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Eccentric Soul Vol. 9 - 11: The Tragar & Note Labels / The Yodi Label / Smart’s Palace

Text: Florian Sievers

Jesse J. Jones war ein Stehaufmännchen, ein zäher Typ, der sich ganz sicher war, dass er irgendwann mal Erfolg haben würde. Der Soulmusik-Multiaktivist – Songschreiber, Produzent, Labelbetreiber und Saxofonist – hatte schon zahlreiche Bands verschlissen und gleich mehrere von ihm gegründete Labels an die Wand gefahren. Trotzdem klopfte er sich immer wieder den Staub ab, um noch mal von vorne anzufangen. Und das war weiß Gott nicht einfach in Atlanta, Georgia, seiner Heimatstadt. Denn die bedeutete für einen wie Jones die allertiefste Provinz. Die Stadt war zwar Teil des Chitlin’ Circuits, jener Strecke von Soul-, Blues-, Jazz- und R’n’B-Clubs, auf der Musiker durch die Süd- und Oststaaten der USA tourten. Aber in Atlanta gab es keine guten Aufnahmestudios, keine erfolgreichen afroamerikanischen Plattenfirmen und keine überregional anerkannten Musiker. Doch das war Jones egal: 1967, er hatte dank einer Pleite gerade mal wieder alle Besitztümer verloren, gründete er sein x-tes eigenes Label, Tragar Records, benannt nach den Vornamen seiner Frau und seines ältesten Sohns, Tracy und Gary. Denn immerhin, das wusste er, gab es in Atlanta ein begeistertes Publikum. Also legte er mal los. Und die Resultate sollten besser werden als die all seiner vorangegangenen Unternehmungen.

    Die fantastische Soulmusik, die in der Folgezeit auf Tragar und seinem Schwesterlabel Note entstand, hat das Wiederveröffentlichungslabel Numero Group mit der neunten Folge seiner Compilation-Serie »Eccentric Soul« dokumentiert. Der Serientitel meint dabei ›exzentrisch‹ im Wortsinn, also abseits der Mitte gelegen, und nicht etwa überspannt und verschroben. Denn »Eccentric Soul« beleuchtet – begleitet von trocken geschriebenen, vor Informationen nur so strotzenden Linernotes – lokale Soulszenen, die in den USA der Sechziger und Siebziger abseits von Hotspots wie Philadelphia, Detroit oder Chicago entstanden waren. Die Compilations bieten meist eine Mischung aus raren Meisterwerken, zu Unrecht übersehenen Perlen, putzigen Obskuritäten und auch mal zu Recht nicht erfolgreicher gewordenen Liedern mit wackeligen Sängern, untighten Bands und mumpfigen Mixdowns. Graswurzel-Soul eben. Und so finden sich denn auf der Doppel-CD »Eccentric Soul Vol. 9 – The Tragar & Note Labels« neben Sängerinnen und Sängern, die nicht immer ganz treffsicher sind, sowie einigen Otis-Redding- oder Sam&Dave-Verschnitten auch wunderbare Entdeckungen, beispielsweise die tragische Sonia Ross, die schöne Eula Cooper oder die rätselhafte Folkpionierin Alice Swoboda. Am Ende hatten sich Tragar und Note zwar von Dilettantenhaufen, die krachigen, aber nicht sonderlich originellen Sechziger-Soul veröffentlichten, zu tighten Hochglanz-Labels entwickelt. Aber 1978 war trotzdem Schluss, die Labels gingen Pleite, und das Stehaufmännchen Jesse J. Jones gab auf: Er eröffnete ein Keramikstudio und hat sich seitdem einigermaßen fern gehalten vom Musikgeschäft.

Eccentric Soul Vol. 10   Ungefähr zur selben Zeit beschloss Allen Merry ein paar hundert Kilometer weiter nordöstlich im heruntergekommenen East St. Louis, dass er etwas unternehmen müsse. In seiner Heimat, einer von Arbeitslosigkeit, Drogen, Gang und Armut geplagten Industriestadt, hatte er früher mal als Produzent mit Ray Charles und Lou Rawls gearbeitet. Jetzt wollte er die Kids von der Straße holen. Also fing er an, im South End Community Center Jugendliche an Instrumenten zu schulen und sie aufzunehmen. Dafür gründete er das Projekt Young Disciples samt angeschlossenem Label Yodi, über dessen Output »Eccentric Soul Vol. 10 – The Yodi Label« einen Überblick gibt. Merry veröffentlichte im Laufe der Jahre fast achtzig Jugendliche aus seiner Nachbarschaft auf Platten: als Solosängerinnen und -Sänger oder in Gesangsgruppen, Backgroundbands oder als Teil einer massiven Bläsersektion. Bei Liveauftritten kam auch noch eine afrikanische Tanztruppe dazu. Der Soul auf Yodi kocht folgerichtig über von juveniler Aufbruchstimmung, ist geladen mit großen Gefühlen und Empörungen über die kleinen Dramen des Lebens. Interessanterweise klingt das, was Merry und seine Young Disciples da eingespielt haben, oft professioneller als die Aufnahmen, die Jones in Atlanta für Tragar gemacht hat. Der Yodi-Soul ist smooth, ohne Entgleisungen, aber auch ohne Experimente, sieht man mal von psychedelischen Anklängen bei Ames Harris Desert Water Bag Company (dieser Name!) oder den Temptations-Epigonen Third Flight ab. Dazwischen finden sich auch paar Northern-Soul-Kracher, zum Beispiel von den Georgettes, oder Ausnahmestimmen wie der schmetternde Landjunge Bobby McNutt (»Country Loving Country Style«). Spätestens ab Anfang der Siebziger waren zwar politische Inhalte im Soul en vogue, doch vorsichtige Annäherungen an das Politische finden sich bei Yodi – allem sozialpolitischen Hintergrund des Projekts zum Trotz – höchstens mal bei LaVel Moores »The World is Changing« oder der weiblichen Selbstermächtigungshymne »It’s Not Your Business« von Sharon Clark und ihrer Begleitband mit dem schönen Namen The Product of Time.

Eccentric Soul Vol. 11    Offensichtlich politischer gibt sich dagegen oft der dreckige, wüste, stampfende Soul auf »Eccentric Soul Vol. 11 – Smart’s Palace«. Die Compilation präsentiert Aufnahmen, die Dick Smart zwischen 1965 und 1975 veröffentlicht hat. Smart war noch so ein Soul-Multiaktivist: DJ, Plattenladeninhaber, Bassist, Promoter, Eigentümer des Labels Solo und Betreiber des Clubs Smart’s Palace. Und zwar in Wichita, Kansas, mittendrin im ödesten Mittleren Westen also. Doch wenn Baby Neal & The Smart Brothers hier betonen »I’m Not Ashamed«, Kenneth Carr fordert »Don’t Hate Let’s Communicate« oder Chocolate Snow zu slickem Funk über Inflation und Arbeitslosigkeit stöhnen, dann ist das so offensiv politisch, wie man das damals als Afroamerikaner sogar im quadratischen Weizen-Bundesstaat mitten in den USA sein konnte und musste.

    Ob nun in Atlanta, Georgia oder East St. Louis, Illinois oder Wichita, Kansas – »Eccentric Soul« führt damit noch mal wunderbar vor Augen, was für eine Massenbewegung und was für ein basisdemokratischer Kommunikationskanal Soul-Musik in den USA der Sechzigern und Siebziger war. Auch und gerade in der tiefsten Provinz.

LABEL: Numero Group

VERTRIEB: Groove Attack

VÖ: 24.04.2009

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