Das konstante Experiment

Am 01. April spielten Bob Dylan und Band in der ausverkauften Berliner Max-Schmeling-Halle. Ralf Krämer besuchte das von Spex präsentierte Konzert, bei dem auch die allerletzte Reihe des Publikums im Takt zurückklatschte.

Bob Dylan SPAC
Dylan-Fotos sind rar – was nicht zuletzt am strikten Fotografie-Verbot während seiner zahlreichen Konzerte liegt. Abgebildet sehen wir hier ein Foto aus 2008, aufgenommen während des Saratoga Music Festivals in Saratoga Springs, USA.

(Foto: CC | Kurt Christensen / Flickr)

An den Konzertkassen muss niemand mehr im Akkord Anrufer enttäuschen, die noch auf Karten hofften. Die Novizen haben sich im Radio zu Ende beschwert, dass sie in Hannover für 70 Euro doch ein bisschen mehr Publikumskontakt erwartet hätten. (»Hi, Berlin! Do you feel alright? The next song is called ›It Ain’t Me, Babe‹« – würde das wirklich jemand hören wollen?). Nervöse Fans, die seit eineinhalb Stunden in den ersten Reihen vor der Bühne ausharren, dirigieren per Handy spät Gekommene durch das knapp 10.000 Zuschauer fassende Mehrzweckrund der Max-Schmeling-Halle. »Ihr müsst auf der linken Seite stehen, sonst könnt ihr ihn nicht sehen!« Seit er nur noch selten zur Gitarre greifen kann, steht Dylan auf der rechten Seite der Bühne, das Profil zum Publikum gekehrt, hinter dem Keyboard. Noch vor 13 Jahren war ein derart taktisches Fanverhalten aus gesundheitlichen und Popularitätsgründen nicht vonnöten, da nahm Dylan mit der Stratocaster noch das Zentrum der kleinen Bühne im alten 3.000 Mann-Zelt des Tempodroms ein, im blau glitzerndern Las Vegas-Sakko bis in die letzte Reihe gut sichtbar. Seitdem hat sich mit den Alben »Time Out of Mind«, »Love & Theft« und »Modern Times« das Publikumsinteresse mindestens verdreifacht. Doch all das zählt jetzt, um kurz nach 20 Uhr, nicht mehr. Die Karten werden jeden Abend neu gemischt, wenn das Licht ausgeht, das Orchester vom Band erklingt, die sermonische Ansage im Jubel untergeht.

     Dylan, im schwarzen Liftboy trifft Mariachi-Anzug setzt seinen weißen, flachen Hut erst auf der Bühne auf, begräbt unter ihm seinen gerade mal wieder imposanten Lockenschopf. Die Band beginnt, Dylan singt und man versteht nichts. Der Sound ist abgehackt, der Mischer vielleicht noch nicht auf der Höhe, erst in der letzten Strophe ist klar, das war »Wicked Messenger« und von daher auch wieder angemessen ›wicked‹ über die Rampe gebracht. Trotzdem: kein gelungener Auftakt. »When I Paint My Masterpiece« gerät im Anschluss konzentrierter, mit Dylan am Mikro in der Bühnenmitte, mit der Harmonika für kurze Akzente zwischen den Zeilen an den Lippen. Für »You Ain’t Goin’ Nowhere« bekommt er dann die Gitarre überzogen, keine Selbstverständlichkeit mehr, der Stampfer von den Basement Tapes erhält ein leichtes, beschwingtes Tex-Mex-Feeling. Dylan spielt Soli, denen man gerade wegen ihrer Brüchigkeit gerne folgt. Die bis dahin beeindruckendste Gesangsperformance folgt mit »The Levee’s Gonna Break«, wieder hinterm Keyboard, hohes Tempo, starke Stimme und der erste von nur sechs Songs, die sich auch am Vortag auf der im Rückblick doch um einiges spannenderen Setlist in Hannover befunden haben.

     Der Blick fällt auf die Oscar-Statue, die klein, für die hinteren Reihen unsichtbar, aber stolz auf einem Verstärker postiert ist. »Things Have Changed«, der derart prämierte Filmsong aus Curtis Hansons wunderbarem »Wonderboys«, hat schon diverse Live-Inkarnationen hinter sich. Auf der im letzten Jahr erschienen achten »Bootleg Series« entfaltete er dank eines zusätzlichen Gitarren-Licks Laziness, beinahe ein Surf-Feeling. Hier und jetzt zerhackt ihn ein Off-Beat, der Surf-Lick ist weg, der Gesang ein prononciertes Stakkato, der an sich nicht besonders aufregende Song bekommt ein neues Leben, unterstrichen von Donnie Herrons Viola, der nach dem Verklingen der letzten Note Richtung Chef grinst, als hätte er gerade selbst einen Oscar gewonnen. Eine grandiose Überraschung, besser wird’s heute nicht mehr. »Stuck Inside of Mobile With the Memphis Blues Again«, »Highway 61 Revisited« und »Like A Rolling Stone« sind zu sehr aus einem gemächlichen Guss. Zur unfassbaren Dynamik, zum geschlossenen Sound, zur konzentriert abhebenden Musik, zu der diese Band in der Lage ist, findet sie heute nur sporadisch, etwa ganz am Ende der letzten Zugabe, als »Blowin’ in the Wind« eigentlich schon erledigt ist, aber Dylan sich noch einmal mit der Harmonika in eine weitere Runde stürzt, in ein Duell mit Denny Freemans heute ungeheuer höflicher Leadgitarre, wenige Takte kurz.

     Stattdessen war das Lauern der Band auf das Dirigat ihres Chefs, auf seine mal mit einem Nicken, mal mit einem sekundenkurz erhobenen Zeigefinger erfolgenden Anweisungen wieder einmal spannend zu beobachten. Ja, der Kern der Band (linke Bühnenhälfte) und Dylan (rechte Bühnenhälfte) standen sich zuweilen so konfrontativ arrangiert gegenüber, als wären sie in einem Konzept von Robert Wilson gefangen. Allein, aus dieser Spannung wuchs heute selten mehr, als sich über die Länge der instrumentalen Zwischenspiele, der Soli an Keyboard und Harmonika zu verständigen. Bezeichnenderweise gelingt dann, als zweite Zugabe nach einem abgebremsten »All Along The Watchtower«, »Spirit On The Water« tadellos, unverschämt entspannt und hält für den etwas Grummelnden jenen Trost bereit, dem man unmöglich widersprechen kann: »You think I’m over the hill, You think I’m past my prime / Let me see what you got / We can have a whoppin’ good time.« Nach diesen Zeilen, in Dylans anscheinend launenabhängigen, dabei höchst charmanten Crooner-Manier gesungen, klatscht sogar die allerletzte, gefühlte 500 Meter im Rücken liegende letzte Reihe im Takt zurück, will sagen: in ihrem eigenen Takt, der irgendwo zwischen dem zweiten Rang und Bühne widerhallend für eine letzte Konfusion des Abends sorgt. Klar wird einmal mehr: zu den vielen Inkarnationen Dylans hat sich auf seinen Konzerten der Dylan in den Köpfen gesellt, der das Publikum nicht nur an den seltsamsten Momenten zum Mitklatschen animiert, nein, die bekanntesten Lines werden lauthals mitgesungen, in jenen Melodien, die von den fast schon ein halbes Jahrhundert alten Studioaufnahmen vertraut sind und meistens im krassen, faszinierenden Gegensatz zu jenem Blues stehen, der einem da in der Gegenwart von der Bühne entgegenkommt. Das konstante Experiment geht weiter.      

Zwei weitere Konzerttermine im Rahmen der von Spex präsentierten Dylan-Tour finden Mitte April in Basel und Genf statt. Das neue Album »Together Through Life« von Bob Dylan erscheint am 24. April 2009 (Columbia Records / SonyBMG). Spex präsentiert die im April anstehende Dylan-Tournee, weitere Informationen dazu auch bei der Marek Lieberberg Konzertagentur. Mehr zu »Together Through Life« findet sich mit Texten von Greil Marcus, Diedrich Diederichsen, Johanna Dombois, Richard Klein, Peter Kemper, Heinrich Detering, Max Dax und Klaus Theweleit auch in der neuen Spex #320, die ab dem 17. April am Kiosk erhältlich ist.

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