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Dirty French Psychedelics

Text:

Am Ende steht der edle Wilde. Oder ein schwarzes Loch im Weltraum schlürft uns alle auf. Das prophezeiten französische Musiker in den frühen siebziger Jahren der von Energiekrisen und Kriegsvisionen gebeutelten Menschheit, begleitet von Synthesizern, die wie vorbeiziehende Gewitter klingen, und körperlos wallenden Gitarren. Der französische Pessimismus nimmt allerdings eine aparte Form von Apathie an  – hier wird nicht die Apokalypse gepredigt sondern mit bleischwerer Mattigkeit eine krude Evolutionstheorie nach der anderen hervorgemurmelt, immer aus dem Kokon des Aufnahmestudios heraus, in dem gerade eine endlose Séance im Krautrockfach zu Ende gegangen ist.

    Diese halluzinogene Kulisse ist auf der gesamten Seventies-Kompilation »Dirty French Psychedelics« greifbar: Das Studio mit seinem Eigenleben blinkender Regler und schwankender Amplituden wird zum Zufluchtsort, das macht schon der erste Titel, »Ferber endormi« von Christophe mit einer nervös gespannten, doch schon ins Endlose ausschwingenden E-Gitarre unmissverständlich klar. Und besagte Vision tröstet auch über kleinere Missgeschicke hinweg – wie bei Brigitte Fontaine, die in »Il pleut« mit maximaler Unbeteiligtheit und einer Stimme wie Acrylglas (klar, kühl, aber eben nicht schneidend) vom miesen Wetter draußen singt. Erst Regen, dann Schnee, was für eine Zumutung für verzärtelte Seelen, die sich drinnen am liebsten ›einmauern‹ möchten. Oder die, so ist es weiteren der 14 Stücke zu entnehmen, aus anderen Gründen nicht vom Fleck kommen. In Alain Kans »Speed My Speed« wird von dieser und anderen Drogen wie »cocaine, sister, morphine« gesungen, sehr putzig zwischen tranig und lasziv schwankend und doch noch im Rausch anmutig.

    Seit 2003 veröffentlicht das Dirty Sound System solche »anti-playlists« mit raren Tracks, die in diesem Fall eine erstklassige Bildungsbibliothek für Bandprojekte wie Air ergeben könnten.

    Dahinter stecken der Journalist Clovis Goux und der Sounddesigner Guillaume Sorge. Sie legen auch zusammen auf, betrachten sich jedoch nicht als DJs, sondern als »Selektoren«, da sie nicht mixen, sondern Platten einfach nur spielen. Ihr Stil- und Distinktionswille könnte allerdings trotzdem kaum eklektizistischer sein. Auf »Dirty French Psychedelics« darf man gleich noch mitlernen, wie die Franzosen ihre typisch balladesken Chansons einst im pompösen Rock haben auf- und untergehen lassen, in einem Utopia irgendwo zwischen Weltraum und Urwald. In Karl Heinz Schäfers Komposition »Utopia« – aus dem Soundtrack des auch nicht sehr bekannten Films »Les gants blancs de diable« – muss der Mensch sich zu trockenen Beats und sirrenden Effekten von der Versklavung durch die Maschinen und die Bürokratie befreien. Im fast 13-minütigen »La fin de la vie, le début de la survivance« von Cheval Fou geht es zu den Klängen von Eingeborenemgetrommel und Vogelgezwitscher auf Dschungelexpedition – natürlich angemessen zivilisationskritisch. Menschen sind Bestien, verkündet eine fröhliche Kinderstimme. Erst wenn sie verschwunden seien, würde alles besser, dann bliebe die Liebe nur in der Einsamkeit des Geistes bestehen. Mais oui! Wir haben es schließlich immer noch mit Franzosen zu tun.

LABEL: D.I.R.T.Y.

VERTRIEB: Discograph

VÖ: 22.05.2009

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