Natürlich benutzte Naomi Campbell Platzpatronen …

Mode-Interview: Nick Knight

Text:

Berühmt wurde er als der Modefotograf, der zwar keinen Look hat, aber eine »unverwechselbare Haltung zum Sehen« – so jedenfalls schrieb es ein Kritiker. Tatsächlich hat Nick Knight Stars wie Leigh Bowery oder Björk mit derselben Sensibilität und Begeisterung für das Repertoire der Postproduktion in Szene gesetzt wie Werbekampagnen für Yohji Yamamoto oder Jil Sander. In diesem Frühjahr wird Knights lange vergriffene, in violetten Samt eingeschlagene Retrospektive »Nicknight« aus dem Jahr 1994 neu aufgelegt. Derweil experimentiert der 50-jährige Visionär, der mit seiner Familie im Örtchen Petersham vor London in einem vom Star-Architekten David Chipperfield für ihn entworfenen Glashaus lebt, mit seinem neuesten Tool: einem 3D-Scanner. Außerdem erfreut er sich an der Klickrate seiner vor neun Jahren gelaunchten Mode-Website SHOWstudio.com, auf der er das Video als Zukunftsmedium der Modebranche propagiert.

Nick Knight Spex #320 Mode-Interview Ruth Hobgen

»Was auf den Modenschauen in Paris gezeigt wurde, sieht man in ihnen erst fünf oder sechs Monate nach dem Stichtag. Im Internet sieht man es noch am selben Tag.« (Nick Knight)

(Foto: © Ruth Hobgen)

Herr Knight, was ist das Unzutreffendste, was je über Sie geschrieben wurde?
     Einmal schrieb man über mich, ich hätte mir die Nägel maniküren lassen.

Was ist Ihre Lieblingsfarbe?
     Das helle Blau, das man in dem Mineral Hemimorphit findet. Normalerweise ist dieser Stoff grau, doch wenn ein wenig Kupfer mit in die Verbindung einfließt, wird dieses Grau zu einem wunderbar transparenten und zugleich tiefen Hellblau – wie Wellen vor einem weißen Sandstrand. Oder wie das Blau der Erde, wenn man sie aus dem Weltall fotografiert.

Warum sind Sie Fotograf geworden?
     Bestimmt nicht, weil ich den Menschen zeigen will, wie ich die Welt sehe. Schon eher, weil ich selbst etwas sehen will, das ich noch nicht gesehen habe. Das ist ja ein klassisches Missverständnis in Bezug auf die Fotografie: dass Fotografen das abbilden, was sie sehen. Richtig ist: Als Fotograf sieht man in dem Moment, in dem man den Auslöser drückt, selbst noch nicht das Bild, was man gerade aufnimmt. Es gibt den Moment, in dem der Blitz losgeht, und es gibt den Moment, in dem die Blende zuschnappt – doch dazwischen passieren allerhand Dinge, die erst auf dem Abzug sichtbar werden. Als Fotograf tut man also gewissermaßen nichts anderes, als einem Moment zuvorzukommen.

Ein Blick in die Zukunft?
     Die Antwort hat viel mit Intuition zu tun, mit einer Vorahnung. Wenn ich ein Foto schieße, versuche ich, eine Spekulation darüber anzustellen, wie etwas aussehen wird. Insofern geht es in der Tat um etwas Zukünftiges. Das ist auch das, was mich besonders an der Mode fasziniert: dass sie ein Medium ist, über das fast nur in der Zukunftsform gesprochen wird. Es geht immer um die nächste Kollektion. Die Mode ist dem Rest der Welt um anderthalb Jahre voraus. Das bedeutet, dass ich als Modefotograf in gewisser Weise an der Zukunft arbeite – das ist doch toll!

Jedenfalls sind Sie immer ein Fotograf gewesen, der ganz bewusst technische Innovationen zu begrüssen schien.
     Ja. Purismus, Realismus, Analog-Fetischismus – das bringt doch alles nichts! Schon als ich 1979 anfing Fotografie zu studieren, am College of Art and Design in Bournemouth and Poole, hatte ich den Eindruck, die klassische Fotografie sei längst dem Tod geweiht. Ich will damit sagen: Schon damals begann die Fotografie, sich zu etwas anderem zu entwickeln. Homevideo wurde populär, die ersten Bildbearbeitungsprogramme waren schon in der Entwicklung, und so weiter. Sobald ich mich mit Fotografie beschäftigte, wollte ich sie schon verändern. Um mich herum schwärmten alle noch von den Fotografien Alfred Stieglitz’ und Edward Steichens und versuchten mit Kodachrome möglichst originalgetreue Hautfarben zu erzielen. Ich hingegen studierte Kurt Schwitters, die Fotocollagen der russischen Konstruktivisten, bemalte meine Negative mit Farbe und probierte auch sonst alle möglichen Dinge aus, die außerhalb der Standards konventioneller Fotografie lagen.

Nick Knight Spex #320 Mode-Interview Skinhead

Bild aus »Skinhead«, 1982

(Foto: © Nick Knight)

In den Achtzigern experimentierten Sie sehr erfolgreich mit der Crossentwicklungsmethode, bei der ein Negativfilm als Positiv entwickelt wird, sodass die Farben und Kontraste besonders knallen.
     Ja, auf diese Weise bekam ich aus einem einzigen Bild einen ganzen Raum voll verschiedener Abzüge. Man könnte sagen: Ich wollte herausfinden, was Fotografie überhaupt ist, ich wollte ihre Parameter testen. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass ich ursprünglich aus der Wissenschaft kam: Ich hatte vorher Biologie studiert und dachte, ich würde Mediziner werden, dann entschied ich mich aber für Fotografie – ohne zu wissen, ob ich darin überhaupt gut sein würde. So versuchte ich, wissenschaftliche Methoden auf die Kunst produktion anzuwenden – was einerseits natürlich absurd war, andererseits aber wunderbare Effekte produzierte!

Bekannt wurden Sie zunächst allerdings doch als dokumentarischer, der Realität verpflichteter Fotograf: Ihr erstes Buch »Skinhead« bildete 1982 die Skinhead-Szene rund um die Brick Lane in East London ab.
     Das war meine Szene! Ich war als Teenager selbst Skinhead. Ich hatte mich mit elf in ein Skinhead-Mädchen verliebt, das neben uns wohnte. Sie war 15 und sah toll aus! Ich wurde sozusagen Skin aus Liebe, meine Motive waren sexueller Natur. Das ging so, bis ich etwa 19 war. Als ich dann während des Fotografiestudiums nach Motiven suchte, dachte ich: Ich fotografiere einfach das, was ich kenne. Aber natürlich nimmt die Kamera auch immer Dinge auf, die man nicht kennt. Erst auf dem Abzug sieht man – wie gesagt – all das, was auf dem Foto wirklich enthalten ist. Das heißt, man entdeckt auch Dinge, die einem nicht gefallen – Dinge, die man gar nicht ausdrücken wollte.

Während wir sprechen, liegt an den Kiosken in England die diesjährige März-Ausgabe der britischen Vogue aus, in der zwei große Modestrecken von Ihnen enthalten sind. Auch das Cover haben Sie fotografiert, mit dem Model Lily Donaldson. Parallel dazu sagen Sie wortwörtlich in einem Interview auf Ihrer Website nickknight.com: »Magazine sind es nicht mehr wert, gedruckt zu werden.« Wie passt das zusammen?
     Je mehr Widersprüche im Leben, desto besser! Lassen Sie es mich erklären: Das aufregendste Kommunikationsmedium unserer Tage ist zweifellos das Internet – und nicht das klassische Modemagazin. Für Magazine zu arbeiten, macht zwar nach wie vor Spaß, doch es bringt mir nicht mehr denselben Kick wie früher. Ich halte mittlerweile das bewegte Bild, also Film oder Video, für das viel passendere Medium für Mode. Hinzu kommt: Modemagazine haben mittlerweile ein massives Timing-Problem: Was auf den Modenschauen in Paris gezeigt wurde, sieht man in ihnen erst fünf oder sechs Monate nach dem Stichtag. Im Internet sieht man es noch am selben Tag. Strecken in Magazinen haben so gesehen keinerlei Bedeutung mehr, außer vielleicht um zu zeigen: So sieht das Ganze aus, wenn Mario Testino es fotografiert, und so sieht es aus, wenn Steven Klein es fotografiert. Aber wen interessiert das?

Nick Knight Spex #320 Bernhard Willhelm Stills.jpg

»Es ist heute möglich, ein Modefoto in einer Sekunde weltweit zu veröffentlichen, ohne einen zähen editorischen Prozess bei Condé Nast zu durchlaufen.« (Nick Knight)

Stills aus dem Modefilm »Men in Tights« zu Bernhard Willhelms Herbst/Winter-’08-Kollektion, 2008

(Foto: © Nick Knight)

Deswegen haben Sie im Jahr 2000 gemeinsam mit Peter Saville die Mode-Website SHOWstudio.com ins Leben gerufen?
     Genau. Es ist heute möglich, ein Modefoto innerhalb von nur einer Sekunde weltweit zu veröffentlichen, ohne einen zähen editorischen Prozess bei Condé Nast oder irgendeinem anderen Verlag durchlaufen zu müssen. Genauso schnell kann ich einen Film hochladen. Mit nur einem Knopfdruck. Peter Saville ist mittlerweile an SHOWstudio nicht mehr beteiligt, doch mit der Website wollen wir die Mode in die Zukunft bringen.

Sie begleiten auf SHOWstudio nun schon eine Weile die Karriere des hochgehandelten Designers Gareth Pugh. Was finden Sie an ihm interessant?
     Seine Entwürfe sind aufregend, kraftvoll, selbstermächtigend! Als ich sie zum ersten Mal sah, war mir sofort klar, dass wir es hier mit jemandem zu tun haben, der eine komplett neue Vision hat. Gareth ist eines der größten Designtalente seit John Galliano und Alexander McQueen! Er befindet sich jetzt, mit gerade mal 27 Jahren, bereits an einem ganz entscheidenden Punkt seiner Karriere: Er hat gerade zum dritten Mal seine Prêt-àporter-Kollektion in Paris gezeigt, Beyoncé trägt seine Entwürfe in Musikvideos, und es geht das Gerücht, er solle bald Kris van Assche als Menswear-Designer bei Dior ablösen!

Die ersten Kollektionen Pughs wirkten noch, als sei er etwas zu stark auf die Kostüme von Leigh Bowery fixiert – den Sie in den achtziger Jahren fotografierten.
     Ich würde nie auf die Idee kommen, Gareth auf Leigh Bowery zu reduzieren, in ihm steckt viel mehr, von Shakespeare bis Space Shuttle, von Kendo bis Flamenco! Vor allem ist Gareth einer jener Jungdesigner, die gerade ins Geschäft drängen und die bereits mit dem Internet und mit YouTube aufgewachsen sind. Sie wollen gar nicht mehr in das alte System passen. In Print-Magazinen stattzufinden, ist Gareth nicht so wichtig. Das Internet bedeutet ihm viel mehr. Ein Beispiel von Anfang März, während der letzten Schauen in Paris: Die gesamte Modepresse der Welt blickte auf ihn – und was machte er? Er entschied sich dafür, seine Kollektion nicht in Form einer normalen Laufsteg-Show zu präsentieren, sondern als Modefilm, der gleichzeitig im Internet zu sehen war. Großartig!

Auch Stefano Pilati, der Kreativdirektor von Yves Saint Laurent, präsentiert die YSL-Herrenkollektionen mittlerweile in Videoform, und Prada produziert ebenfalls Filme: Begreift die Modeindustrie das Konzept des Modefilms inzwischen?
     Ich würde sagen: Ihr bleibt keine Wahl! Als wir SHOWstudio im Jahr 2000 gründeten, operierte die Modeindustrie technisch noch in der Steinzeit – viele Moderedakteure hatten noch nicht mal E-Mail-Adressen. Sie waren sogar stolz darauf! Sie sagten: »Mais non – wir sind doch nicht techy!« Es hat fast zehn Jahre und die Andeutung einer großen Finanzkrise gebraucht, um ihnen Beine zu machen. Wie immer geht es jetzt um Geld! Ich mag Finanzkrisen zwar nicht, sie bringen vielen Menschen Leid, doch das Gute an ihnen ist, dass sie die Menschen auch dazu bewegen, ihre Werte zu überprüfen. Wenn die Modeindustrie nun also klassische, kosten intensive Formate wie Modenschauen und Magazinwerbung auf den Prüfstand stellt, tut sie dies aus rein finanziellen Motiven. Die Frage lautet ganz einfach: Was sind die dreihundert Journalisten, die zu einer Modenschau kommen, und was sind die 200.000 Magazinkäufer, die eine Anzeige überblättern, gegen die Millionen von Menschen, die man im Internet erreicht? Für den Modefilm wird das positive Folgen haben, da bin ich mir sicher.

Nick Knight Spex #320 Mode-Interview Modefilm

»Das Modegeschäft ist durch und durch rassistisch – was damit zu tun hat, dass wie überall Männer in den entscheidenden Positionen sitzen« (Nick Knight)

Stills aus dem Kurzfilm »Untitled« zum »Political Fashion«-Projekt auf SHOWstudio.com, 2008

(Foto: © Nick Knight)

Was genau ist der Modefilm?
     Man darf den Modefilm nicht als Musikvideo für die Modeindustrie missverstehen. Im Musikvideo folgt die Narration der Musik, im Modefilm verhält es sich genau andersherum: Zwar hört man in ihm auch Musik, der Soundtrack ist sogar sehr wichtig, doch das Visuelle darf dem Sound nicht folgen. Die Narration kommt einzig und allein aus dem Kleidungsstück selbst. In jedem Kleidungsstück steckt eine Geschichte. Die Aufgabe des Modefilms ist es, diese Geschichte hervorzubringen – und auf diese Weise zu vermitteln, worum es bei dem Kleidungsstück geht. Seien wir doch ehrlich: Wenn ein Designer eine Kollektion entwirft, tut er das nicht für Schaufensterpuppen, sondern für Menschen, die sich bewegen. Der Designer hat vor Augen, wie die Entwürfe in Bewegung aussehen. Diese Dynamik kann im Modefilm und im Internet endlich angemessen dargestellt werden. Fotos in Modemagazinen waren immer ein Kompromiss – auch wenn sie von Irving Penn, Guy Bourdin oder Helmut Newton stammten und natürlich toll aussahen!

Manche dieser berühmten Fotografen experimentierten selbst schon mit Film.
     Stimmt. Deswegen versuchen wir auf SHOWstudio auch, so viele dieser Filme wie möglich zu zeigen. Zum Beispiel kann man sich auf der Seite aktuell die Modefilme von Guy Bourdin aus den siebziger Jahren anschauen. Das Interessante an ihnen ist, dass sie zwar ganz einfach produziert wurden, trotzdem man aber in ihnen genau die Qualitäten erkennt, die auch Bourdins Modefotos auszeichnen – selbst wenn in den Filmen manchmal nichts weiter zu sehen ist als ein Mädchen in Satinwäsche, das falsch herum auf einem Bürostuhl sitzt und damit vor einer roten Wand hin- und herrollt. Vor kurzem sind wir glücklicherweise auch an die Modefilme von Erwin Blumenfeld gekommen, einem der besten Modefotografen aller Zeiten. Er experimentierte bereits in den Fünfzigern mit Film und versuchte seine Kunden davon zu überzeugen, dass Film das viel bessere Medium für Mode sei als die Fotografie.

Wo Sie Erwin Blumenfeld erwähnen: Stimmt es, dass er der seinerzeit weltweit erste Fotograf war, der ein schwarzes Mannequin für eine Zeitschrift fotografierte?
     Da wäre ich mir nicht so sicher.

Blumenfeld fotografierte 1957 die Afroamerikanerin Bani Yevelston für das Life Magazine. Es gibt jedoch auch Stimmen, die behaupten, das erste schwarze Model sei Adrienne Fidelin gewesen, eine aus Guadeloupe stammende Tänzerin, die Man Ray zwanzig Jahre früher, 1937, für Harper’s Bazaar fotografierte.
     Ich halte es für aussichtslos, herausfinden zu wollen, wann genau in welchem Magazin das erste schwarze Model abgebildet wurde. Dafür müsste man erst mal festlegen, ab wann die Berufsbezeichnung ›Model‹ oder ›Mannequin‹ Gültigkeit hatte und ab welchem Punkt ein Mensch als ›schwarz‹ zu bezeichnen ist. Sie sprechen das Thema vermutlich an, weil ich im letzten Jahr mit Naomi Campbell einen Film für das »Political Fashion«-Projekt auf SHOWstudio.com realisiert habe?

In diesem Film mit dem Titel »Untitled« klagen Sie an, wie wenig schwarze Models in der Modeindustrie Arbeit finden. Naomi Campbell ballert dazu mit zwei Maschinenpistolen in Richtung Kamera.
     Keine Sorge, natürlich benutzten wir für diesen Dreh Platzpatronen. Trotzdem war es ein komisches Gefühl, durch die Linse der Kamera zu blicken und direkt vor sich Naomi mit zwei Maschinenpistolen stehen zu sehen. Naomi gefiel das aber ganz gut! Natürlich könnte man fragen, warum ausgerechnet sie glaubt, sich darüber beschweren zu müssen, dass schwarze Models im Modegeschäft benachteiligt werden – sie selbst ist schließlich außerordentlich erfolgreich! Aber Naomi erzählte mir, dass auch sie immer wieder mit Rassismus konfrontiert wird, dass sie bestimmte Jobs aufgrund ihrer Hautfarbe nicht bekommt – und das glaube ich ihr.

Speed

»Warum immer nur absaugen, aufpolstern und glätten, anstatt mal ins Tierreich zu schauen?« (Nick Knight)

Sarah Wingate for Yohji Yamamoto, Paris, 1986, aus dem Buch »Nicknight«

(Foto: © Nick Knight)

     Das Modegeschäft ist durch und durch rassistisch. Was damit zu tun hat, dass – wie in allen Industrien – Männer in den Entscheidungspositionen sitzen. Diese Männer scheren sich nicht um Kreativität oder Gleichberechtigung, sie achten einzig auf die Zahlen. Und alles, was diese Zahlen in Gefahr bringen könnte, ist verboten. Dahinter steckt die Annahme, dass schwarze Models der Zielgruppe nicht gefallen – was natürlich Schwachsinn ist! Ich versuche deswegen so oft wie möglich, mit schwarzen Models zu arbeiten. Ich werde jede Saison bei Vogue vorstellig und sage: »Ich würde gerne eine Strecke mit schwarzen Models fotografieren.« Manchmal klappt’s, meistens nicht. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Gilt das auch für übergewichtige Models? Die Strecke, die Sie 1997 mit der nackten Sophie Dahl für i-D fotografierten, sorgte damals für viel Diskussionen. Vor kurzem hat nun der Condé Nast Verlag mit »Love« ein neues Prestige-Magazin auf den Markt gebracht, auf dessen erstem Cover Beth Ditto nackt zu sehen ist.
     Ich würde das zwar niemals als persönlichen Triumph werten, auch wenn ich sicher dazu beigetragen habe, dass das Thema rundliche Models im Modegeschäft zumindest mal thematisiert wurde. aber man muss immer mit gutem Beispiel vorangehen. Mit Kritik und Mäkeleien allein wird man nichts bewirken. Dicke Menschen sind genauso attraktiv wie Menschen mit Traummaßen, ich als Fotograf muss also – wenn ich die Chance habe, einen solchen Menschen zu fotografieren – beweisen: Kurven sind genauso ästhetisch wie Linien. Um genau zu sein: Ich muss beweisen, dass Kurven noch viel schöner sind als Linien – und so dafür sorgen, dass niemand mehr auf die Idee kommt, nach der Norm zu verlangen.

Mode kann also tatsächlich politisch sein?
     Ich möchte anders herum fragen: Wie könnte Mode nicht politisch sein? Leider haben viele Menschen ein Problem damit, dies einzusehen. Der Grund ist: Sie begreifen Mode als etwas Flüchtiges – und wünschen sich von der Politik, sie möge verlässlich sein und stabile Verhältnisse schaffen. Dabei sehen wir besonders heute wieder, dass Politik mindestens genauso wechselhaft ist wie die Mode! Tatsächlich sind unsere Kleidung und die Mode unsere allerersten Kommunikationsmittel: Mit ihnen drücken wir aus, wer wir sind. Das habe ich besonders in meiner eigenen Skinhead-Zeit erfahren. Klassenunterschiede, sexuelle Verfügbarkeit, persönliche Reife etc. – alles kann man an der Kleidung ablesen. Allein deswegen ist Mode politisch! Dass man mit dieser Feststellung trotzdem noch provozieren kann, finde ich wiederum sehr bezeichnend: Wenn Menschen dies als Anmaßung oder Scheinheiligkeit empfinden, wenn sie der Mode keine Ernsthaftigkeit zusprechen und sie als eitles Treiben abtun, dann zeigt das nur, wie stark wir noch immer vom Protestantismus geprägt sind.

Möglicherweise hat die Skepsis auch damit zu tun, dass das Bild von politischer Mode derzeit stark von Vivienne Westwoods Widersprüchlichkeiten dominiert wird? Westwood hat ebenfalls einen Film zum »Political Fashion«-Projekt auf SHOWstudio beigetragen, und mit ihrem »Against Propaganda«-Manifest führt sie einen bitteren Feldzug gegen Junk-Kultur – was sie seltsamerweise aber nicht davon abhält, Pamela Anderson zum Gesicht ihrer neuen, von Juergen Teller fotografierten Werbekampagne zu machen.
     Wie gesagt: Was wäre das Leben ohne Widersprüche? Ich vermute, Vivienne Westwood hat sich mit ihrer strikten Ablehnung von Kino und Fernsehen und ihrem flammenden Literatur-, Theater- und Museumsfanatismus mittlerweile so weit von unserer Welt entfremdet, dass es ihr schon wieder möglich ist, eine Figur wie Pamela Anderson rundum faszinierend zu finden – einfach, weil sie solchen TV-Trash gar nicht kennt!

Stimmt es, dass Juergen Teller Ihnen in den Achtzigern mal einen Tag assistiert hat?
     Das stimmt tatsächlich! Juergen stellte sich bei mir vor, er sagte, er sei gerade aus München nach London gezogen und ein großer Fan meiner Arbeiten. Ich blätterte sein Portfolio durch und fragte ihn: »Juergen, was willst du hier? Du hast doch deine Vision schon im Kopf! Warum willst du deine Zeit mit mir verschwenden?« Trotzdem wollte er mir unbedingt assistieren. Wir vereinbarten also, dass er für einen Tag in mein Studio kommt – um zu sehen, dass ich ihm nichts mehr beibringen kann. Und so war es dann ja auch.

Gibt es jemanden, den Sie gerne noch fotografieren würden? Michael Jackson vielleicht?
     Michael Jackson? Unbedingt! Sie werden lachen, aber ich bekomme alle paar Jahre einen Anruf aus Michael Jacksons Büro, ob ich ihn für dieses oder jenes Magazin fotografieren könne. Bis jetzt habe ich immer zugesagt – trotzdem hat es nie geklappt, weil Michael doch immer wieder kurzfristig absagte. Vielleicht wird ja diesen Sommer endlich etwas daraus, wenn er in London mit seiner »This Is It«-Konzertreihe beginnt. Ich würde ihn tatsächlich sehr gerne mal fotografieren. Ich habe überhaupt kein Problem mit Menschen, die schon oft beim Schönheitschirurgen waren. Im Gegenteil: Ich finde sie faszinierend! Vielleicht liegt das daran, dass ich früher Biologie studiert habe. Um genau dieses Thema wird es übrigens auch in unserem nächsten Filmprojekt auf SHOWstudio gehen: um den menschlichen Körper und seine Veränderungen in der Mode.

Sie sprechen von Schönheitschirurgie, Diätpillen, Botox, Bodybuilding?
     Genau. Wir werden für »The Fashion Body« vor allem Modedesigner und ihre Körper unter die Lupe nehmen. Modedesigner gehen ja mittlerweile häufig mit gutem Beispiel voran und pflegen ein ausgesprochen kreatives Verhältnis zu ihrem Körper: Marc Jacobs hat sich nach seinem Drogenentzug innerhalb kürzester Zeit zum Muskelmann hochtrainiert, John Galliano ist ein totaler Aerobic-Freak, Karl Lagerfeld hat vierzig Kilo abgespeckt, Hedi Slimane sieht immer verhungert aus. Ich würde die Bodystyling-Industrie und die Schönheitschirurgie aber nie kritisieren oder mich über sie lustig machen.Warum? Die Möglichkeiten, die diese Techniken schon bald bieten werden, sind hochinteressant – genauso wie jede neue Kamera oder jedes neue Photoshop-Tool interessant ist. Die Frage ist einzig, wie diese Technik benutzt wird. Ich bin der Meinung, dass Menschen sich auf keinen Fall operieren lassen sollten, um sich einem Schönheitsideal anzupassen. Wir sollten die technischen Möglichkeiten vielmehr dazu nutzen, um uns zu diversifizieren!

Sonst sehen alle Menschen aus wie Michael Jackson, und niemand ist mehr schön?
     Das wäre schrecklich! Warum lassen wir unsere Nasen immer nur begradigen und verkleinern, anstatt sie mal richtig aufzupumpen oder um 180 Grad zu drehen? Warum immer nur absaugen, aufpolstern und glätten, anstatt mal richtig in die Ersatzteilkiste zu greifen oder auch ins Tierreich zu schauen? Wie toll wäre es, wenn es medizinisch möglich wäre, sich die Muskeln und die Reißzähne eines Leoparden einsetzen zu lassen! Das würde die sexuelle Attraktivität enorm steigern! Ich würde das gerne noch erleben. Die Wissenschaft kann sich ruhig mal ranhalten!

Nick Knight »Nicknight«. 162 Seiten, 121 teils farbige Abbildungen, gebunden, englische Ausgabe (Schirmer/Mosel) VÖ: Mai 2009

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