band haben jetzt auf »Speak Low« die im vorvergangenen Herbst aufgeführten Homage an Weill und Loewe im Studio neu eingespielt. »I’m a stranger here myself«, bekennt Qrella an einer Stelle zu Indiefolk-Gitarren, schlankem Schlagwerk und Hammond-Orgel, einem leisen Pantoffelbass folgend. Die Produktion von Mashas Lebensgefährten Norman Nietzsche, der schon mit den beiden Whitest-Boy-Alive-Alben einen staubigen wie gleichermaßen modernen Sound kreiert hat, klingt aufgeräumt, ideenreich, dabei reduziert und mit gut ausgewählten Farbsprenkeln versehen. Zweifelsohne liegen die Einflüsse und Techniken für den Interpretationsspielraum dieses Albums auf der gesamten musikalischen Weltkarte: Zwischen Americana, Musical, Postrock und Berlin-Pankow. Zeitlich kann man die recycelten Songs auf »Speak Low« wahlweise dem Jahr 1999 oder 1968 oder 2021 zuordnen. Vermutlich käme man nicht im Traum darauf, dass es sich hier um aktuelle Coverversionen von Broadway-Musical-Nummern aus den fünfziger Jahren handelt. Diese spürbare kulturelle wie zeitliche Konfusion darf als große Leistung verstanden werden.
So ist dieses Album in jedem Fall kein Zweitverwertungsprodukt für das Feuilleton, sondern eine feine Popplatte geworden. Allein für die Loewe-Interpretation »I Talk to the Trees« hat sich die Arbeit gelohnt: Wie wunderbar, dass sich Lieder wie dieses ihren Weg in die Berliner Republik zurückzwitschern. Mit großer Erwartung darf man nun auf das nächste Soloalbum der Ausnahme-Liedermacherinnen Qrella gespannt sein.
LABEL: Morr Music | VERTRIEB: Indigo

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[...] abend spielt Masha Qrella ihre Speak Low-Lieder. Veröffentlicht am: 10. Oktober 2009 Abgelegt in: Allgemein Kommentieren [...]
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