Popkomm 2009 abgesagt

»Man kann darüber debattieren, ob die Popkomm noch zeitgemäß ist«

Text: Walter W. Wacht

Die Kernaussage der heutigen Pressekonferenz lautet: »Die Popkomm ist für ein Jahr ausgesetzt, nicht abgeschafft.« Wegen des drei Monate vor Messebeginn geringen Rücklaufs an Ausstellern und Teilnehmern hat sich der Popkomm-Vorstand dazu entschieden, die Popkomm 2009 nicht zu veranstalten.

    Popkomm-Direktorin Katja Gross begründete die Entscheidung damit, dass eine Durchführung in diesem Jahr nur mit einem deutlich verkleinerten Umfang möglich gewesen wäre, die »für alle Teilnehmer nicht mehr die Qualität garantieren könnte, die die Marke Popkomm als solche verspricht«. Begründet wurde dieser Schritt mit der schwierigen Lage besonders der Plattenlabels, die »derzeit von Quartal zu Quartal« lebten und daher Sonder-Investitionen wie Messeteilnahmen nicht tätigen könnten – auch wenn die Popkomm generell als »wichtiges Must-have« angesehen werde. Weiterhin sei das Alleinstellungsmerkmal der Messe, die osteuropäischen Labels versammeln zu können, kaum noch zu realisieren.

    Die Messe Popkomm wurde vor sechs Jahren von Köln nach Berlin verlagert, Dieter Gorny, Vorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie, kommentierte das Aussetzen der Veranstaltung mit einem Verweis auf die weiterhin anhaltende Internet-Piraterie. »Die Debatte über diesen Bereich der Kreativwirtschaft – die Musik – schlägt sich erstmalig in einem Event nieder. Selbstverständlich kann man darüber debattieren, ob in einer digitalen Welt eine Popkomm wie sie sich darstellt, noch zeitgemäß ist. Man kann aber auch die Augen öffnen und sagen, dass die digitalen Fragen direkt auf die Umsätze der kleinen Firmen durchschlagen. Das schlägt sich dann auch nieder in der Popkomm.« Daher setze man nun ein Jahr aus, um Konzept und Marktlage zu prüfen und hofft, »dass es politischen Dampf und Impulse bei der Bewältigung dieser Probleme gibt.« Man wolle diese Gelegenheit nutzen, um die »gesamte digitale Frage« zu beantworten – dafür benötige man Zeit. Der Ort, der Debattenplatz und die Marke Popkomm seien aber weiterhin nötig.

    Direkte finanzielle Probleme sieht die Popkomm derzeit nicht. Im Vergleich zum Vorjahr seien die Besucherbuchungen zum jetzigen Zeitpunkt um 40 bis 50 Prozent niedriger, bereits im letzten Jahr meldete die Popkomm einen Besucher- und Teilnehmerrückgang von rund 20 Prozent im Vergleich zu 2007. Die Finanzierung der Popkomm 2010 könne dabei auch teilweise aus Steuermitteln erfolgen. Dieter Gorny schloss eine staatliche Subvention der Popkomm zwar zunächst aus, sagte aber in Hinblick auf Kulturveranstaltungen wie die Berlinale, dass »nichts gegen eine Herausstellung der Popkomm-Inhalte mit Mitteln aus der öffentlichen Hand« spräche, man die Bundesregierung derzeit aber vor allem in die inhaltliche Debatte der Popkomm einladen wolle.

    Hinsichtlich der kleineren Popkomm-Nachfolge-Messe c/o pop in Köln erklärte Gorny, dass man bezüglich der Popkomm von einer anderen Größenordnung spreche, beide Veranstaltungen seien nicht miteinander vergleichbar – »sowohl von der Quantität als auch der zu erzielenden Qualität.« Man schätze allerdings alle Orte, an denen inhaltlich über Musik diskutiert wird.

    Zum neuen Konzept äußerten sich die Veranstalter bisher nicht, in einem laut Gorny »neuen gedanklichen Umfeld« könne man auch versuchen, Majorlabels wie Sony und EMI wieder zur Teilnahme zu bewegen. Eine Standortdebatte finde derzeit nicht statt, der Schwerpunkt könne aber nach Katja Gross neben einer kleineren Messe auf einem Kongress liegen.

Zum Thema: das Interview mit Dieter Gorny aus der Spex-Reihe »Digitale Evolution«

Spex präsentiert die diesjährige c/o pop vom 12. bis 16. August. Unter dem Banner »Pop Culture 2.0« werden im Rahmen der diesjährigen c/o pop Convention in Köln sowohl die positiven Aspekte der digitalen Entwicklung im Musikbereich als auch ihre negativen Folgen debattiert. Es gilt, Ideen und Konzepte für die bestehenden Probleme zu finden: Internet-Piraterie, Verteilungsschlüssel, Wertverfall der Ware Pop – und das sind nur einige der Themenkomplexe, über die am 13. und 14. August debattiert wird.

    Dem grundlegenden Wandel widmet sich auch das von Spex präsentierte Panel »Werte 2.0« am Donnerstag, den 13. August im Business Forum der c/o pop. Diskutieren werden folgende Experten: Mark Chung (Freibank Musikverlage/VUT), Christian Hufgard (Piratenpartei), Lars Sobiraj (Chefredakteur Gulli.de), Roland Reuß (Philologe und Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft, Universität Heidelberg; tbc) sowie ein Vertreter der GEMA. Die Diskussion wird moderiert von Johnny Haeussler (re:publica).

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2 Kommentare:
  1. almighty defenders
    almighty defenders:

    sowohl von der Quantität als auch der zu erzielenden Qualität

    Die Quantität hat die Popkomm ja schon mal auf ihrer Seite

     
  2. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Recording Angels:

    [...] All2togethernow, ein Netzwerk-Treffen bzw. eine Nicht-Musikmesse, die in ihrem ersten Jahr das von der pirateriebedingt kurzfristig abgesagten Popkomm gerissene Loch im Hauptstädtischen Musikkulturprogramm zu stopfen versucht. Neben den [...]

     
 
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