In athletisch hochgerüsteter Corps-de-ballet-Formation

Fischerspooner im Lido, 29. April, Berlin

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Die derzeit häufig zu lesende These, dass Tonträgerverkäufe nichts mehr über den Fame von Musik-Acts aussagen, bewahrheitete sich bei der Berliner Show von Fischerspooner. Philipp Ekardt besuchte das Eröffnungskonzert ihrer europäisch-amerikanischen Tournee, welche sie Mitte Juni erneut auf eine von Spex.de präsentierte Tour nach Deutschland, Österreich und Schweiz führt – die tausenden spanischen Teenager waren nicht dabei.

Fischerspooner Berlin 29.04.2009
Den spektakulären Strohhut mit integriertem Neonring schwenkt Casey Spooner zuerst im Stil des No-Theaters als Requisite, um ihn dann aufzusetzen: Raumstation und japanische Traditionsbekleidung in einem, macht er aus seinem Träger eine Skulptur.

(Foto: © Frankie Casillo)

Im Interview in der aktuellen Spex #320 stellt Casey Spooner die Diagnose, Fischerspooner seien von Anfang an ein Internet-Phänomen gewesen. »Emerge«, der Überhit aus ihrem programmatisch betitelten Debütalbum »# 1« (Coversticker: »Best Album Ever«) sei eines der ersten Stücke gewesen, das seine Verbreitung Downloads und Filesharing verdankt. Fischerspooners Auftritt am 29. April im Berliner Lido lieferte den Beweis für die derzeit häufig zu lesende These, dass Tonträgerverkäufe nichts mehr über den Fame und die Zugkraft von Musik-Acts aussagen. Egal wie wenig CDs von »# 1« – oder dem Nachfolger »Odyssey« – verkauft wurden, und scheinbar auch egal, dass das dritte Album, »Entertainment«, erst einige Tage nach dem Tourstart erscheint: An diesem Abend ist das Lido brechend voll mit einem Publikum, das mit euphorischen »Casey!«-Rufen Fischerspooners ersten Auftritt in Berlin seit einer legendären 2001er-Show im WMF begrüßt.

    Gleichzeitig sind viele der Anwesenden so jung, dass sie das damalige Einschlagen der konzeptuellen Choreographie- und Kostümshow im elektronischen Ausgehleben unmöglich erlebt haben können. »Emerge« sorgt auch bei ihnen für den Referenzmoment des Ausrastens an diesem Abend. Das wird sofort klar, als der markante Synthesizer-Oktavbass des Stücks einsetzt. Klar ist das auch für Casey Spooner, der seine Ambivalenz gegenüber dem eigenen Hitmonster in eine Pose ironischer Distanzierung  umbaut: »This is a blessing and a curse«, murmelt er über das Anfangswabern des Stücks, um dann die Tausenden kreischenden spanischen Teenager zu erwähnen, die hoffentlich heute einmal nicht da seien. Die erste Geste der begleitenden Choreographie, ein mit flacher Hand nach oben abgewinkelter Unterarm, zum gestotterten Textanfang »Hy-, Hy-, Hypermediocrity«, stilisiert er zum leicht peinlich berührten »Hi!«, mit dem er der durchdrehenden Crowd begegnet, à la »Was macht Ihr denn alle hier?«

Fischerspooner Berlin 29.042009

Die Tänzer kommunizieren untereinander via Headsets, scheinen sich Kommandos zu geben; sie tanzen live die Bewegungen ihrer KollegInnen nach oder das, was auf den Screens geschieht.

(Foto: © Frankie Casillo)

    Tatsächlich würde reines Abfeiern den Blick auf das intelligente Theater verstellen, mit dem Fischerspooner hier ihr neues Album auf Tour bringen: Stücke von allen drei Alben werden zu Elementen einer Revue ineinandergleitender Tableaus. Akteure: Casey Spooner, drei Tänzerinnen, ein Tänzer. Fischerspooners Performance-Repertoire verbindet sich mit Verfahren, die in der Zusammenarbeit mit der New Yorker Wooster Group entwickelt wurden. In der Performing Garage, dem Hauptquartier dieser legendären Pioniergruppe des mediengestützen Experimental-Theaters, wurden Choreographie-, Audition- und Proben-Videos gedreht, die während der Show auf einem Flachbildschirm und einer großen weißen Plane im Hintergrund gezeigt werden. Teilweise verdoppeln sie das Bühnengeschehen. Das Ziel ist aber keine exakte Übereinstimmung zwischen Live-Bewegungen und projiziertem Material. Vielmehr ist das von der Wooster Group übernommene Verfahren eines der Verzögerung, des bewusst eingesetzten visuellen und informativen Feedbacks: Die Tänzer kommunizieren untereinander via Headsets, scheinen sich Kommandos zu geben; sie tanzen live die Bewegungen ihrer KollegInnen nach oder das, was auf den Screens geschieht. Jede Bild/Song-Einheit splittert so in nicht voll synchrone Ebenen. Auch bei regelmäßigen Abbrüchen und Neuanfängen, Korrekturen, beim komplizierten  An- und Ablegen von Kostümen  oder Zurechtbiegen der Headsets bleibt systematisch unklar, was tatsächlich nicht klappt und was kalkulierter Fuck-up ist.

    Der erste visuell prägnante Eindruck des Abends ist der spektakuläre Strohhut mit integriertem Neonring, den Casey Spooner auch auf dem Albumcover von »Entertainment« trägt. Er schwenkt ihn zuerst im Stil des No-Theaters als Requisite, um ihn dann aufzusetzen: Raumstation und japanische Traditionsbekleidung in einem, macht er aus seinem Träger eine Skulptur. Das Space-Thema entfaltet sich weiter über einen silbernen Reispapierschirm, pludernde Kostüme für die Tänzer, die aus Thermostoffen zu bestehen scheinen, einer sonnengoldenen Samuraijacke für Spooner. Im Hintergrund wird riesig der Mond projiziert, dessen runde Form auf Hut und Schirm antwortet. Die Performance entwickelt sich dann hin zum Thema von Show, Tanz und Entertainment überhaupt. Eine Nummer zum neuen Stück »Danse en France« sieht die Tänzer in Tüllröcken mit Spooner in athletisch hochgerüsteter Corps-de-ballet-Formation Pliés andeuten und dann in Vaudeville-Figuren aus den 1920ern übergehen. Sie landen schließlich bei Jazzdance-Ballet im Stil des Broadway-Choreographen Bob Fosse, die auf dem Screen von Ausschnitten aus Paul Verhoevens »Showgirls« begleitet werden.

Fischerspooner Berlin 29.04.2009
Jede Bild/Song-Einheit splittert in nicht voll synchrone Ebenen.

(Foto: © Frankie Casillo)

    Einerseits arbeiten Fischerspooner damit an einem Thema, das im Augenblick viele im Pop beschäftigt: Unterhaltung, Showbusiness, die Form des Musicals. Andererseits beziehen sie sich auch auf jene Neo-Avant-Garde, die im New York der späten 70er Jahre das Theater nicht mehr als simulierte Handlungen zwischen Menschen definieren wollte, sondern als komplexe Reihe von Bildern, Projektionen und Simulationen, zwischen die auch Personen treten können. Hier, im Off-Broadway, entstand das so genannte Theater of Images. Einer seiner historischen Protagonisten, der zum Regiestar gewordene Bob Wilson, zeigt aktuell auf der Bühne des Berliner Ensembles eine weitere Produktion seiner inzwischen als globale Manufaktur operierenden Theater-Fabrik, einen Abend zu Shakespeare-Sonetten mit eigens von Rufus Wainwright komponierter Musik. Was dort aber zum Staatstheater-kompatiblen Konsens der Freude an so genannten ›poetischen‹ Bildern geronnen ist, kehrt in seinem eigentlichen Geist wohl eher bei Fischerspooners »Entertainment« wieder – mit visuellen Echos aus der Performing Garage.

Das neue Album »Entertainment« von Fischerspooner ist soeben erschienen (Lo Recordings / Alive), Spex.de präsentiert die weiteren Konzerttermine von Fischerspooner Mitte Juni 2009, Karten für die Shows sind ab sofort im Vorverkauf erhältlich.

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