Eine Evolution, keine Himmelfahrt

DM Stith

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Für seine Familie ist er das schwarze Schaf im Stammbaum, einer Teufelsaustreibung entkam er nur um Haaresbreite, heute gilt er als einer der neuen Folkstars am US-Himmel: Herr, lass es Hipness regnen!

DM Stith
»Die christlichen Freunde meiner Eltern meinten, ich sei von Dämonen besessen« (David Michael Stith)

(Foto: © Christoph Voy / SPEX)

Zwei Tauschgeschäfte verwandelten den aus Buffalo im Bundesstaat New York stammenden Grafiker David Michael Stith in einen Musiker. Seine gute Freundin Shara Worden, Mitglied des New Yorker Folkprojekts My Brightest Diamond, ertauschte sich einmal vom Konzertveranstalter statt einer Gage eine lizenzierte Version einer Musiksoftware. Ein leider inkompatibles Betriebssystem rief Stith auf den Plan, genauer gesagt: Shara rief ihn an und er stand ihr mit dem passenden Rechner und hilfreichen Klicks zur Seite. Im Gegenzug vermittelte sie ihn an ihren Labelbetreiber weiter, den fantastischen Chicagoer Folkmusiker Sufjan Stevens. Im schützenden Umfeld von Stevens’ Label Asthmatic Kitty wuchs der heute 28-Jährige vom Aufnahmehelfer zum Klangexperimentierer und schließlich zum Songwriter heran und vollendete nach langer Zeit des Bastelns und Zweifelns vor kurzem sein Debütalbum »Heavy Ghost«.

    Dabei sah es lange Zeit nicht danach aus, dass Stith, der sich seit seiner Verwandlung zum Musiker DM Stith nennt, jemals eine Platte veröffentlichen würde. Aufgewachsen in einem streng protestantischen Familienumfeld, dessen Mitglieder zu einem Großteil Opernsänger und Musiklehrer waren, wurde Stiths zurückhaltendes Wesen nicht als adäquate Voraussetzung zum Musizieren angesehen. »Die christlichen Freunde meiner Eltern meinten, ich sei von Dämonen besessen«, fasst Stith den auf ihn ausgeübten Druck in Worte zusammen. Leise und ruhig berichtet er, wie die Vergangenheit bis heute auf ihm lastet: »Ich verspüre immer noch Angst und Wut, wenn ich daran denke, dass sie mich als Kind exorzieren wollten.«

Das neue Musikvideo zu »BMB« von Regisseur Armel Hostiou besticht durch ein ähnlich minimales Setting wie Stiths Musik selbst: blasse Töne, graue Wolken und ein verängstigter Blick von draußen in das kaputte Innen.

VIDEO: DM Stith – BMB
Regie: Armel Hostiou

    Seine Familie vertrat zudem das Dogma, dass Musik nur in der Aufführung etwas zähle, das Festhalten von Musik auf einem Tonträger hingegen ein schwacher Abglanz des Performativen sei und keinen eigenen Wert besitze. »Alle in meiner Familie haben Musik gemacht und ständig irgendetwas aufgeführt. Ich musste mit ihnen zusammen singen und sogar als ›The Stith Family‹ auftreten. Musik aufzunehmen statt sie live zu spielen galt in meiner Familie als anrüchig. CDs betrachteten sie als Krücken. Ich finde das beängstigend.« Stith überwand die Beschränktheit seiner Eltern und fand mithilfe der richtigen Software den Weg zu einem einzigartigen Musikstil. Skizzenhaft und zerbrechlich wandelt Stith zwischen Folksong und Field Recording. Mal singt er bildhaft von Alltagsbegebenheiten wie im luftig-optimistischen »Thanksgiving Moon«, mal steuert sein gebrochenes Falsett nur eine kryptische Zeile zu dröhnenden Klangcollagen bei. Zum Abschluss der Platte konkurrieren beide Ansätze in einer protosexuellen Atemübung mit dem Titel »Isaac«.

    Selbst Donna Summer hätte nicht anzüglicher Stöhnen können, doch im klimpernden Akustikgewand erweckt dieses Lied sofort die Assoziation einer religiösekstatischen Verzückung. Nur in Andeutungen und Zitaten arbeitet sich Stith an seiner religiös geprägten Kindheit ab und verzichtet sowohl auf direkte Anklagen als auch auf ostentativ christliche Aussagen. »Ich halte mich lieber bedeckt«, sagt Stith. Das ist insofern toll, als dass Sufjan Stevens bei aller fantastischen Folkerneuerung eben auch für seine bekennerhafte Christlichkeit berüchtigt ist. So kann man die Himmelfahrt DM Stiths durchaus auch als Evolution betrachten, als Aufbruch zu neuen, zu weltlichen Ufern.

»Heavy Ghost« von DM Stith ist bereits erschienen (Asthmatic Kitty / Cargo / Soulfood). Spex.de präsentiert das einzige Deutschland-Konzert von DM Stith am 06. Mai im Live at Dot, Berlin. Karten sind bereits im Vorverkauf erhältlich. Wir verlosen zudem 2 mal 2 Tickets für die Veranstaltung, eine Email mit dem Betreff »DM Spex« und der Angabe deines vollen Namens an gewinnen@spex.de genügt schon zur Teilnahme. Die Gewinner werden am 04. Mai per Email benachrichtigt.

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