Der leidende Fan

Der erste Teil des Spex-Dylan-Specials beschäftigte sich mit dem neuen Studioalbum »Together Through Life«, einem Sommeralbum voller Sehnsucht nach dem amerikanischen Süden und einer für immer verschwundenen Zeit. Im zweiten Teil beschäftigt sich Max Dax mit Dylans Europatournee-Auftakt in Stockholm, der gleich mit einer kleinen Sensation begann.

Bob Dylan Strockholm
Bob Dylan als Pixel: auf YouTube kursieren die ersten Konzertvideos, in den Torrent-Börsen die Live-Mitschnitte der ganzen Konzerte. Darunter auch die Aufnahme von Sonntag, als Dylan völlig überraschend »Billy #4« spielte.

VIDEO: Bob Dylan – Billy #4 (Live at Berns Salonge, Schweden)
(Still: Paperbackwriterr / YouTube)

Es wäre interessant zu wissen, ob die deutschen Ticket-Verkäufe signifikant angezogen haben, seitdem die Setlists der ersten beiden Stockholmer Konzerte der diesjährigen Europatournee von Bob Dylan bekannt geworden sind und die ersten hochauflösenden Sound-Recordings der Auftritte kursieren. Nicht nur spielte Dylan am ersten Abend mit »Billy #4«, einem zentralen Song aus dem Soundtrack-Album »Pat Garrett & Billy the Kid«, eine Weltpremiere. Gleich am zweiten Abend legte Dylan mit dem Song »One More Cup of Coffee (Valley Below)« eine weitere Ultra-Rarität nach. Ganz zu schweigen davon, dass Dylan und seine Band quasi zwei völlig unterschiedliche Konzerte gaben, nur zwei von jeweils 17 gespielten Songs waren identisch.

    Viel schwerer als die schnöde Statistik und die lobenswerte Uraufführung von »Billy #4«, über den Spex prophetischerweise in der letzten Ausgabe berichtete, wiegt indes die Tatsache, dass die Audio-Aufnahme vom 22. März einen Quantensprung markiert, was die Qualität der Live-Konzerte Dylans anbetrifft. Der Dylan-Fan ist bekanntlich leidensfähiger als jeder normale Musikliebhaber. Zuletzt glänzte Dylan in den Jahren 2000 und 2001 mit einer Band, die Abend für Abend einen ganz und gar kohäsiven Sound auf die Bühne zauberte.

    Zwar wartete Dylan in den Jahrgängen 2003 und 2004 mit einem aggressiven Sound auf, der vor allem dem Ende ’04 aus Gesundheitsgründen ausgestiegenen Gitarristen Freddy Koella zu verdanken war. Doch seitdem überwogen unhomogene Auftritte, die sich negativ dadurch auszeichneten, dass Dylans mitunter schlichtweg klumpiges Orgelspiel wie ein Fremdkörper jedes noch so interessante neue Arrangement torpedierte. Jene Abende, an denen der Sound seiner Band wie in Berlin 2005 aus einem Guss schien, gehörten zu den Ausnahmen.

    Festzuhalten bleibt, dass Bob Dylan offenbar von der ›mexikanisch-romantischen‹ Grundierung seines neuen Albums »Together Through Life« derart mitgerissen ist, dass die Auftritte, etwa durch die subtil neuen Arrangements von »Señor (Tales of Yankee Power)« oder »Blind Willie McTell« und natürlich die genannten beiden Raritäten genau dieser Stimmung zu entsprechen versuchen.

Morgen an dieser Stelle: Teil #3 des Spex-Online-Specials über Bob Dylan mit einem Bericht über Dylan im Internet.

    Das neue Album »Together Through Life« von Bob Dylan erscheint am 24. April 2009 (Columbia Records / SonyBMG). Spex präsentiert die im April anstehende Dylan-Tournee, weitere Informationen dazu auch bei der Marek Lieberberg Konzertagentur. Mehr zu »Together Through Life« findet sich mit Texten von Greil Marcus, Diedrich Diederichsen, Johanna Dombois, Richard Klein, Peter Kemper, Heinrich Detering, Max Dax und Klaus Theweleit auch in der neuen Spex #320, die ab dem 17. April am Kiosk erhältlich ist.

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