Ein Quantum Proust

Phoenix

Text:

Die Evolution der New Wave findet in Versailles statt, ausgerechnet, an dem Ort, wo der Glanz des Sonnenkönigs ewig strahlt und ›Rock‹ sonst eher ›Barock‹ meint: Phoenix, die fantastischen Franzosen um Thomas Mars, präsentieren mit »Wolfgang Amadeus Phoenix« ein neues Album, das nicht nur einen pompösen Titel trägt, der ausgeschrieben toll aussieht, sondern das mit musikalischer Dichte begeistert, in der jeder Vokal exakt auf seinen Akkord und zum nächsten Tusch passt. Spex-Autor Harald Peters flog nach Paris, um eine gutgelaunte Band zu treffen und über Bomben, Bonbons und, ach, die wohlduftenden Madeleines zu plaudern.

Phoenix Spex #320 Yves Borgwardt

Laurent Brancowitz, Thomas Mars, Deck D’Arcy und Christian Mazzalai (v.l.n.r.): Jenseits von jedem lebten Phoenix in Versailles ein Leben ohne Referenzen. Erst der Welterfolg zwang die Band zur eigenen Verortung in der Popkultur.

(Foto: © Yves Borgwardt / SPEX)

Man mag es kaum glauben, aber mitunter zahlt sich selbst im Pop ein bisschen Bildung aus. Wobei es sich natürlich niemals auszahlt, die Bildung dann auch auszustellen. Im Idealfall denkt man gar nicht weiter über seine Bildung nach, sondern lässt das Wissen, das sich über die Jahre angesammelt hat, mitschwingen, ohne viel Aufhebens, einfach so. Selbstverständlich würden Phoenix sich selbst nie als gebildet beschreiben. Ganz im Gegenteil sagt Phoenix-Sänger Thomas Mars: »Wir sind total unwissend, wir wissen nichts.« Denn Phoenix sind nicht nur gebildet, sondern auch bescheiden. Und nur eine gebildete und bescheidene Band kann auf die Idee kommen, einem Album den großspurigen Titel »Wolfgang Amadeus Phoenix« zu geben und dann noch nicht einmal zu wissen, warum.

    Thomas Mars: Wir ahnten, dass der Titel Fragen aufwerfen würde.
    Laurent Brancowitz: Ich glaube, Thomas hatte die Idee, oder?
    Christian Mazzalai: Ja, er kam damit an, als wir mitten in den Aufnahmen steckten.
    LB: Ich erinnere mich noch an den bleiernen Ausdruck auf unseren Gesichtern.
    TM: Der Titel war eine Eingebung.
    LB: Es ist natürlich schwer, eine Eingebung abzulehnen, und vielleicht auch etwas unhöflich. Also sagten wir erst einmal nichts. Und mittlerweile lieben wir den Titel. Es hat zwar etwas gedauert, aber wir ›lieben‹ ihn.
    TM: Schon wie »Wolfgang Amadeus Phoenix« geschrieben aussieht, ist einfach très bien! Es ist mir ein Rätsel, woran es liegt, aber welchen Font man auch nimmt: Der Name ›Wolfgang‹ sieht gesetzt einfach immer gut aus.
    LB: Wir mögen, dass er irgendwie europäisch klingt. Und gewagt. Er verlangt, dass man an ihn glaubt – von den Hörern und auch von der Band. Wir wollten unbedingt einen sicheren, schönen und wohldesignten Titel vermeiden, einen Titel, der clever klingt. Clever wie »Dark Eyes«.
    CM: »Dark Eyes«?!
    LB: Na ja. »Wolfgang Amadeus Phoenix« ist wie Pop Art. Christians Mutter ist wie meine Mutter Deutsche. Sie war von dem Titel geschockt, so als hätten wir einen gemeinen Witz über Jesus gerissen. Sie war wirklich entsetzt! »Wolfgang Amadeus Phoenix« – so ein Titel provoziert natürlich einen ästhetischen Schauder.
    TM: Aber das ist doch das Schöne daran: Man macht mit seinen Freunden Musik und akzeptiert es.

    Thomas Mars, Deck D’Arcy und die Brüder Christian Mazzalai und Laurent Brancowitz freunden sich an, als sie gerade einmal zehn sind. Sie wachsen auf in Versailles, einer Stadt, bei deren bloßer Erwähnung sie noch immer ganz nachdenklich werden. Sie machen dann ernste Gesichter und senken die Stimme, als hätte diese Stadt mit ihren zauberhaften Alleen, herrlichen Gärten und prächtigen Schlössern immer noch eine schreckliche Macht über sie. Offenbar hat ihnen Versailles während ihrer Kindheit schwer zugesetzt. Sie haben sich als Außenseiter gesehen und sich selbstverständlich geweigert, mit den anderen Kindern zu spielen. Stattdessen sind sie lieber in ihren Keller hinabgestiegen, um, beflügelt von romantischen Fluchtgedanken, Musik zu machen.

    Das durfte natürlich keine französische Musik sein, weil man bei der Flucht aus Versailles mit französischer Musik nicht besonders weit kommt. Thomas sagt: »Wir hatten keine Wahl.« Deck sagt: »Wir waren Teenager, als wir anfingen. Und als Teenager will man cool sein. Französisch aber war nicht cool.« Laurent sagt: »Wir wollten in derselben Liga spielen wie unsere Vorbilder. Wenn du Basketball spielst, träumst du ja auch nicht von der französischen Liga.« Christian nickt und sagt nichts.

    Die Träume sind gewaltig, die Anstrengungen enorm, doch die Versuche, zu einer amerikanischen oder einer britischen Band zu werden, sind natürlich zum Scheitern verurteilt. Phoenix sind so französisch, wie man nur französisch sein kann. Selbst wenn sie sich in die universelle Indie-Rock-Uniform werfen, ist ihr Französischsein nicht zu übersehen. Es kommt eben nicht darauf an, was man trägt, sondern wie man es trägt. Rein äußerlich pflegen sie ein Erscheinungsbild, dem das Modemagazin Fantastic Man einmal die Bezeichnung ›Style négligé‹ verpasste: eine rundum überzeugende Mischung aus zeitlos gutem Geschmack, qualitativ hochwertiger, aber unmodischer Designerkleidung sowie deutlichen Anzeichen leichter Verwahrlosung, wie sie nur Angehörigen der französischen Bourgeoisie gelingt. Die Hosen sind gern ausgebeult, die Hemden knittrig und verrutscht, während die Haare, stets zu lang und strähnig, das unrasierte Gesicht nachlässig verhängen.

    Aber davon wissen sie als Teenager noch nichts, da sind sie noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt: In der Abgeschiedenheit ihres Kellers erspielen sie sich eine eigene Welt, ein ganzes Universum gewissermaßen, in dem die unterschiedlichsten Stile nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern friedlich nebeneinander existieren. Thomas, Deck, Christian und Laurent müssen sich auch nicht zu anderen Bands in Beziehung setzen, denn in Versailles gibt es ja keine anderen Bands. Dort gibt es auch keine Konzerte, daher brauchen sie zunächst auch noch nicht einmal einen Namen. Der wird erst 1997 mit ihrer Debütsingle »Party Time / City Lights« notwendig.

    Drei Jahre später folgt ihr erstes Album »United«, ein höchst rätselhaftes Werk, das einem selbst heute noch komisch vorkommt. Was mögen sich Phoenix bloß bei dem bunten Durcheinnebenander aus Softrock, Hardrock, Funk, Hiphop, Discopop gedacht haben? Und dann erst diese Anordnung der Songs? Da passt eigentlich überhaupt nichts zusammen. Doch viel dachten sie sich dabei gar nicht, sie übergaben bloß das, was sie über Jahre hinweg in ihrem Keller gemacht hatten, plötzlich der Öffentlichkeit. Die konnte damit erwartungsgemäß wenig anfangen, was aber die beiden auf dem Album enthaltenen Hits »Too Young« und »If I Ever Feel Better« nicht daran hinderte, sich nach und nach doch nach ganz oben zu schrauben.

Das Musikvideo zu Phoenix’ aktueller Single »Lisztomania« führt die Band nach Bayreuth. Ein Besuch im Festspielhaus wurde dafür mit Aufnahmen eines zuvor in Paris gegebenen Konzerts verschnitten, der Auftritt der Band im großen Saal ist somit bloße Inszenierung – und damit gelungenes Schauspiel, wobei man Phoenix tatsächlich gerne in jener alten Halle hätte spielen sehen wollen.

VIDEO: Phoenix – Lisztomania
Regie: Antoine Wagner

    CM: Die Zeit war auf unserer Seite.
    LB: Zuerst verstand uns niemand. Es gab keine Kategorie für uns. Aber jetzt, in der Rückschau, sieht man, dass alles Sinn ergibt. Wir wussten immer, wohin wir wollten, aber die Hörer kannten lange Zeit nur den Ausgangspunkt. Mittlerweile gibt es schon eine gewisse Strecke, die wir zurückgelegt haben, eine Richtung, die erkennbar wird.

    2004 reicht die zurückgelegte Strecke bereits bis zu »Alphabetical«, dem zweiten Album, auf dem Phoenix versuchen, all die unterschiedlichen Einflüsse, die auf »United« noch säuberlich voneinander getrennt sind, miteinander zu verknüpfen. Die Produktion gerät zu einer mehrjährigen Tüftelarbeit. Thomas sagt: »An manchen Stücken haben wir so lange gebastelt, dass sie zum Schluss völlig unzugänglich waren. Bei Konzerten haben wir uns fast dafür geschämt, sie zu spielen, so klaustrophobisch kamen sie uns vor.« Titel wie »Everything is Everything« und »Run Run Run« werden dennoch zu Hits, und »Alphabetical« ist heute so etwas wie das Steely-Dan-Album in ihrer Bandhistorie.

    Phoenix beschließen bei dem dritten Album, sich zur Abwechslung mal etwas zu beeilen. Sie siedeln kurzfristig nach Berlin über, sind nach nur drei Monaten mit den Aufnahmen fertig und stellen erstaunt fest: So war das ja noch nie. Das Album heißt deshalb auch »It’s Never Been Like That« und klingt passend zur knappen Produktionszeit angemessen flott. Die Arbeit an »Wolfgang Amadeus Phoenix« soll dann aber wieder erschöpfend gewesen sein.

    TM: Es hat fast zwei Jahre gedauert.
    Deck D’ Arcy: Wir haben sogar zwischen den Touren daran gearbeitet. Während einer Tour arbeiten wir nie an neuem Material.
    TM: Ich würde so gern während einer Tour an Songs arbeiten können. Bob Dylan erzählt ja immer, wie er ständig in Bewegung sei und überall neue Songs schreiben würde. Aber wir können das nicht. Wir brauchen den Stillstand und eine Umgebung, in der wir von allem abgekapselt sind. Uns darf nichts ablenken, wir müssen Ruhe haben, um darüber nachdenken zu können, wo und an welchem Punkt unseres Lebens wir uns befinden. Das ist nichts, worauf ich mich besonders freue, aber so muss es sein, um überhaupt arbeiten zu können.
    DD: Wir müssen uns in eine brenzlige Situation bringen, um etwas zu kreieren.

Brenzlig?
    DD: Okay, brenzlig ist wahrscheinlich das falsche Wort, aber es muss ungemütlich sein, irgendwie unangenehm. Und auf Tour ist es zu gemütlich.

Gemütlich?
    DD: Ja, du spielst deine eigenen Songs und machst Leute glücklich.
    TM: Es ist eine dankbare Arbeit. Man wird stehenden Fußes belohnt.

Phoenix Thomas Mars Spex #320 Yves Borgwardt


»Manchmal sind Texte so wichtig, dass ich um ein einzelnes Wort kämpfe oder entscheide, ganze Zeilen umzuschreiben, weil dieses eine Wort viel besser passt als ein anderes. Aber ihre Bedeutung ist unwichtig. Es gibt Dinge, die wichtiger sind als eine Botschaft.« (Thomas Mars, Phoenix)

(Foto: © Yves Borgwardt / SPEX)

Sie müssen sich also zum Songschreiben zwingen?
    TM: Ja, wahrscheinlich hängt es mit unserer katholischen Erziehung zusammen. Belohnung ohne Qual ist nicht gut für uns, dann fühlen wir uns schuldig. Wir müssen uns erst anstrengen, erst dann dürfen wir uns darüber freuen. Sähen, ernten. Ein Beispiel?

Sehr gern.
    TM: Wir sind für die Aufnahmen zu »Wolfgang Amadeus Phoenix« nach New York geflogen, nur für einen Monat. Dort haben wir uns diese nette Wohnung gemietet und standen schließlich mit allen unseren Instrumenten in einem Raum, der nicht größer war als ein Badezimmer.
    DD: Das Zimmer war wirklich sehr klein.
    TM: Der Raum war zudem dunkel, und er hatte keine Fenster. Es war, als hätten wir uns gar nicht dazu entschieden, diesen Raum überhaupt zu betreten, doch etwas zog und drängte uns in ihn hinein.
    DD: Wir können nicht in einer angenehmen Umgebung arbeiten – tolle Studios funktionieren nicht für uns.

Aber das Funkhaus des DDR-Rundfunks in Ostberlin, in dem Sie »It’s Never Been Like That« aufnahmen, war doch nett. Jedenfalls sah es auf den Fotos sehr schön aus – lichtdurchflutete Bauhaus-Architektur!
    TM: Aber es gab dort keine Heizung, uns war dauernd schweinekalt. Das war für die Aufnahmen rückblickend sehr wichtig.

    Passend zur Enge im New Yorker Wohnungsstudio ist »Wolfgang Amadeus Phoenix« nun ein Album geworden, auf dem die Töne so nah beieinander stehen, dass für zusätzliche Sounds und Ideen wirklich kein Platz mehr gewesen wäre. Das Album ist sozu sagen ziemlich dicht. Wobei die heitere Stimmung von »It’s Never Been Like That« wieder aufgegriffen wird, nur dass sie dieses Mal mit ganz anderen Mitteln erreicht wird. Das Vorgängeralbum ist aus der Hüfte geschossen und anproduziert, das neue ist bis zum Anschlag durchproduziert. Wofür nicht zuletzt Philippe Zdar von Motorbass und Cassius verantwortlich ist.

    LB: Zunächst hatten wir eigentlich gar keinen Produzenten, Philippe Zdar ist für uns eher ein Freund. Und dann schaute er manchmal im Studio vorbei, blieb vielleicht fünf Minuten, hörte sich etwas an und sagte: Macht das doch mal so und so, verändert das und das. Dann ging er wieder. Wenn wir ausprobierten, was er uns vorgeschlagen hatte, mussten wir einsehen: Er hatte immer Recht. Nach einer Weile wurde er also Teil des Projekts. Aber das hatten wir eigentlich gar nicht geplant. Wir können nicht planen. Früher haben wir es mitunter natürlich versucht, aber es geht nicht. Das haben wir mittlerweile verstanden. Wir haben aufgehört, unsere Planlosigkeit zu bekämpfen.
    CM: Kontrolle funktioniert für uns nicht. Wenn man sich zu sehr zu kontrollieren versucht, erstickt man den kreativen Prozess. Weil man zu sehr das im Auge behält, was man ohnehin schon kennt. Durch Kontrolle verschließt man sich neuen Möglichkeiten. Daher ändert sich auch mit jedem Album unsere Arbeitsweise. Dieses Mal hatten wir viele kleine Puzzleteile, ich glaube es waren an die tausend, die wir dann nach und nach zusammengesetzt haben.

    Das Zusammensetzen hat tatsächlich geklappt, und doch muss beim Puzzeln irgendwie der Gesang ins Hintertreffen geraten sein, man versteht ihn jedenfalls kaum. Schon beim letzten Album hatte man das Gefühl, dass die Texte bei Phoenix vielleicht nicht ganz so wichtig sind, wenn Thomas Mars in »Napoleon Says« etwa über den näheren Zusammenhang von Trenchcoats, langer Unterwäsche und weißen Pferden nachdachte. Doch jetzt erfasst man ihn überhaupt nicht mehr. Der Gesang ist nur noch Geräusch.

    TM: Das hängt damit zusammen, dass ich mehr sagen wollte als ich konnte, weil die Strophen doch so kurz waren. Also musste ich schneller singen, weshalb es sich anhört als würde ich eine Fantasiesprache benutzen, so wie der Sänger von Can. Aber ich mag es, wenn Hörer sich ihre ganz eigenen Vorstellungen davon machen, was ich da eigentlich singe – egal ob es einen Sinn hat oder nicht. Ich hatte früher ja auch Spaß an Songs von Prince, ohne einen blassen Schimmer zu haben, wovon sie überhaupt handelten. Er sang vielleicht über Kondome und Sex – aber ich ging davon aus, dass er über mich und mein Leben als Teenager singt. Und dann singt man so einen Prince-Song immer mit, und ein Jahrzehnt später fällt einem auf, dass man die ganze Zeit einen komplett falschen Text vor Augen hatte.

Texte sind also tatsächlich unwichtig?
    TM: Mais non! Manchmal sind sie sogar so wichtig, dass ich um ein einzelnes Wort kämpfe oder entscheide, ganze Zeilen umzuschreiben, weil dieses eine Wort viel besser zum Akkord passt als ein anderes. Die Worte sind also wirklich sehr wichtig, aber ihre Bedeutung ist es nicht. Es gibt Dinge, die wichtiger sind als eine Botschaft. Das sind Dinge, die unbewusst durch die Texte vermittelt werden.

Sie wollen der Welt also zumindest nichts erzählen? Oder wie meinen Sie das?
    TM: Nein, nein, mein Gott! Bloß nicht! Wir wollen keine Prediger werden. Man hat immer versucht, uns zu verformen, uns zu erzählen, was wir zu tun und was wir zu lassen haben, was wir zu denken haben und was nicht. Das hat gereicht. Damals, als Teenager in Versailles. (Kaum ist das Wort Versailles gefallen, wird die Band wieder sehr still…)

Wie sieht eigentlich das Cover aus?
    LB: Ich zeige es Ihnen. Es ist wie der Titel – sehr, sehr schockierend.

Was soll das sein? Bomben? Bunte Bonbon-Bomben?!
    CM: Das war Laurents Idee.

In Zusammenarbeit mit dem Magazin Dazed & Confused sowie dem Regie-Duo Bogstandard entstand ein Videoclip zu dem Song »1901«, den Phoenix schon lange vor der Albumveröffentlichung über ihre Webseite verschenkten.

VIDEO: Phoenix – 1901
Regie: Bogstandard

Drei bunte Bonbon-Bomben, auf denen »Wolfgang Amadeus Phoenix« steht. Das ergibt ja noch weniger Sinn, als man zunächst anzunehmen bereit war!
    LB: Wir wollten ein Cover, das man irgendwie benennen kann. Das Bonbon-Bomben-Cover – so wie das Bananen-Cover von Velvet Underground. Oder das Geldsack-Cover von Teenage Fanclub. Das Cover sollte eine ikonografische Kraft haben.

    Phoenix haben offenbar ein ganz wunderbares Talent für höchst seltsame Ideen. Dazu zählt auf »Wolfgang Amadeus Phoenix« auch das Stück oder, besser noch, die Komposition »Love Like a Sunset, Part 1 & 2« – ein sich langsam aufbauendes Instrumental-Monstrum mit allerhand Effekten, das immer wieder Anlauf nimmt, um nach einigen Minuten »Tusch« zu machen, anschließend die Richtung ändert und dann noch kurz auspendelt, als wäre nichts gewesen. Von flotten Popsongs umrahmt, haben Phoenix das Stück kühn in der Mitte des Albums platziert.

    CM: Wir haben während der gesamten Produktion daran gearbeitet, deswegen musste es für uns auch im Zentrum stehen. Wir hätten es auch ans Ende stellen können, aber das hätte sich nicht richtig angefühlt. »Love Like a Sunset« steht für das gesamte Album.
    LB: Wir dachten, dass es so interessanter ist, weil es mehr fordert. Ich hasse es, wenn man Hörer wie Dummköpfe behandelt. In diesem Sinne ist das Stück auch eine Respektbekundung an unser Publikum.

    Gerade haben Phoenix auch eine Compilation für das Pariser Label Kitsuné mit dem Titel »Kitsuné Tabloid« zusammengestellt. Mit Stücken von Kiss über die Impressions, Dennis Wilson, D’Angelo und Lou Reed bis zu Tangerine Dream ist die Auswahl denkbar weit gefächert. Sehr schön kommt dabei auch ihre Neigung zum Tragen, Songs so anzuordnen, als stünden sie für sich allein. Wie bei »United« fragt man sich: Haben Phoenix eigentlich keinen Sinn für Dramaturgie oder ist die scheinbare Abwesenheit einer Dramaturgie am Ende sogar dramaturgisch sinnvoller, weil selbst nach Jahren noch eine gewisse Spannung bleibt, ein unaufgelöstes Moment?

    LB: Wir hatten die Regel, dass wir nur Songs auswählen, die wir wirklich lieben – und auf bekannte Songs haben wir verzichtet, weil bekannte Songs ja naturgemäß schon jeder kennt. Aber unbekannte Songs, die jemandem am Herzen liegen, sind so etwas wie das perfekte Geschenk.
    TM: Im Grunde ist die Compilation mit den Bändern vergleichbar, die laufen, bevor wir auf die Bühne gehen. Also Lieder, die das Publikum hoffentlich in die richtige Stimmung versetzen, Lieder, die wir mit anderen Leuten teilen wollen. Etwa die Struktur von »Street Hassle« von Lou Reed. Die Melodie transzendiert alles und wird abwechselnd von jedem einzelnen Instrument gespielt, und selbst nach über zehn Minuten wird es nicht langweilig. Das ist Musik, die uns ein Stück Freiheit gegeben hat und zeigt, was alles möglich ist.
    DD: Viele dieser Stücke haben wir entdeckt, als wir noch Kinder waren. Die Compilation ist also auch ein wenig historisch und selbstreferenziell.
    LB: »Love Theme from Kiss« von Kiss stammt zum Beispiel aus der Zeit, als ich mit den beiden Jungs von Daft Punk in einer Band namens Darlin’ spielte. Wir hatten genau drei Stücke. Eins von den Beach Boys, das wir in einer Punk-Version zum Besten gegeben haben, dann das Kiss-Stück – und schließlich eine Eigenkomposition.

Die Konzerte müssen kurz gewesen sein.
    CM: Ja, Darlin’ haben insgesamt zwei Shows gegeben, eine davon mit uns, mit Phoenix. Damals waren wir alle ungefähr 15.

Ach, Laurent, Sie sind gar kein Phoenix-Gründungsmitglied?
    LB: Damals gab es Phoenix ja noch gar nicht. Damals war das nur die Band meines Bruders. Aber wir hatten tatsächlich ein Konzert zusammen. Es war sehr kurz, aber auch sehr intensiv.

Wer war besser?
    LB: Darlin’, ganz klar.

Auf Ihrer Kitsuné-Compilation gibt es übrigens kein einziges französisches Stück.
    TM: Ja, weil wir nur unbekannte Stücke auf dem Album haben wollten. Und die französischen Stücke, die uns etwas bedeuten, sind in Frankreich alle sehr bekannt. Sie würden zu viele Erinnerungen wachrufen, die nur wenig mit der Musik zu tun haben. Wie die duftenden ›Madeleines‹ bei Proust.

Ach, die duftenden ›Madeleines‹ bei Proust…
    TM: Wie heißen die ›Madeleines‹ eigentlich in der deutschen Übersetzung?

Auch ›Madeleines‹. Allerdings muss ich zugeben, dass ich »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« nie gelesen habe.
    TM: Ich ja auch nicht. Aber die Lektüre dieses Mammutwerks raubt dir ein Jahr deines Lebens – Zeit, die ich noch nicht habe.

»Wolfgang Amadeus Phoenix« von Phoenix erscheint am 22. Mai (V2 / Cooperative Music). Am 22. Mai spielen Phoenix ein kostenloses Kurzkonzert im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann (ab 18 Uhr), sowie ein exklusives Radiokonzert bei Radio Fritz, welches (ab 20 Uhr) im Radio sowie auf www.fritz.de zu hören ist. Ihr Auftritt im Rahmen des Kölner Electronic Beats Festivals ist bereits ausverkauft.

Weiterführende Artikel

  • Phoenix Ein Aufbruch Richtung Neon, so ließe sich das fabelhafte neue Album »Wolfgang Amadeus Phoenix« der Band Phoenix nach den ersten Hördurchgängen resümmieren. Zum Laun...
  • Phoenix Das Musikvideo zu Phoenix’ neuer Single »Lisztomania« führt die Band nach Bayreuth. Ein Besuch im Festspielhaus wurde dafür mit Aufnahmen eines zuvor in Paris geg...
  • Ein Quantum Proust Die neue Spex #320 ist ab dem 17. April am Kiosk erhältlich. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.

Kommentiere den Artikel


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs