Und dem Mann wird mulmig

Peaches

Text: Maurice Summen

Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie den Geist von Andy Warhol, und wenn sie an die Krise denkt, kriegt sie gute Laune: Merril Nisker alias Peaches kombiniert auf ihrem vierten Album »I Feel Cream« dampfige Soul-Einlagen mit strategisch angebratztem Clubsound. Kein Wunder: Sie hat es von versierten Vertretern der Disco-Hooligan-Liga wie Soulwax, Simian Mobile Disco und Digitalism dick aufmischen lassen.

Peaches
»Wenn die Leute sich vollrasiert besser fühlen, dann sollen sie sich eben von morgens bis abends rasieren!« (Merril Nisker)

(Foto: © Yves Borgwardt / SPEX)

Frau Nisker, kennen Sie den Pop-Journalisten Tobias Rapp?
    Ja, klar kenne ich den.

Er hat gerade ein Buch veröffentlicht mit dem Titel »Lost and Sound«, es handelt von Berlin als Technometropole. Rapp schreibt: »In Berlin ist eine neue Madonna nicht in Sicht, der einzige Star, den die Berliner Szene hervorgebracht hat, ist die Kanadierin Peaches.«
    Puh! Was Richtie Hawtin wohl dazu sagen wird? Ich habe natürlich von »Lost and Sound« gehört. Und übrigens: Cornelius Rapp, der Bruder von Tobias Rapp, spielt in meiner Band. Er ist Produzent und hat mir vor Urzeiten beigebracht, wie man mit ProTools und anderer Musiksoftware umgeht. Cornelius hat selbst eine Band, sie heißt Sweet Machine und wird auf der Tour zu meinem neuen Album »I Feel Cream« meine neue Begleitband sein.

Werden Sie auch wieder Tänzer mit auf Tour nehmen?
    Nein. Aber ich habe trotzdem Tänzer auf der Bühne. Es gibt ja Leute, irgendwelche Freaks, die mir überallhin nachreisen. Die bitte ich auf die Bühne, und sie drehen total durch. Verrückte Leute sind das!

Sie haben mit »Fuck the Pain Away« oder »Lovertits« Hits geschrieben. Ihr Erfolg wird aber daran gemessen, ob Sie diesen Hits auch neue hinzufügen können. Ist der Leistungsdruck im Laufe der zehn Jahre, die Sie nun als Peaches im Geschäft sind, größer geworden?
    Das Seltsame ist ja, dass die Plattenfirmen, die diese späteren Hits veröffentlichten, von den Songs zunächst gar nicht unbedingt überzeugt waren! Daraus kann ich nur einen Schluss ziehen: Ich mache mir keinen Druck. Ich finde es generell eher merkwürdig, heute noch ein Album für ein Label zu produzieren. Ich frage mich: Kaufen die Leute überhaupt noch Alben? Denken sie überhaupt noch in dieser Kategorie? Es ist schon eine merkwürdige Zeit, gerade ein Musikalbum auf den Markt zu bringen.

Glauben Sie an das Starsystem?
    Ich habe noch nie an dieses System geglaubt. Wenn Sie »Fuck the Pain Away« als einen Hit bezeichnen: Dazu gab es damals keinen Videoclip, kein Radio spielte den Song. Es gab auf klassischer Promotion-Ebene keinerlei Versuche, diesen Song gezielt zu einem Hit zu machen.


Das neue Peaches-Album »I Feel Cream« erscheint am 02. Mai. Vorab stellte Merril Nisker ein MP3-Mixtape mit u.a. den neuen Stücken »I Feel Cream«, »Lose You« und »Billionaire« zum kostenlosen Download bereit.

MP3: Peaches - I Feel Cream / Lose You / Billionaire-Mixtape

Und trotzdem wurde er einer! Heute sind Sie ein Vorbild für eine ganze Generation von Electro-MySpace-Musikern, die alle mal so werden wollen wie Sie.
    Als ich damals das getan habe, was ich einfach tun musste, gab es MySpace noch gar nicht. Es gab auch noch kein Web 2.0. Das alles war noch nicht mal in den Startlöchern! Wenn heute jemand richtig gut ist, dann kann es passieren, dass seine Zeit schon wieder vorbei ist, bevor das erste reguläre Album auf dem Markt ist. Na ja, vielleicht ist das ein bisschen zu fatalistisch. Aber die Erwartungen an einen Künstler sind heute wahnsinnig hoch. Und natürlich setzen sich viele Künstler dann selbst unter Druck, weil sie meinen, dass sie sehr schnell berühmt werden müssen – dass Geschwindigkeit an sich ein Attribut ist, das zum Berühmtsein heutzutage dazugehört.

Was blüht diesen Stars der Gegenwart? Nur die berühmten 15 Minuten Warhol’schen Ruhms?
    Neulich habe ich aus meinem Fenster in Prenzlauer Berg geblickt und gedacht: Guck’s dir an, da unten läuft der Geist von Andy Warhol vorbei. Jeder rennt heute herum wie ein Popstar, überall sieht man Graffitis, die Werbung ist allgegenwärtig! Man kann gar nicht mehr erkennen, was ein Witz ist und was ernst gemeint ist. Was ist Popkultur – und was ist Werbung, die mit den Mitteln des Pop für ein Produkt wirbt? Wenn Warhol das sehen könnte: Er würde sich kaputtlachen. Die ganze Gesellschaft ist durchironisiert!

Und exhibitionistisch! Letztes Jahr hat die ehemalige Viva-Moderatorin Charlotte Roche in Deutschland mit ihrem Buch »Feuchtgebiete« für Furore gesorgt. Haben Sie das mitverfolgt?
    Ja, das Buch ist unter dem Titel »Wetlands« auch auf Englisch erschienen. Ich kenne Charlotte sehr gut. Sie war die erste Person, die mit mir ein Fernsehinterview geführt hat. Sie gehört zu den tollsten Menschen, die mir in Interviews begegnet sind.

Ist »Feuchtgebiete« eine Fortführung des Covers zu Ihrem zweiten Album »Fatherfucker« mit anderen Mitteln? Auf dem Cover posierten Sie mit Vollbart. In Roches Buch werden Behaarung und Intimbehaarung als etwas Fremdes, Ekliges dargestellt.
    Wir haben heute auf jeden Fall alle ein gestörtes Verhältnis zu unserer Körperbehaarung, das stimmt. Damit gehe ich offensiv um. Ich sage: Die Menschen sollen mit den Haaren machen, was immer sie wollen. Ich sage nie: Mach etwas nicht. Wenn die Leute sich vollrasiert besser fühlen, dann sollen sie sich eben von morgens bis abends rasieren! Wichtig scheint mir allerdings, die Wahl zu haben – also frei entscheiden zu können, wer man sein möchte und wie man aussehen will. Ohne sich zu etwas gezwungen zu fühlen.

Auf der einen Seite ekeln sich junge Menschen vor Schamhaaren, auf der anderen Seite wächst die Toleranz gegenüber der Pornografie weltweit. Porno ist Pop!
    Das stimmt natürlich. Das sieht man ja auch oft in den MySpace-Profilen der Leute: Sehr viele junge Amerikaner denken, ein halbnacktes Foto müsse es schon mindestens als Profilbild sein.

Peaches

»Ich finde die Krise großartig! Fantastisch! Alles sollte einfach zusammen brechen. Das ist doch eine großartige Vorstellung: Der Kapitalismus verschwindet! Popstars verschwinden! Das ganze System verschwindet!« (Merril Nisker)

(Foto: © Yves Borgwardt / SPEX)

Aus dem gleichen exhibitionistischen Impuls entstehen dann Internet-Communitys wie etwa suicidegirls.com, in denen sich Mädchen freiwillig als Pin-Ups präsentieren?
    Gut, dass Sie es erwähnen. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass viele dieser ›Suicide Girls‹ in ihren Strip-Auftritten während der »Suicide Girls Tour« Songs von mir benutzt haben. Aber der Mensch, der suicidegirls.com betreibt – natürlich ein Mann! –, entschied am Ende, dass meine Musik nicht auf der »Suicide Girls«-DVD, welche die Tour dokumentiert, enthalten sein darf!

Wem gehört Suicide Girls?
    Keine Ahnung, irgendeinem Typen namens Tony … Ich will es gar nicht genau wissen! Es gibt in den Staaten ja auch Strip-Club-Ketten. Die sind sozusagen die McDonald’s unter den Striplokalen. Viele Stripperinnen der L.A.-Filiale einer dieser Ketten haben immer zu »Fuck the Pain Away« getanzt. Irgendwann ordnete die Unternehmensführung an, dass sie zu anderen Songs tanzen sollten, weil den Männern mulmig werden könnte, wenn sie zu einem Striptease die sich ständig wiederholende Zeile »Fick den Schmerz weg!« hören. Die Stripperinnen haben daraufhin versucht, sich gegen diese Ansage zu wehren: »Hey, das ist mein Song, meine Choreografie …« Aber sie hatten keine Chance. Solche kleinen Geschichten sagen immer noch eine Menge über das aus, was Peaches in dieser Welt bedeutet, darüber, wie Peaches immer noch als Eindringling und als Bedrohung wahrgenommen wird – und natürlich darüber, warum Peaches noch immer dringend gebraucht wird!

Das neue Peaches-Album trägt den Titel: »I Feel Cream«. Was soll das bedeuten?

    Bei meinen anderen Platten war immer irgendwie gleich klar, wie es gemeint war, diesmal wollte ich etwas Abstrakteres. Das ist das ganze Geheimnis. »I feel cream«, dieser Satz war während der Aufnahmen eine Art Insiderwitz im Studio. Und ich mochte seinen Klang. Peaches in einem Kontext mit dem schönen Wort ›Cream‹, also ›Sahne‹, – das hat doch was! Die Leute in den Blogs fangen schon an, mit dem Wort zu spielen: »Creamy Pants« oder »Get creamed!« und solche Sachen.

Der erste Song auf dem Album trägt den Titel »Serpentine«. Sie singen: »Never straight, but serpentine!«
    Ich weiß nicht, ob Sie das in Deutschland kennen: ›Serpentine‹ kommt aus dem Militärischen. Das ist eine Art Formationsbefehl: Die Truppe hat sich in einer Schlangenlinie zu bewegen, damit sie für den Gegner schwer zu erfassen ist. Aber eigentlich erzähle ich in dem Song meine eigene Geschichte: »I dined and dashed«. Wissen Sie, was ›to dine and dash‹ bedeutet? Zu gehen, bevor man gezahlt hat.

In Deutschland spricht man vom ›polnischen‹ oder ›französischen Abgang‹ – je nachdem, ob man im Westen oder Osten der Republik geboren wurde.

    Genau! »I dined and dashed on electroclash and outlast the backlash«: Als ich meine Karriere begann, war gerade Electroclash angesagt, und das ist nun vorbei. Aber Peaches ist immer noch da. Der Song »Billionaire« könnte in diesem Jahr ein richtiger Hit werden … Ja, das ist der Song, den ich mit Yo! Majesty aufgenommen habe. Wissen Sie: Manche Menschen behaupten, Geld mache sexy. Ich aber sage: Jeder Mensch kann es treiben, als hätte er Millionen auf dem Konto – Geld macht beim Vögeln einfach keinen Unterschied!

Was denken Sie generell über die Finanzkrise? Macht sie Ihnen Angst?
    Nein! Ich finde die Krise großartig! Fantastisch! Alles sollte einfach zusammen brechen. Das ist doch eine großartige Vorstellung: Der Kapitalismus verschwindet! Popstars verschwinden! Das ganze System verschwindet! Ich kann dazu nur sagen: »Hallo, Leute! Willkommen in Berlin!« So leben wir hier seit Jahren. Keiner hat hier großartig viel Geld. Und genau deshalb wissen die Menschen in Berlin auch, wie man eine gute Party feiert! Armes Amerika. Sie haben ihre coolen Clubs verloren, alles ist weg, was an Amerika mal Spaß gemacht hat. Und jetzt wollen sie es wiederhaben. Obama muss den Amerikanern das Leben zurückgeben. Die Lust am Leben. Ich möchte nicht in seiner Haut stecken.

Auch in Berlin wird daran gearbeitet, dass Off-Kultur verschwindet. Stattdessen setzen die Stadtväter auf Kommerz und Repräsentationskultur.
    Diese neue Mobilfunk-Arena am Ostbahnhof ist ein wirklich trauriges Beispiel für die derzeitigen Veränderungen in der Stadt. Diese Schüssel ist ein gigantischer Witz – und zwar ein schlechter. Die Leuchtreklame an dem Bau überstrahlt ganz Berlin. Total peinlich. Ich lese so einen Bau als Zeichen der Finanzkrise. Eben weil es sich nur noch ganz wenige überhaupt leisten können, so ein megalomanisches Ding zu bauen. Und das im bankrotten Berlin! Und vor allem in direkter Nachbarschaft zur Bar 25, einem der tollsten Orte der Stadt! Die Bar 25 muss schließen, und diese Arena wurde politisch durchgeboxt. Das macht mich traurig. Ich bin immer mit meinen Eltern in der Bar 25 Essen gegangen, wenn sie mich in Berlin besucht haben. Ich muss sie in Zukunft hungrig zurück nach Kanada schicken. Der einzige Trost liegt darin, dass man hier in Berlin noch nicht mal eine ordentliche Gentrifizierung hinbekommen wird. Und deshalb ist Berlin so eine großartige Stadt.

Berlin bleibt die Stadt der Krise?
    Deswegen sage ich ja: »Willkommen in unserer Welt! Freunde in London und überall auf der Welt, ihr habt eine riesige Angst. Aber das, wovor ihr Angst habt, ist hier schon seit Jahren Realität.« Man muss sich in Berlin immer durchschlagen. Und irgendwie hat es immer funktioniert. Wir Berliner könnten die Führungselite der Krise sein!

Das neue Peaches-Album »I Feel Cream« erscheint am 02. Mai (XL Recordings / Beggars Group / Indigo). Am Donnerstag, den 23. April, stellen Peaches und Spex das Album im Rahmen einer öffentlichen Listening-Session im Berliner Club Scala vor. Spex präsentiert die beiden Peaches-Club-Shows in Hamburg und Berlin am 04. und 09. Mai 2009.

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