Bonaparte

Remuched

Text: Lina Brion

Die Party mit Bonaparte wird fortgesetzt. Das hyperaktive Kollektiv aus Band, Tänzern, Riesenkaninchen und diversen Kopfbedeckungen hat im letzten Jahr zahlreiche Villen und Kaschemmen von Berlin bis Wellington plattgerockt, angefackelt, in tropfende, schweißige Feucht-Biotope verwandelt. Irgendwann dazwischen, im September, veröffentlichte es rasch  das Debüt-Album »Too Much« auf dem Berliner Staatsakt-Label und heimste wenige Monate später das Preisgeld des Popkomm-Radio-Awards ein. Nichts könnte für Party-Kaiser Tobias Jundt und seine Gefolgschaft jetzt konsequenter sein, als eine Sammlung von Remixen herauszubringen. Auf »Remuched« performen 18 Neuentwürfe der Bonaparte-Songs von Housi Housemeister, Marvin Suggs oder Hifi-Brown den Zirkus auf dem Dancefloor. Den Verzerrer auf Anschlag, die Gebärde lässig, werden hier die polternden Polka-Offbeats der Originale zu verspielten Club-Kompatibilitäten, natürlich auf Kosten ihres erdig-schmutzigem Rumpel-Dilettantismus, nicht jedoch ihres Humors.

    Im Mix von Quinto feiert die hedonistische Marsch-Kapelle unter stilisierten Sirenen den Schlachtruf »Anti! Anti!« als affirmative Geste. »Who Took the Pill« – ob remuched von Markus Lange oder reprised von Sirius Mo – wird zum lethargisch-psychedelischen LSD-Trip, breakbeat-unterbrochen im zweiten, synthie-gepeitscht im ersten Fall. Der so called Ex-Punk und Boys-Noize-Records-Zuwachs Sirius Mo ist als einziger zweimal auf »Remuched« vertreten, seine Interpretation von »Do You Want to Party« leitet nach dem druckvollen Bonaparte-Outtake »Killing Time (Before Time Is Killing Me)« die Mix-Sammlung mit orientalisch angehauchtem R&B-Hüftgeschüttel und viel Geklatsche ein. Das von Bonaparte eher reduziert bis brodelnd gespielte »Ego« ist im neuen Gewand von Filewile ein gut abgehangener Dub-Track, voller Hall und Soul. Unter der Hand von Jack Tennis wird dasselbe Stück mit Handclaps und Cowbells zum Raumschiff-Disco-Hit, Zachov wiederum spielt gesetzte Klavier- und tänzelnde Pseudo-Cembalo-Tasten zum niedergeschossenen Ego.

    Allen neu vermischten Tanzflächen-Versionen ist gemeinsam, dass sie dem (vermeintlich?) Berlin-spezifischen Charakter Bonapartes Rechnung tragen, unprätentiös mit Feierwut, Körperfetisch und Verbrauchtheit zu kokettieren und gleichzeitig mit der ach-so bunten, zügellosen, karnevalesken Selbstinszenierung auf Dauer auch ein wenig auf die Nerven zu gehen. Akkustisch illustriert wird dies mit der zweiten CD des Doppel-Albums, 19 Live-Aufnahmen der Zirkus-Shows aus dem Festsaal Kreuzberg oder dem Grand Theatre Groningen bis zum Mitschnitt einer Performance »live in the emperor’s brain« oder »somewhere im Grenzbereich«. Sehr lohnend: die ironisch zurückgelehnte, mit Klavier und gestrichenem Schlagzeug unterlegte Jazz-Version von »Blow It Up«, eine Aufnahme vom Woodrock Hippie&Cheese Festival. Zuguterletzt wartet der Tonträger auch noch mit digital verstecktem Zusatz-Material auf, einem Live-Video von »LVDNGRSLVNGKLLS« und dem Online-Zugang zu weiteren Bonus-Tracks, Remixen und Videos.

LABEL: Staatsakt

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 06.03.2009

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 

  • Redaktionscharts 2011



    Die Spex-Redaktion hat die 30 wichtigsten Songs und Alben des Jahres kompiliert. Plus ByteFM-Stream.
  • Die neue Spex #336

    Spex #336 Teaser

    Die neue Ausgabe Spex #336 ist ab dem 16. Dezember im Handel erhältlich, u.a. mit Newcomerin Lana Del Rey, David Lynch als Musiker, Occupy Wall Street mit Mark Greif, The Black Keys und dem Jahresrückblick RE: 2011.

    Außerdem: Gordon Matta-Clark, Miguel Adrover, Frank Miller, Rodarte, Mary Bauermeister, Drive, Veronica Falls, Sepalcure, Das Racist, Winfried Menninghaus, Niobe, Let Me In u.v.m.

    Dazu: Die Spex-CD #100 mit 15 Titeln und einem tierischen Foto von Juergen Teller.
  • Vernetzen

    Spex auf Facebook
  • Gezwitscher

  • Spex abonnieren

    Spex im Abo mit Prämie

    6 Hefte ¬ 6 CDs ¬ nur 30 Euro
    Immer 1 Woche vor Kiosk frei Haus
    Jetzt abonnieren!

Spex International
Spex International
Selected Spex contents in English
  • Daniel Miller & Patrick O’Neill of Mute on their new label
    Thomas Vorreyer | 28.01.2012 um 16:01
  • Talking music history with Debbie Harry and Chris Stein
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
  • »Since I’ve become an artist my mother is proud of me«
    Jan Kedves | 28.11.2011 um 00:11
more

Neueste Texte
  • Compilation: »Format«
    Sebastian Hammelehle | 10.02.2012
  • Verlosung: Soundtrack zu Nicolas Winding Refns spektakulärem »Drive«
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012
  • Verlosung: Kontrabassist Baldwin heute bei »Kometenmelodien« in Berlin
    Thomas Vorreyer | 09.02.2012

Blogs

-->