Was heißt hier »Ich ist ein Anderer«?
Das System Bob Dylan
Text: Heinrich DeteringFür die aktuelle Spex-Ausgabe #320 mit dem Schwerpunkt »Das System Bob Dylan« baten wir acht Autoren, uns in persönlichen Gesprächen die aus ihrer jeweiligen Sicht entscheidenden Sichtweisen auf Bob Dylan mitzuteilen. Der Essay von Heinrich Detering, Autor der wichtigsten, bei Reclam erschienenen deutschsprachigen Dylan-Biografie, fiel leider in dieser Ausgabe einer technisch bedingten Kürzung zum Opfer – seine Gedanken zu den verschiedenen Rollen und Figuren Dylans reichen wir an dieser Stelle gerne nach.

(Stills: © 2007 Tobis Film)
Dass Bob Dylan ein Plural sei, werden die Spatzen auch dann noch von den Dächern pfeifen, wenn sich der Meister der Metamorphosen längst als ein so starkes Ich durchgesetzt hat, wie es spätestens seit »Time Out Of Mind« unübersehbar geworden ist. Es ist lange her, dass Rimbauds Satz »Ich ist ein Anderer« ein Motto war und kein Klischee. Da war Dylan so viel älter, er ist jünger geworden seither. Man muss nur hören, wie er »me« sagt in seiner Radio Show oder, auf diese Show anspielend, in seinem Werbespot für Cadillac (»unless of course that disc jockey is ›me‹«), um an der Beständigkeit seines ewigen Quecksilber-Ich zu zweifeln. ›Things have changed‹.
Darum balanciert der vervielfachte Bob in Todd Haynes’ Film »I’m Not There«, trotz der schauspielerischen Meisterleistungen und trotz der ausgeklügelten Konzeption, manchmal bedenklich nahe am intellektuellen Edelkitsch entlang. Wenn es möglich ist, eine Gestalt gerade in der Pose der fortwährenden Beweglichkeit erstarren zu lassen, dann ist das hier geschehen. Die vorerst letzte Festschreibung, der Dylan hakenschlagend entkommen ist, war die auf den ewig Unberechenbaren, auf das plurale Ich. In Dylans Alben, seinen zunehmend gleichförmigeren Konzerten und seinen Radio Shows ist geradezu demonstrativ eine Figur zum Vorschein gekommen, die sich zuvor hinter den wechselnden Masken verborgen hatte: der Regisseur seiner eigenen Inszenierungen, der Strippenzieher im eigenen Puppenspiel, der vor die Kulissen tritt und mit schrägem Grinsen an den Stetson tippt. Wieder eine neue Rolle, klar, aber eine von Grund auf neuartige und einstweilen die stabilste in der Geschichte seiner Selbstentwürfe.
Es ist nur scheinbar paradox, dass diese Sicherheit sich gerade dem Umstand verdankt, dass Dylan seit dem Album »Good As I Been to You« die Quellen der amerikanischen Tradition so konsequent anzapft wie, und das will bei ihm einiges heißen, nie zuvor in seiner Laufbahn. Der so nachdrücklich »me« sagt, tritt auf wie die personifizierte (und eben darum nicht museal erstarrte, sondern vitale) Tradition. In der »Theme Time Radio Hour« breitet er sie nun im dritten Jahr so gründlich aus wie ein Zauberer, der vor den staunenden Zuschauern seinen Zylinder zerlegt – und der so, o Wunder, den magischen Effekt nur noch steigert. Tatsächlich zeigt er ja in manchen dieser Sendungen ganz buchstäblich das Material seiner eigenen Songs vor, von denen der Chain Gangs bis zum Swing, von den Helden von Country und Blues bis zu Kurt Cobain, von den Gedichten des amerikanischen Lesebuchs bis zu – eben: alten Radiosendungen, die er nun in seiner eigenen adaptiert. Dylans Kunst, Dylans persona ist weder anti- noch postmodern – sondern irgendetwas, das danach kommt und davor war und für das es eigentlich keinen Namen gibt außer dem, den er für sich selbst erfunden hat.
Was heißt hier Originalgenie? Und was heißt »Ich ist ein Anderer«? Die Melodielinie von einer alten Schellackplatte, der Text eine Montage aus Sinatrasongs, Gedichten des Bürgerkriegs und Bibelzitaten, der Sound ein Pastiche aus Swing und Blues: aus solchen Mixturen ergeben sich einige der originellsten Songs in Dylans Songbook. Manchmal wird das parodistisch, im Wortsinne des Gegengesangs, in »Rollin’ and Tumblin’« zum Beispiel, auf »Modern Times«. Die Verfasserangabe »Words and Music: Bob Dylan«, die so offensichtlich nicht stimmt, dass sie als Provokation durchgehen könnte, geht eben doch auf: dann nämlich, wenn man den Eigennamen als Inbegriff, Resümee, Summe alles dessen begreift, was sich in der jahrzehntelangen Entwicklungsgeschichte dieses Songs angereichert hat, einschließlich Dylans letzter, eigener Zutaten und seiner unvergleichlichen Performance. So ziehen sich die Nebel und Wolken der amerikanischen Traditionen zusammen zu einem Gebilde, nehmen Gestalt an und werden zu einer Person, die sich mit schrägem Grinsen an den Stetson tippt und mit raspelnder Stimme murmelt: »It’s me.«
Schon einmal, gegen Ende der sechziger Jahre, hatte Dylan mit den amerikanischen Tiefenbohrungen der »Basement Tapes« aus der anonymen Tradition heraus eine derart neue Song-Kunst erfunden, dass man meinen konnte, er habe ›sich‹ gefunden. Mit seinen letzten Alben, von »Time Out of Mind« bis zu »Tell Tale Signs«, ist der Gestaltwandler und Trickster zum Herrscher der »Invisible Republic« geworden. Auf dem neuen Album soll es den Vers geben: »Some people tell me I got the blood of the land in my voice.«
Weitere Essays über »das System Bob Dylan« von Peter Kemper, Max Dax, Diedrich Diederichsen, Klaus Theweleit, Johanna Dombois, Richard Klein, und Greil Marcus finden sich in der aktuellen Ausgabe von Spex.

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