Eminem Relapse

Text von Sebastian Hammelehle
am 19. Juni 2009

Zwar ist derzeit kein neuer »Herr der Ringe«-Film oder Ähnliches zu erwarten. Freunde der ganz großen Blockbuster-Produktion können trotzdem beruhigt den Nachos-Eimer bereitstellen – es gibt ja noch Eminem! »Relapse« ist so etwas wie »Marshall Mathers: Episode V«, die multiplextaugliche Breitwand-Hiphop-Platte des Jahres. Die deutsche Presse erwies sich wieder als die höflichste der Welt und lobte das Album. Schließlich stehen auch in den letzten Bedenkenträger-Wärmestuben des Feuilletons heutzutage Computer, auf denen unablässig die alte Achtziger-Jahre-Weisheit blinkt: Mainstream ist das neue Indie.

    Natürlich gibt es über Eminem nicht mehr Neues zu berichten, als dass er erst abhängig und dann in der Reha war. In der Welt des Pop eine Nachricht, deren Sensationswert begrenzt ist – aber was nützt das dem Individuum, das ganz real an seiner Sucht leidet? Und Eminem, der am häufigsten überhöhte Popstar des ablaufenden Jahrzehnts, war von Anfang an ein Schmerzensmann, vergleichbar mit wirklich allen, die in der weißen Kultur als verbogene Helden und Leidensgestalten zur Verfügung stehen: von Cobain über Elvis bis hin zu Jesus. Längst steht er auf einer Ebene mit den Stars, über die er sich lustig macht. Britney Spears ist ein Wrack mit Drogen- und Beziehungsproblemen, Eminem ist es genauso. Im Video zur Hiphop-Polka »We Made You« verspottet er die amerikanische Popkultur. Das ist selbstironisch und kommt doch allzu routiniert daher: Schließlich sah das Video zu »Just Lose It«, einer Single aus der vorigen Platte »Encore«, fast identisch aus. Eminem variiert gern.

    Das Album »Relapse« ist sogar eine einzige Variation klassischer Eminem-Themen: Eröffnet wird es von einem veritablen Tryptichon der Paranoia und des Missbrauchs. Folgen lässt Eminem mitunter Songs, die ein wenig zu sehr zu Horror-Großvisionen aufgeblasene Geschichten von Leichen auf dem Fußboden, Spermaverköstigung und der süchtigen Mutter erzählen. Ein Track im Oriental-Sound, und auch eine Heul gitarrenballade dürfen nicht fehlen; das Schlussstück wird gar von Andrew-Lloyd-Webber-haften Opernchören getragen. Perfekt abgemischt ist das Ganze von Dr. Dre. So sind die Stärken der Platte – die alles zermalmenden Soundscapes einer Großproduktion – zugleich ihre Schwäche: Vieles erinnert zu sehr an die Musik zu »Godzilla«. Nach fünfjähriger Pause hat sich Eminem dem so erprobten wie wenig überraschenden Konzept der künstlerischen Weiterentwickelung komplett verweigert – das ist das eigentlich Bemerkenswerte an »Relapse«.

    Nach dem Anti-Bush-Hit »Mosh« im Jahr 2004 hatte sich ja auch der letzte Skeptiker mit ihm angefreundet, und man musste fürchten, er befände sich nun auf dem Weg zum pathetischen Demokraten, einem Springsteen des Hiphop. Das ist nicht eingetreten. Amerika lässt sich auch unter dem neuen Präsidenten von psychisch angeschlagenen Großidolen aus der Regierungszeit des mittlerweile auch nach halboffizieller Lesart als psychisch angeschlagen geltenden George W. Bush unterhalten: eine fast schon luxuriöse Ehrlichkeit.

LABEL: Interscope Records | VERTRIEB: Universal Music


VIDEO: Eminem – Crack a Bottle

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