Nobel geht das Biest zugrunde

Andrew Birds Familienname bestimmt zunehmend seine Identität als Musiker: Auf einem seiner Alben sinnierter er über »The Mysterious Production of Eggs«, in den Liner Notes eines anderen Albums reihte er sich in eine Porträtserie diverser Sittiche ein. Auch der Titel seines neuesten Werks »Noble Beast« zeugt von Begeisterung für Zoologie. Auf ihm verbindet der Stadtflüchtige Bird das Kreatürliche mit dem Kreativen in melancholischem, das Weite suchendem Folkpop.

Andrew Bird
Während seine Freunde in den Achtzigern The Cure und The Smiths hörten, lag Andrew Bird nachts wach, um die historischen Schellacks mitzuschneiden, die in der Radioshow »Blues Before Sunrise« aufgelegt wurden.

(Foto: © Christoph Voy / SPEX)

»Oh no«, seufzt Andrew Bird im Opener seines neuen Albums »Noble Beast«, und die Geigen seufzen mit. »Let’s get out of here«, singt er, und man sieht ihn dabei geradezu die einsame Straße entlangschlendern, die ihn wegführt, weg aus der Unbeweglichkeit der lärmenden urbanen Welt, hin zu seiner großen Farm bei Elizabeth, Illinois. Erleichterung klingt aus der kleinen Melodie, die Bird pfeift, und es wird Heiterkeit daraus, gesellen sich doch ein handgeklatschter Rhythmus und mehrstimmiger Gesang hinzu, von irgendwo da draußen, von Wald und Wiese. Birds Rückzugstendenzen könnten ein Grund dafür sein, warum es zehn Jahre gedauert hat, bis man von dem Multiinstrumentalisten überhaupt größere Notiz nahm. Über zehn Alben hinweg hat Andrew Bird den Fluss traditionellen Folks in verschiedene Seitenarme geleitet, hat sich dabei kontinuierlich vom Jazz zum Pop-Eklektizismus bewegt, hat drei Live-Alben veröffentlicht, auf denen noch einmal alles anders klang, um schließlich 2005 den Durchbruch mit »The Mysterious Production of Eggs« zu schaffen.

     Nachdem er zuletzt Ambient-Noise-Experimente auf ein komplettes Instrumental-Album verbannte (»Use less Creatures«, in Deutschland nur als Import in der »Deluxe Edition« zu bekommen), ist mit »Noble Beast« nun ein Singer-Songwriter-Album entstanden, das an der Oberfläche zugänglicher ist als all seine Vorgänger. In der Tiefenstruktur werden aber weiterhin Hörgewohnheiten geweitet, gehen Folk, Jazz und große Gesten zu einem speziellen Kammermusikpop zusammen. Analog zu seinen Arrangements spielt Bird auch mit den Lyrics, wirft seine Lieblingswörter in die Luft und lässt sich von der Syntax des Zufalls neu inspirieren – bis er etwa im Stück »Tenuousness« singt: »Proto-Sanskrit Minoans to porto-centric Lisboans / Greek Cypriots and Hobishots / Who hang around the ports a lot«.

     Bird führt seine Freiheitsliebe auf seine frühen Kindertage zurück, genauer: auf seine musikalische Früherziehung. Damals wurde er nach den Prinzipien der Suzuki-Methode unterrichtet, einer vor dem Hintergrund der buddhistischen Philosophie von dem japanischen Violinmeister Suzuki Shinishi (1898-1998) entwickelten musikalischen Lehre. Bei der kommt es, verkürzt gesagt, schon für Vierjährige darauf an, ein Musikinstrument nicht als möglichst virtuos zu beherrschendes Werkzeug, sondern als kreativ zu nutzendes Spielzeug zu betrachten. »Ich war zwölf Jahre lang nur damit beschäftigt, Songs zu hören, sie sofort nachzuspielen und etwas Eigenes daraus zu machen.« Als junger Erwachsener ließ er ein Studium der klassischen Violine folgen. »Viele klassisch ausgebildete Musiker sind unfähig, ihre eigene Kreativität einzusetzen«, kritisiert Bird den reinen Akademismus, wie er überall anzutreffen ist.

Erleichterung klingt aus der kleinen Melodie, die Bird pfeift, und es wird Heiterkeit daraus, gesellen sich doch ein handgeklatschter Rhythmus und mehrstimmiger Gesang hinzu, von irgendwo da draußen, von Wald und Wiese.

VIDEO: Andrew Bird – Fitz and the Dizzy Spells

     Aber auch vom Zeitgeist ließ sich Bird nicht dirigieren. Während seine Freunde in den Achtzigern The Cure und The Smiths hörten, lag Andrew Bird nachts wach, um die historischen Schellacks mitzuschneiden, die in der Radioshow »Blues Before Sunrise« aufgelegt wurden. Anfang der Neunziger ließ er dann allenfalls Tortoise gelten, seine Liebe gehörte nach wie vor dem Jazz, »nicht den Solo-gegen-Solo-Duellen«, wie er sofort einschränkt, sondern den obskuren Singles der Jukebox im Chicagoer Jazzclub Green Mill. Vor allem die Kunst der großen Tenorsaxofonisten wie Coleman Hawkins oder Lester Young mit ihren einzigartigen Phrasierungen habe er förmlich aufgesogen. Zur Musikszene der Millionen metropole, die ihre eigenen Spielweisen von Jazz, Blues, Soul popularisiert und mit Chicago House sogar ein Genre nach sich benannt hat, zählte sich Bird jedoch nie. Man gebe sich untereinander zwar sehr »supportive«, treffe sich oft im Hide-Out-Club, sammle auch mal Geld, wenn einer der Musiker seine Arztrechnung nicht bezahlen könne. Aber: »I wish I could be a Chicago booster, but I’m not«, schiebt Bird hinterher, mit Nachdruck, als fürchte er, auf zu engem Raum eingepfercht zu werden. Eine Platzangst, vor der er seit seinem Umzug aufs Land sicher ist. 250 Kilometer östlich von Chicago erkundet er am liebsten spazierenderweise seinen Besitz, ein Areal in der Größe von 224 Fußballfeldern, sucht dabei immer wieder dieselben Kadaver verendeter Tiere auf, um ihre Verwesung zu beobachten.

     So lebt der Eigenbrötler Andrew Bird zwischen Instrumenten und Natur, zuhörend, zuschauend, allein: »Ich brauche einfach die Natur, ich muss diese Weite haben. Würde ich in der Stadt leben, wäre auch meine Musik viel beschränkter.« Und obwohl ihm diese Isolation von der Außenwelt mittlerweile zur Obsession geworden sei, mache er seine Musik keineswegs nur für sich. Er sagt: »Ich glaube an ›social music‹ – daran, dass Musik die Menschen zusammenbringen kann.« Und so geht Andrew Bird nun mit seinem neuen Album zum ersten Mal seit Jahren wieder mit einer Band auf Tour. Manchmal braucht eben auch ein Einzelgänger den Schwarm.

»Noble Beast« von Andrew Bird ist bereits erschienen (Fat Possum / Bella Union / Cooperative Music). Spex präsentiert Andrew Bird Live im Mai 2009, alle Stationen finden sich hier.

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