St. Vincent

Actor

Text:

Wenn James Tiberius Kirk und sein Commander Spock mit ihrem Raumschiff Enterprise neue Welten oder auch Wesen entdeckten, ertönte stets eine seltsam, fast schon geschmeidig atonale und synthetische Tonfolge, die oftmals mit engelsgleichem Frauenchor untermalt wurde. Die Kombination der beiden Elemente hinterließ beim Betrachter eine fremdartige und gleichzeitig auch angenehme Stimmung. Aus dieser Mischung heraus entstand Neugier: Was mag da jetzt wohl kommen?

    Ähnlich klingen und funktionieren die ersten zehn Sekunden von St. Vincents zweitem Album »Actor«. Danach verfällt der Opener »The Stranger« in einem sanften Drumbeat, über den Annie Clark, die Frau hinter St. Vincent, mit ihrer klaren und wunderbar geschulten Stimme singt: »Paint the black hole blacker«. In der Tat gestaltet sich die Musik gegen Mitte des Stücks durch einen mittels eines von der E-Gitarre ausgelösten Bruchs noch düsterer und dramatischer. Mit einer unerwarteten Wendung innerhalb des Songs fängt St. Vincent diesen Break sofort wieder auf, nur um kurz vor dem Ende nochmals in den sanftmütigen Engelsgesang zu verfallen. »The Stranger« ist ein Paradebeispiel für die nun folgenden Songs: allesamt tragen sie eine selbstbewusste Verschlossenheit in sich, die auf Grund von immer wieder mutigen Stilwendungen innerhalb des Stücks dafür sorgt, dass jeder Track eine eigene autarke Geschichte erzählt. Wenn man in dem Album ein Konzept finden will, dann ist dies wohl im Titel manifestiert. Clark ist eine begeisterte Cineastin, die in ihrer Musik die Rolle der Schauspielerin übernimmt. Sie sorgt letztendlich dafür, dass den einzelnen musikalischen Filmen, den Songs, mit ihren Texten und ihrer Stimme Leben eingehaucht wird.

    Dabei wagt sie viel Experimentelles und lässt wenig Spielraum für Geradlinigkeit, die Popmusik ansonsten verlangt. An allen Ecken und Kanten finden sich Gitarre, Bass, Keyboard, Holzblasinstrumente und Schlagzeug in einem geordnetem Durcheinander wieder. Auch auf ihrem Debüt »Marry Me« sperrte sie sich erfolgreich gegen einfache Strukturen innerhalb ihrer Musik. Der Nachfolger setzt dort an und wagt beat-lastigere Stücke, die manchmal sogar an Hiphop erinnern. »The Party« ist der strukturierteste und glatteste Song der Platte, er kommt mit lieblich vorgetragenen Vocals und dezenter Begleitung aus. Aber auch hier kann Clark es nicht ganz lassen, wenn gegen Ende ein wuchtiges Schlagzeug die Beschaulichkeit durchbricht. St. Vincent ist mit diesem Album das musikalische Äquivalent zu einem Film David Lynchs gelungen: unvorhersehbar, eigenartig und wunderschön zugleich. Die Anerkennung und das Verständnis dafür – ähnlich wie bei Lynchs Filmen – wird sie aber wohl nicht von der breiten Masse bekommen.

LABEL: 4AD / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 01.05.2009

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