Moderat
Moderat
Text: Florian Sievers
Eine Balance der Kräfte, der dunklen und der hellen, der zerstörenden und der schöpfenden, der chaotischen und der geordneten – darum geht es doch: im Leben allgemein und speziell in einer durchfeierten Nacht, die ja ein ganzes Leben nachbilden und verändern kann. Diese Nacht wäre dann eine, in der man die größte Hymne noch mit einer Träne im Augenwinkel bejubelt, in der Abfahrt und Tiefsinn nebeneinander stehen, in der man zugleich alles verliert und alles gewinnt. Gibt’s natürlich nur selten im wahren Nachtleben, ergibt sich aber ganz sicher, wenn die beiden Berliner Bass-und-Beat-Rabauken Modeselektor mit dem elegischen Empathen Apparat paktieren und sich dann als Trio angemessen Moderat nennen.
Denn diese Konstellation ist wie die Gesamtheit von Yin und Yang: ausbalanciert. Einen Anlauf zu diesem Unterfangen hatten die drei schon 2002 unternommen, Ergebnis war die nach dem Arbeitsprozess betitelte EP »Auf Kosten der Gesundheit«. Eben deshalb nahm man erst mal wieder Abstand voneinander – bis man Anfang vergangenen Jahres erneut übereinander stolperte und dann noch einmal die vereinten Kräfte in die Waagschalen schmiss. Das Ergebnis ist ein Bündel von ›Irgendwie Techno‹-Tracks, das in seiner Mischung aus Innerlichkeit und aufbrechendem Partyspaß an den Sound des Berlins der frühen nuller Jahre erinnert, bevor die Minimal-Easyjetsetter das Ruder übernahmen.
Es beginnt zunächst sachte, mit floraler Melancholie, rein instrumental. Doch dann legt Apparat erstmals seinen angeknarzten Thom-Yorke-Gesang über eine selbstvergessene Acidlinie, rhythmisch durch wirkt von Atemgeräuschen. Es folgen einige Vokalisten, unter ihnen der kalifornische Indie-Rapper Busdriver, Eased vom mächtigen Berliner Ragga-Orchester Seeed sowie Paul St. Hilaire alias Tikiman, der einen technofizierten Riddim besingt und damit an den Sci-Fi-Dancehall von Leuten wie Stereotyp erinnert. Derweil hüpfen überall auf dieser Platte synkopierte Beats vor mächtigen Bass-Massiven herum, die profane gerade Techno-Bassdrum wird vermieden, und so erinnern diese Tracks mehr als einmal an die Kinder der aktuellen Liebesaffäre zwischen Dubstep und Techno. Man meint dabei, die Nachdenklichkeit Apparats ebenso raushören zu können wie die kindliche Matschepampe-Freude am Bassreindrücken und Krachschlagen, die einem bei den Live-Sets von Modeselektor den Atem verschlägt. Aber wer weiß: Vielleicht war es im Studio ja genau umgekehrt. Am Ende steht jeden falls so etwas wie eine musikalische Tagundnachtgleiche: viel Licht, viel Schatten.
LABEL: Bpitch Control
VERTRIEB: RTD
VÖ: 08.05.2009

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