Seine Zunge war weiß

Text von Robert Defcon
am 30. April 2009

Hasenkeulen, Salat und Rotwein – die drei Gäste sind hungrig. Gerade aus London eingeflogen, wo die Jamaikanerin Terry Lynn mit einer üppigen Titelstory als Covergirl des »Notion«-Magazine gefeiert wird und die Musikpresse einen neuen Star aus der Taufe hebt, können Lynn, ihr Manager Phred und Beatmaker WILDLIFE! jetzt endlich entspannen und mit einer rasch improvisierten Ananas-Installation Lynns 30. Geburtstag feiern. Sie wirken frisch und voller Elan, denn sie wissen: Sie stehen am Anfang eines Siegeszugs. »Life is a school and the street is my tutor« singt sie in »No more slum life« – »Cause I have a dream like the great Martin Luther«. Am heutigen Donnerstag beginnt ihre Deutschland-Tour. Nach wenigen Stichworten sind kaum noch Fragen nötig: aus Lynn und Phred sprudeln die Worte nur so.

Terry Lynn
»Terry Lynn will vom Ort des Geschehens berichterstatten. ›Black CNN‹ nannten Public Enemy dieses Vorgehen einst. Im besten Falle ist diese Musik radikal aufklärerisch und in ihrer kritisch-affirmativen Sichtbarmachung des Bösen heilend.« (Tim Stüttgen in Spex #318 über Terry Lynn)

(Foto: © Afflicted Yard / SPEX)

Terry Lynn: Meine Liebe zur Musik habe ich in der Oberschule entdeckt, aber professionell im Business bin ich seit etwa acht Jahren. Doch ich bin immer rein und raus aus dem Geschäft, weil es immer wieder zu hart wurde. Ich wollte Dinge anders machen und war in einem Produktionssystem gefangen, in dem es schwer ist, sich zu behaupten. Musik funktioniert in Jamaika als reine Massenproduktion: 10 bis 20 Interpreten toasten etwas auf den gleichen Beat, so dass es keinen individuellen Stil und Ausdruck gibt.
Phred: Wenn Du beispielsweise ein Album aus der »Rhythm-Series« von VP kaufst, erhältst Du ein Doppelalbum, auf dem es nur einen einzigen Beat gibt. Mit dabei sind dann die vier bis fünf üblichen Verdächtigen, die etwas bekannter sind: Beenie Man, Bounty Killer, Elephant Man, Vybz Kartel und so weiter. Das sind diejenigen, die für ihre Arbeit etwas bezahlt kriegen, jeder vielleicht 1000 Dollar. Die nächsten zehn B-Level Künstler erhalten nur noch 200 Dollar und alle anderen, die mit drauf sind, können froh sein, dass sie überhaupt etwas machen dürfen.

Lynn: Genau so läuft es! Alle wollen eine Chance, also arbeitet man umsonst. Zwischendrin habe ich deshalb eine Ausbildung als Hotelfachfrau angefangen. Als ich schließlich in einem Hotel in Montego Bay gearbeitet habe, wurde mir klar, dass ich das nicht will und bin zurück zur Musik. Und das war auch der Zeitpunkt, als ich Phred kennen gelernt habe.
Phred: Ich saß im King Jammy Studio auf Jamaika, und mein Partner kam rein und flüsterte mir ins Ohr: »Yo, ich hab dieses Mädchen getroffen, komm’ mal mit raus«. Vor dem Tor glamourierten wie immer eine Handvoll Künstler. Terry saß ein Stück die Straße runter unter einem Baum und rauchte ein Beedie. Also haben wir uns ein bisschen unterhalten: »Wie geht’s« und so, »sing’ doch mal dein Ding.« Sie sang einen Song, der »Lioness« hieß (singt): »I’m a lioness, really want a lion«. Ich selbst bin ja sowohl mit jamaikanischem wie englischem Hintergrund aufgewachsen, habe einerseits einen Abschluss in Englisch und englischer Dichtung und andererseits schon als Kind viel Zeit mit Jamaikanern verbracht und selbst ein Soundsystem mitbetrieben. Ich habe sofort gemerkt: Sie textet völlig anders als alle anderen. Am nächsten Tag waren wir im Studio und haben einen Track aufgenommen. Ich fragte sie, wieviel sie im Hotel verdienen könnte. Diese Summe haben wir für sie aufgetrieben, damit sie jeden Monat ein, zwei neue Songs schreiben kann und wir sie über die mehrere Jahre schrittweise als Künstlerin aufbauen können.

Achtung: das Video zu »System« ist nicht zwangsläufig ›safe for work‹, noch ist es zart beseiteten Gemütern zur Ansicht empfohlen. Lesenswert: Die Synopsis des Rickards-Brothers-produzierten Musikvideo.

VIDEO: Terry Lynn – System
Regie: The Rickards Brothers

Lynn: Ich dachte zuerst: »Was weiß dieser weiße Junge aus Kanada über Musik?« Viele Produzenten, auch aus Deutschland, kommen ja einfach nach Jamaika und nehmen ein paar Leute auf, mit denen sie kaum ein Wort wechseln und die sie danach nie wieder sehen. Zuerst habe ich also gezögert und dachte: »vielleicht ist er bloß ein weiterer Konquistador«. Drei Monate nach der Aufnahme klopfte es dann an meine Tür, und da stand er wieder: Dieser weiße Typ. »Gib mir ein Minute« sagte ich und ging ins Bad, um mich zu beruhigen. Ich dachte bloß: »Is this for real?«. Ich konnte es nicht glauben. Danach hat er mich immer wieder besucht. Wir haben uns lange unterhalten und Ideen ausgetauscht, und ich merkte wie gut er sich mit Jamaikanischer Musik auskennt, sogar besser als ich – schließlich ahnte ich nicht, dass er mit Jamaikanern aufgewachsen war. Ich spürte also mit der Zeit, dass er es ernst meint und begann daran zu glauben – selbst, wenn er mir keinen Millionen-Dollar-Deal anbieten konnte. Dabei entwickelte sich eine produktive, kreative Partnerschaft: Ich spiele Phred meine Songs und Ideen vor, und er gibt mir Feedback, was ich besser machen könnte. Es ist einfach toll, mit ihm zu arbeiten.
Phred: Oft spielt sie mir ihre neuen Songs per Telefon vor, ich transkribiere den Text und dann sprechen wir stundenlang über ihre Ideen. Das Tolle an Terry als Texterin ist, dass sie so etwas wie eine verbale Fotografin der Realität geworden ist. Ich habe sie eines Tages am Telefon gefragt: »Terry, hast du schon einmal einen Mord in deiner Nachbarschaft gesehen?« Denn niemand schreibt über die Realitäten des alltäglichen Lebens auf Jamaika.

Lynn: Besonders Frauen nicht. Im Studio wurde ich ausgelacht, wenn ich über gesellschaftliche Fragen singen wollte: »Du bist doch kein Rastaman« und »bist du noch Jungfrau?« Das kriegte ich zu hören, denn jamaikanische Frauen sollen über Sex reden. Doch ich bin in einer großen Familie mit vielen Jungs aufgewachsen, habe mit ihnen Murmeln gespielt, Drachen gebaut oder Yellowman-Songs interpretiert und mit Reimen gebattled. Wenn ich nicht so gut war wie die Jungs, wurde ich ausgelacht. So habe ich Mut und Stärke, Männer bei ihrem Spiel herausfordern und schlagen zu können, entwickelt.
Phred: Als ich sie nach einem Morderlebnis fragte, antwortete sie sofort: »Ja, klar«.

Lynn: Als das geschah, brachte ich meinen damals dreijährigen Sohn gerade in den Kindergarten und hörte ein Feuerwerk abgehen. Es klang zumindest wie Feuerwerk. Als ich mich umschaute, sah ich, wie jemand von einem Lastwagen herabfiel. Die Täter, die ich aus der Nachbarschaft kannte, rannten weg. Jamaikaner sind sehr neugierig, alle kamen sie angelaufen. Der Mund des Opfers war offen und die Zunge sehr weiß. Er war tot. Das war das erste Mal, dass ich so etwas miterlebte. Obwohl man in Waterhouse, dem Ghetto in dem ich aufwuchs und heute noch lebe, nachts oft von Schüssen geweckt wird und morgens irgendjemand tot auf der Straße liegt.
Phred: Ich frage sie: »Hast du jemals daran gedacht, einen Song darüber zu schreiben?« Am anderen Ende der Leitung wurde es still. Ich hatte offensichtlich etwas berührt. Schließlich sagte sie: »Ja, vielleicht«.

Terry Lynn

»Wenn ich über gesellschaftliche Fragen singen wollte, wurde ich ausgelacht: ›Du bist doch kein Rastaman‹ und ›bist du noch Jungfrau?‹ Das kriegte ich zu hören, denn jamaikanische Frauen sollen über Sex reden.« (Terry Lynn)

(Foto: © Afflicted Yard)

Lynn: Es war für mich nicht schwer, mich an diese furchtbaren Bilder zu erinnern und sie in eine Textform zu bringen.
Phred: Keine zwei Tage später ruft sie mich um drei Uhr nachts in Kanada an und sagt: »Ich hab den Song«. Und dann sang sie mir »Screaming in the Night« vor, Wort für Wort so wie der Song heute auf dem Album zu hören ist. Und ich sagte ihr: »Du kannst so etwas wie die lyrische Journalistin der Realität werden«. Die Medien berichten über so etwas ja kaum. Mit »Afflicted Yard« haben wir dann auch eine Form von Fotografie gefunden, die genauso ehrlich und hart ist wie die Texte. Und dann brauchte es ein Soundbett, damit ein internationales Ohr versteht, dass hier etwas Neues passiert. Und das ist der Punkt, wo der Produzent WILDLIFE! aus Bern hinzukam. So entstand eine Art Trilogie aus der Arbeit dreier Künstler.

Lynn: WILDLIFE! versteht ebenso viel von Jamaikanischer Musik wie Phred. Also war es nicht schwer, die Dinge zusammen zu führen.
Wildlife: Schon im Alter von 15 Jahren habe ich ein Dancehall-Soundsystem betrieben. Und ich war oft auf Jamaika. Ich liebe noch immer die jamaikanische Musikszene, habe aber den Eindruck, dass sie momentan etwas stagniert. Ich bin an Dancehall also aus einer anderen Perspektive herangegangen, die andere Einflüsse wie Punkrock oder Electronica mit einarbeitet.
Phred: Und so haben wir eine Form gefunden, das zu präsentieren, was Menschen auf aller Welt über Jamaika erfahren wollen: Wie es wirklich zugeht.
Lynn: Gewalt ist unser Alltag, aber nicht nur auf Jamaika, sondern überall auf der Welt: Leute haben Meinungsunterschiede und lösen sie mit Gewalt. Auch auf politischer Ebene. Das ist Irrsinn. Natürlich gibt es auch eine andere Seite von Jamaika. Ich möchte nicht, dass Jamaika als Ort wahrgenommen wird, an dem man sich nicht aufhalten kann, ohne überfallen zu werden. Denn die Menschen haben eine echte Liebe zum Leben und zur Musik. Jamaikaner sind gute Menschen, die besten auf der Welt.


Das Album »Kingstonlogic 2.0« von Terry Lynn ist bereits erschienen (Phree Music / Groove Attack). Spex.de präsentiert Terry Lynns heute beginnende Deutschland-Tour, im Juli wird man sie zudem im Rahmen des Openair Frauenfeld und des Splash! Festivals sehen können.

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