Bis dass der letzte Beat verbeult ist

Hudson Mohawke / Rustie

Text:

In ihren Softwares scheint jeder Sound um seine eigene Achse zu kreisen: Hudson Mohawke und Rustie sind nicht nur die ersten Künstler im Katalog des Labels Warp, die stärker von Game-Konsolen und den aktuellen Billboard-Charts beeinflusst sind als von Free Jazz oder Aphex Twin. Die beiden Jungs aus Glasgow arbeiten mit ihrer manuellen Entperfektionierung von Sequenzertaktungen auch an einem elektronischen Groove der Zukunft, hinter dem das Ohr fast keinen Binärcode mehr vermutet. Da torkelt die R&B-Queen aus der Salatschleuder. So hört es sich zumindest an.

Rustie
Rustie, mit bürgerlichem Namen Russell Whyte, spricht man, seit er im letzten Jahr mit »Zig Zag« eine energisch scheppernde und mit unberechenbaren Stop-and-Go-Effekten versehene Sägezahn-Orgie auf Dubstep-Gerumpel veröffentlicht hat.

(Foto: © Brian Sweeney / SPEX)

Seit den Anfangstagen der Sequencer-Technologie hat sich die Welt verändert. Das ganze Leben ist heute technisiert, nicht nur die Beats am Wochenende. Wissen, Kommunikation und Unterhaltung sind in Funknetzzellen, SMTP-Protokollen und MP3-Algorithmen strukturiert, sprich: quantisiert. Das hat seit geraumer Zeit zur Folge, dass digital produzierte Musik wie Techno und House, die deutlich mit ihrer Technologieästhetik spielt, bei weitem nicht mehr so eine Faszination zu entfachen vermag wie noch vor 15 Jahren, als noch alles ›neu‹ klang. Die Renaissance ›handgemachter‹ Sounds, siehe den Siegeszug des betont hippiesken Menschenfolks, ist eine Reaktion. Doch auch im Kontext der elektronischen Musik geht es seit einigen Jahren darum, neu zu definieren, was eigentlich ›menschlich‹ klingt. Einerseits gilt es, die Vorteile der Digitalisierung, beispielsweise die gigantischen Soundrepertoires in Musikstudios, nicht aufzugeben. Andererseits gilt es, sich vom starren Zeitraster, das Sequencer-Programmen zugrunde liegt, so weit wie möglich zu lösen. Viele Produzenten sind mittlerweile bei betont ›loose‹ oder gleich komplett zerbeult klingenden, sprich per Mausklick verschobenen und gestretchten Beat-Quantisierungen angelangt. Grooves dieser Art muss man nur einmal hören, um zu ahnen: Hätte ein Schlagzeuger vor dreißig Jahren gewagt so zu trommeln – er wäre von seiner Band hochkant gefeuert worden. Heute hingegen sind elektronische Beats mit einem ›added human error value‹ goutierbar.

    Zwei der Protagonisten, die solche Taktungen zu ihrem Programm erklärt haben, heißen Hudson Mohawke und Rustie. Beide kommen aus Glasgow, beide sind jung – Mohawke ist Anfang, Rustie Mitte zwanzig. Von Rustie, mit bürgerlichem Namen Russell Whyte, spricht man, seit er im letzten Jahr mit »Zig Zag« eine energisch scheppernde und mit unberechenbaren Stop-and-Go-Effekten versehene Sägezahn-Orgie auf Dubstep-Gerumpel veröffentlicht hat. Rustie sagt ein bisschen prahlerisch von sich: »Vor kurzem wollte mich der Verlag von Eminem signen. Sie sagten mir, ich könnte Beats für Leute wie Beyoncé produzieren. Der Vertrag sah aber scheiße aus. Ich habe keine Lust, meinen Arsch zu verkaufen.«

    Der andere, Hudson Mohawke, hält seinen bürgerlichen Namen geheim und lässt sich nur ungern fotografieren. Grund dafür ist, dass er im letzten Jahr mit einem unautorisierten Remix von Tweets großer Schubberhymne »Oops (Oh My)« großes Aufsehen erregte. In diesem Bootleg ersetzte Mohawke das ursprüngliche Voodoo-Getrommel von Timbalands R&B-Produktion durch ein raffiniertes, schräg angeschmirgeltes Elektropoltern. Hudson Mohawke, erklärtermaßen ein großer Fan von amerikanischem Science-Fiction-R&B, sagt: »Mein letztes Mixtape habe ich mit dem Instrumental von Beyoncés ›Single Ladies‹ eröffnet. Die Beat-Programmings dieses Tracks sind genial, vor allem diese Live-Handclaps mit den Jungle-Subbässen. Aber Beyoncés Gesang kann ich nicht ertragen. Bei ihrem Geträller bekomme ich Haarausfall.«

Hudson Mohawke

Hudson Mohawke hält seinen bürgerlichen Namen geheim und lässt sich nur ungern fotografieren. Grund dafür ist, dass er im letzten Jahr mit einem unautorisierten Remix von Tweets großer Schubberhymne »Oops (Oh My)« großes Aufsehen erregte.

(Foto: © Brian Sweeney / SPEX)

    Hudson Mohawke und Rustie haben beide vor kurzem bei Warp einen Plattenvertrag unterschrieben. Das überrascht nicht, lassen sich ihre irgendwo zwischen Dubstep, Hiphop und Crunk verorteten Tracks beim ersten Hören durchaus als Verwandte von Flying Lotus’ hochgelobten Hiphop-Electronica-Bounces hören. Während Flying Lotus allerdings recht bruchlos daran arbeitet, seine Stücke mit ›authentischen‹ Jazz-Environments zu bestücken, gehen Rustie und Hudson Mohawke in ihren jeweiligen Produktionen um einiges geschmackloser vor. Man könnte sagen: Mit diesen beiden Jungen, die das Produzieren mit der Playstation beziehungsweise mit der Gratis-Software Fruity Loops gelernt haben, hält bei dem altehrwürdigen Indielabel Warp erstmals eine Generation Einzug, die wieder stärker von den amerikanischen Pop-Charts beeinflusst ist als von hochheiligem Jazz oder den sonst im Kontext von Warp gern angeführten Fixsternen Minimal Music und Aphex Twin.

    Warum sollten auch Pop-Produktionen, im Speziellen kommerzieller R&B, nicht als Inspiration taugen? Aus diesem Genre sind in den letzten Jahren immerhin entscheidendere Impulse für die elektronische Musik gekommen als aus der gemeinhin als solche bezeichneten ›elektronischen Musik‹ selbst. Wie im kommerziellen R&B derzeit das Verhältnis Mensch vs. Maschine, beziehungsweise Soul vs. Techno-Ästhetik verhandelt wird, ist interessanter als Dubstep und das Deep-House-Revival zusammen. Bei fast allen größeren R&B-Hits der jüngeren Vergangenheit nämlich künden der Gesang und die Instrumentierung von einer totalen Maschinisierung des Humanen – dank penetrantem Einsatz des Autotune-Vocal-Effekts und exzessivem Sampling von Arpeggien aus der Frankfurter Eurotrance-Laserdisco. Die Beats darunter hingegen eiern, als kämen sie gerade aus der Salatschleuder. So entsteht eine hoch paradoxe, zugleich roboter-und fehlerhafte Zukunftsmusik.

    Ein Produzent wie Rodney »Darkchild« Jerkins versteht sich vorzüglich auf diese Ästhetik; auch Rich Harrison tut es, indem er alte Funk-Breaks mit einem Heer von Plug-Ins aufmotzt und dann bewusst schief in seine Tracks hineinmontiert. Just Blaze tut es, indem er seine digital zunächst penibelst bearbeiteten Sounds auf Drumpads legt und die Grooves anschließend ›echt‹ in den Sampler trommelt.

»Zig Zag«, »Polkadot Blues«, »Oh My«: In unserer YouTube-Playlist finden sich verschiedene im Artikel erwähnte sowie zahlreiche andere Tracks von Hudson Mohawke und Rustie.

STREAM: Hudson Mohawke / Rustie

    Hudson Mohawke und Rustie treiben diese Ästhetik der digitalen ›Looseness‹ auf ihren bisherigen Veröffentlichungen aus transatlantischer Nerd-Perspektive weiter. »Speed Stick«, ein Stück aus Mohawkes gerade auf Warp veröffentlichter »Polyfolk Dance EP«, klingt beispielsweise, als sei das Percussion-Break aus »Are You My Woman« von den Chi-Lites – das Break, das 2003 auch Grundlage für Beyoncés »Crazy in Love« war – zerschossen worden und würde sich in einem fluiden, verbogenen Zeitkontinuum über einem metallenen Ambient-Track ständig neu konfigurieren. Rustie hingegen streut allerlei seltsam gecuttete Samples hochgepitchter Frauenvocals in seine Tracks und liefert mit Titeln wie »Soapy Tits« dann gleich noch den ironischen Kommentar zur Vorlage.

    Mit ihrer genauen Kommentierung der Entwicklungen des amerikanischen R&B und Hiphop sind Mohawke und Rustie in Europa in guter Gesellschaft: Mouse on Mars etwa begeisterten sich in einem Interview mit dem Groove Magazin schon vor ein paar Jahren darüber, wie vorbildlich das mehrfach in sich verkantete Cyborg-Design des von Rodney »Darkchild« Jerkins für Brandy produzierten Hits »What About Us« rumpele – »wie ein Sack voller Sachen, der hin und her plumpst«.

Ketamin

ZUM THEMA: Der Musikjournalist und Autor Simon Reynolds untersucht in einem im britischen Guardian erschienenen, lesenswerten Blog-Eintrag die Zusammenhänge zwischen den klackernden »Wonky Sounds« und der Droge Ketamin anhand musikalischer Beispiele von Hudson Mohawke, Zomby und Ricardo Villalobos.

(Foto: CC The Justified Sinner / Flickr)

    Joe Goddard, der Studiochef von Hot Chip, erklärte, angesprochen auf die verklackerten Percussions des Hot-Chip-Hits »Over and Over«, er schiebe in seinem Sequencer die Soundklötzchen mit Vorliebe an Stellen, an die sie eigentlich nicht gehörten. »Ich konnte noch nie verstehen, was Leute an total straighten Techno-Beats so toll finden«, sagte Goddard und benannte als Inspiration die ›Wobbliness‹ der Groove-Quantisierungen von Timbaland oder auch J Dilla.

    Wenn Rustie und Hudson Mohawke es sich so gesehen also zum Sport gemacht haben, die Zukunft des sequenzierten Grooves mitentscheiden zu wollen, wundert es nicht, dass die Headhunter der US-amerikanischen Hiphop- und R&B-Industrie sie tatsächlich schon längst auf dem Schirm haben. Während Mohawke auf solche Produktionsanfragen aufgrund der bislang noch ungeklärten Rechtslage seines »Oops (Oh My)«-Bootlegs jedoch noch mit Vorsicht reagiert, sagt Rustie, er könne sich Kooperationen schon gut vorstellen. Es müsse ja nicht gleich Eminem und ein Knebelvertrag sein.

    Überraschender noch als die Aussicht, dass die nächsten großen R&B-Hits in Glasgow produziert werden könnten, ist jedoch, wie sehr Hudson Mohawkes und Rusties manuelle Entperfektionierung der Maschinentaktung nicht nur ästhetisch, sondern auch technisch in die Zukunft weist. Es müsste ja nur einem Software-Entwickler gelingen, die hier von Jungshand ins Studio-Set-up eingeführten Parameter ›Ungenauigkeit‹, ›Zufall‹ und ›Fehler‹ wiederum in einer neuen Software soweit zu systematisieren und nachzuprogrammieren, bis das menschliche Ohr hinter dem Output dieses Programms keinen Binärcode mehr vermutet – sondern eben tatsächlich einen Mensch mit menschlichen Ungenauigkeiten. Bis dieses Szenario Realität wird, dürfen sich Rustie und Hudson Mohawke aber noch guten Gewissens als die humanen Herrscher der verbeulten Beats feiern lassen.

Die »Polyfolk Dance EP« von Hudson Mohawke ist bereits erschienen (Warp / RTD). Die »Bad Science EP« von Rustie wird im April 2009 auf Wireblock veröffentlicht.

Weiterführende Artikel

  • The Whitest Boy Alive Man muss da nicht drumherumreden: »Dreams«, das erste Album von The Whitest Boy Alive war eines der Alben des vergangenen Jahres; Punkt. Und das sicherlich nicht nur wegen solch liebevo...
  • Warp 20 Die ersten Lieferungen der Jubiläums-Box erreichten in den vergangenen Tagen ihre Empfänger: Mit einem äußerst umfangreichen Box-Set begleitet das britische Electronica-La...
  • Bass Die neue Folge »Bass« mit der Neu-Entdeckung des Klassikers T++, sowie neuen Tracks von Breakage & Instra:Mental, The Cocolettes und Hudson Mohawke.

Kommentiere den Artikel


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs