PJ Harvey & John Parish

A Woman a Man Walked By

Text: Jens Balzer

Frauen, die einen Hang zur Selbstzerstörung haben, sind im richtigen Leben natürlich eine ziemliche Last. Ständige Stimmungsschwankungen, Kreischen und Schreien in der Öffen tlichkeit, unmotivierte Ausbrüche der Gewalt gegen andere und sich selbst: Wer setzt sich schon gern solchen Verhaltensweisen aus, wenn er sich ihnen nicht – etwa aus Gründen des Masochismus oder der Verliebtheit – unbedingt aussetzen muss?

    Betrachtet man sie hingegen aus dem sicheren Dunkel des Zuschauerraums, geben diese Frauen das schönste und faszinierendste Schauspiel, das man sich nur vorstellen kann: leidenschaftlich, laut, intensiv, überraschend und daher in der Regel recht kurzweilig.

    Die tollste und faszinierendste Vertreterin dieser Gattung:

Polly Jean Harvey

aus Yeovil, Somerset. Seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten steht sie auf der Bühne, und noch immer vermag keine andere Sängerin, sich so psychologisch bedrängend zu artikulieren, Stimmungsschwankungen auf musikalisch so abwechslungsreiche Art umzusetzen. Und das Tolle ist: Je länger sie musiziert und je älter sie wird, desto besser wird Polly Jean Harvey, desto sprunghafter, aufregender und sexueller. Schon auf ihrem letzten Album »White Chalk« hatte sie die teilweise recht simpel gestrickte Indierock-Hysterie ihrer Frühzeit zu einem polymorph perversen Kammermusikszenario geweitet, in dem sich gefährliches Schreien noch bedrohlicher als sonst aus stillen Klangtälern erhob. An Stelle der Monokultur der elektrischen Gitarren waren Klavier und Banjo getreten, Mellotron, Scheunenbodenfiedel und Zither. Auf ihrem neuen Album, das ihren langjährigen Partner in Crime,

John Parish

, erstmals seit 1996 wieder im Titel nennt, verfolgt Harvey diesen Weg weiter, mit Ausflügen in die Vergangenheit.

    Im Eröffnungsstück »Black Hearted Love« gibt es zwitschernd-splitterndes Gitarrenspiel aus der Steve-Albini-Hochfrequenzschule zu hören, kundig betupft mit kleinen, funkelnden Stör geräusch-Lichtern. In »Sixteen, Fifteen, Fourteen« hingegen begegnen wir wieder dem schnarrenden Banjo- und Zithergezupfe des Vorgängeralbums. Beide Arten der Instrumentierung – und das ist das Wunderbare an dieser Platte – lässt Harvey niemals zum Selbstzweck verkommen. Vielmehr nutzt sie jede musikalische Gelegenheit, um die eigene Stimme – den Gesang und das Sprechen, das Gurren und das Schreien – von Neuem herauszufordern: Derart innig wie hier haben sich musikalischer ›Vorder-‹ und ›Hintergrund‹, Leitstimme und Instrumentierung bei ihr noch nie vermählt.

    Man höre zum Beispiel »Leaving California«: Hier haucht sie kräftig und hingebungsvoll zu einem hoch über der Szenerie hängenden Gitarrenwinseln und einigen hart an ge schlagenen Klaviertönen, bis sich das Weiche und Harte zu einem einzigen ätherischen Vielklang verbinden. In dem Stück »Pig Will No« bekräftigt Harvey hingegen ihr Bekenntnis zum Widerstand gegen herrschende Rollenerwartungen mit einem beherzt vorgetragenen Hundegebell – »I will not, wuff wuff!« –, um dann plötzlich den Sound der Begleitband in den Höhen zu kappen und in den Hintergrund zu mischen, als dringe er aus der Nachbarswohnung. Darüber wird in halbiertem Tempo eine traurige Klavier-Etüde gespielt: Aller Wunsch nach Widerstand und Intensität, ist er nicht, ach, doch nur vergebens und eitel? Hat man es nicht leichter, wenn man »Passionless, Pointless« bleibt, wie der vorletzte Titel empfiehlt?

    Aber nein! Was würde dann aus dem Sex? Im Titelstück gewährt Polly Jean Harvey einen Blick in ihre analfetischistischen Fantasien (»I want your fucking ass«); der zugehörige Garagenrockrhythmus verwandelt sich in das hollywoodesk aufgepfefferte Schnau fen einer musikalischen Eisenbahnfahrt. »Ich will deinen Hintern, tuut tuut.« Im Modus des multiplen Hysterikertums formuliert Polly Jean Harvey so klar wie noch nie das Wesen ihrer Musik. Die Weisheit und die Vielgestaltigkeit dieser zehn neuen Songs werden uns lange ein Maßstab sein.

 

LABEL: Island

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 27.03.2009

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » 8000 Kilometer quer durch England:

    [...] Schon lange vor dem 2009 erschienenen Album »A Man a Woman Walked By«, das Polly Jean Harvey gemeinsam mit John Parish schrieb und einspielte, begannen die [...]

     
 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 

  • Redaktionscharts 2011



    Die Spex-Redaktion hat die 30 wichtigsten Songs und Alben des Jahres kompiliert. Plus ByteFM-Stream.
  • Die neue Spex #336

    Spex #336 Teaser

    Die neue Ausgabe Spex #336 ist ab dem 16. Dezember im Handel erhältlich, u.a. mit Newcomerin Lana Del Rey, David Lynch als Musiker, Occupy Wall Street mit Mark Greif, The Black Keys und dem Jahresrückblick RE: 2011.

    Außerdem: Gordon Matta-Clark, Miguel Adrover, Frank Miller, Rodarte, Mary Bauermeister, Drive, Veronica Falls, Sepalcure, Das Racist, Winfried Menninghaus, Niobe, Let Me In u.v.m.

    Dazu: Die Spex-CD #100 mit 15 Titeln und einem tierischen Foto von Juergen Teller.
  • Vernetzen

    Spex auf Facebook
  • Gezwitscher

  • Spex abonnieren

    Spex im Abo mit Prämie

    6 Hefte ¬ 6 CDs ¬ nur 30 Euro
    Immer 1 Woche vor Kiosk frei Haus
    Jetzt abonnieren!

Spex International
Spex International
Selected Spex contents in English
  • Daniel Miller & Patrick O’Neill of Mute on their new label
    Thomas Vorreyer | 28.01.2012 um 16:01
  • Talking music history with Debbie Harry and Chris Stein
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
  • »Since I’ve become an artist my mother is proud of me«
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
more

Neueste Texte
  • Compilation: »Format«
    Sebastian Hammelehle | 10.02.2012
  • Verlosung: Soundtrack zu Nicolas Winding Refns spektakulärem »Drive«
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012
  • Verlosung: Kontrabassist Baldwin heute bei »Kometenmelodien« in Berlin
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012

Blogs

-->