Sonic Youth
The Eternal
Text: Jens Balzer
Orgasmus ja oder nein? Im Verlauf ihrer bald 30-jährigen Karriere haben Sonic Youth auf diese Frage verschiedene Antworten gegeben. Im düster brummenden Feedback-Noise ihrer Frühjahre pegelten sie sich ja systematisch auf gleichmäßige Erregungszustände ohne Aussicht auf Höhepunkte oder Erlösung ein, aber auch ohne die Gefahr melancholisch stimmenden Abflauens. Im lärmenden Indie-Stadionrock der Neunziger-Jahre-Alben nach »Dirty« gab es plötzlich nichts anderes als Höhepunkte mehr, was der Band einen deutlichen Niedergang, eine lange Zeit der Erschlaffung einbrachte.
Und heute? »Anti-Orgasm« heißt das zweite Stück auf dem neuen Album »The Eternal«, darin warnen Sonic Youth vor den Risiken und Nebenwirkungen konventionell aus getragenen Geschlechtsverkehrs, gerade auch in gesamtgesellschaftlich-kosmologischer Hinsicht. »Penetration destroys the body! / Violation on the cosmic body!«, so das Ehepaar Kim Gordon und Thurston Moore (eine Tochter) im alarmierenden Thesenduett. Die Musik dazu wirkt aller dings eher pro-orgasmisch: Die tief durchhängende Siebziger-Jahre-Hardrock-Eröffnung könnte auch von den Schlammrock-Schweineigeln und einstigen Sonic-Youth-Partnern Mudhoney stammen, und wenn das gruppentypische Flageolett-Gedengel und die nach oben schäumenden Feedback-Wellen einsetzen, dient all das nur einem Ziel: der unaufhörlichen Steigerung der Intensität. Höhepunkt? Kein Höhepunkt? Schwer zu sagen.
Auf »The Eternal« regiert durchweg der virtuos, manchmal zu virtuos inszenierte Selbstwiderspruch. Nach den verspielt-experimentelleren Platten, welche die Band Anfang des Jahrzehnts mit dem inzwischen wieder ausgestiegenen Jim O‘Rourke aufnahm, und dem gediegen-melancholischen Zwischenwerk »Rather Ripped« folgen die zwölf neuen Songs nun wieder straffen Rock-Dramaturgien. Man höre »What We Know«: Über einem an die Stooges erinnernden Boogie-ohne-Woogie-Riff heulen die Leadgitarren in den höchsten Tönen, verbiegen sich die Vibrato-Arme und ratschen die Plektren laut kreischend zwischen den Saiten herauf und herunter; wenn sich dann weiter hinten noch einmal ein zartes kleines Feedback fiepend entfaltet oder die Gitarrensaiten in bandtypischer Weise glöckchenhaft hinter dem Steg angestupst werden, dient das eher der Erzeugung von räumlichen Ornamenten als einer echten klanglichen Irritation. Man kommt nicht umhin, bei Sonic Youth eine gewisse musikalische Routine zu konstatieren. Das Konzert, das sie im April in der Münchener Gerhard-Richter-Ausstellung spielten, war das müdeste und schwächste, das ich in 25 Jahren von ihnen gesehen habe.
Aus »The Eternal« spricht denn auch mehr Einsicht in die eigene Lage als Vermögen, diese Lage zu ändern. Was nicht heißt, dass es nicht ein paar schöne Stellen zu hören gibt: wie in »Antenna«, wo Noise-Passagen und Steve Shelleys pulsierendes Schlagzeug mit süssestem Satzgesang von Thurston Moore und Lee Ranaldo abwechseln. Gerade in der zweiten Hälfte des Albums überwiegen jedoch die konventionell heruntergerockten Nummern inklusive »Ou-wou-wou«-Refrains und von der Leadgitarre verdoppelten Melodielinien; das letzte Stück, das zehnminütige »Massage the History«, bietet statt des an dieser Stelle sonst in Feedbackstrudeln abfließenden Jams eine ungeordnete Ansammlung von ein paar Übungsraumideen, zusammengehalten von ein paar offenen Akkorden auf der Halbakustischen und ein wenig Gehauche von Kim Gordon. Soll man sich so alt anhören, wie man ist? Oder sich einer stetigen Erneuerung unterziehen? Gerade die Mittel, von denen sich Sonic Youth neue Frische versprechen, verschaffen dieser trotz allem annehmbaren Platte den antiquiertesten Touch.
LABEL: Matador Records / Beggars Group | VERTRIEB: Indigo
Audio clip: Adobe Flash Player (version 9 or above) is required to play this audio clip. Download the latest version here. You also need to have JavaScript enabled in your browser.
MP3: Sonic Youth - Sacred Trickster

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