Zwischen Opulenz und Askese

Dear Reader

Text: Alexander Köhn

Mehr Neuanfänge wagen: Über ihre erste Platte gibt es kaum noch Worte zu verlieren, für ihr zweites Debütalbum stellte sich das Duo Dear Reader aus Johannesburg musikalisch neu auf, holte sich einen Produzenten aus Amerika und fand ein Label in Deutschland. Heute klingen Dear Reader nach verstimmtem Brooklyner Kellerfolk ebenso wie nach britischen Studiotüfteleien.

Dear Reader

Auf der Suche nach einer neuen Identität, außen wie innen, formal wie musikalisch: Cherilyn MacNeil und Darryl Torr als Dear Reader.

(Foto: © Marcus Maschwitz)

Im Vorfeld des Interviews mit der südafrikanischen Band Dear Reader gab es noch die Sorge, womöglich schlecht vorbereitet zu sein. Aber ihr erstes Album – erschienen vor drei Jahren, als sie noch Harris Tweed hießen – war nun einmal nicht aufzutreiben gewesen. »Ein Glück«, entfährt es Cherilyn MacNeil erleichtert am anderen Ende der Leitung. War die Platte etwa so schlecht? Die Sängerin relativiert. »Nein, nein. Sie klang nur ziemlich poppig, Mainstream eben.« Es sind Termini, mit denen MacNeil ihr neues Werk nicht umschrieben wissen will. Tatsächlich gibt »Replace Why With Funny«, das nach einem Vertrag mit dem deutschen Indie-Label City Slang im Gegensatz zum Vorgänger nicht nur in ihrem Heimatland erhältlich ist, dazu wenig Anlass. Zwar ist zu hören, dass eine klassische Singer-Songwriter-Arbeitsweise das Fundament der zehn Stücke legte. Waldhörner, Orgel- und Streichereinsätze, Gospelchöre, aufbrandendes und verebbendes Händeklatschen vertiefen den Sound jedoch, machen ihn komplexer, ohne ihm die Luft zum Atmen zu nehmen.

    Die Platte sei musikalisch ein großer Schritt nach vorne, sagt die Vierundzwanzigjährige aus Johannesburg. Dabei war dieser Entwicklungssprung zunächst nicht beabsichtigt. Vielmehr sah sich das Duo, dem neben MacNeil noch Darryl Torr angehört, Anfang letzten Jahres zu einem Neuanfang gezwungen. Nach dem Protest eines gleichnamigen schottischen Stoffherstellers musste es den Namen Harris Tweed fallen lassen. Es begann die Suche nach einer anderen Identität, außen wie innen, formal wie musikalisch. Als Dear Reader gründete sich die Band, deren Mitglieder erstmals vor fünf Jahren bei einem kleinen Akustikkonzert aufeinander trafen, quasi noch einmal. Es war wohl kein großer Prestigeverlust, bis dato war ihre Musik kaum über die Grenzen Südafrikas hinweg geschallt. Dort kennt man sich. »Wir haben nur eine kleine Independent-Szene«, beschreibt MacNeil die Rahmenbedingungen in ihrer Heimat. »Immerhin gibt es in Johannesburg ein paar Clubs, in denen Bands auftreten können.« Gehegte Keimzellen, die doch oft zu klein sind, als dass Unbekanntes aus ihnen zu etwas Größerem gedeihen könnte. Es verwundert daher nicht, dass die Inspiration meist von außerhalb kommt: US-Westcoast-Bands, verstimmter Brooklyn-Kellerfolk, avantgardistische Studiotüftelei aus Oxford.

    Für die Aufnahmen zu ihrem zweiten Debütalbum holten sich Dear Reader dann auch Verstärkung jenseits des Atlantiks. »Wir empfinden es als kleines Wunder, dass wir mit Brent Knopf zusammenarbeiten konnten«, sagt MacNeil in demütigem Ton, und es ist ihr anzuhören, dass der Fan aus ihr spricht. Ohne große Erwartungen hatte die Sängerin eine Mail an Knopf geschickt, dessen in Portland ansässige Band Menomena sie schätzt. Es war mehr eine Geste als eine ernstgemeinte Anfrage. Als Produzent war der Amerikaner bisher nicht in Erscheinung getreten. Auch dachten Dear Reader Anfangs gar nicht daran, einen Externen in das Projekt mit einzubeziehen. Immerhin ist Darryl Torr ein angesehener Studio-Ingenieur, der für seine Arbeit mit dem Soweto Gospel Choir schon einen Grammy entgegen nehmen konnte. Als Brent Knopf sich dann jedoch völlig überraschend bereit erklärte, für »Replace Why With Funny« an den Reglern Platz zu nehmen, zögerten MacNeil und Torr nicht lange. »Es war richtig, jemanden mit einem objektiven Blick auf die Dinge dabei zu haben«, so MacNeil rückblickend, auch wenn sie anfangs nicht recht gewusst hätten, worauf sie sich einlassen. Zwar waren die Songs beisammen, die bis auf den von sanftem Gitarren- und Basspicking sowie flirrend gespielten Streichern eingefassten Opener »Way of the World« ausschließlich aus der Feder der zierlichen Sängerin stammen. Doch hatten die beiden Musiker keine Vorstellung davon, wie das Material letztlich als Album klingen sollte. »Wir experimentierten zwei Wochen lang«, erinnert sich die MacNeil in typisch südafrikanischem, verzerrt britischem Englisch. Die Räume der South African Broadcasting Company, Studios, vollgestellt mit altem analogen Soundequipment, boten dafür unzählige Möglichkeiten.

    Entstanden ist eine überraschend geschliffene Platte, die weder verstaubt instrumentiert klingt, noch das Trial-and-Error-Konzept erkennen lässt, das ihr Zugrunde liegt. Die von MacNeils glockenklarem Gesang und ihren offenherzigen Texten geprägten Songs sind wohl platziert. Ihre Arrangements changieren zwischen Opulenz und Askese, schrecken nicht vor großen Gesten zurück, drängen sich dabei aber nie in den Vordergrund. Während »Out Out Out«, das zu stampfendem Beat von einer derb angeschlagenen Gitarre zusammengehalten wird, erst in Live-Situationen seine ganze Kraft entfalten muss, verlangen andere Stücke auf der Bühne nach einer Interpretation. »Wir arbeiten bei Konzerten mittlerweile mit einer Loop-Station«, erklärt MacNeil. Sie und Torr könnten so den Gesang Spur um Spur aufeinanderstapeln und damit einen choralen Sound erzeugen. Zudem sorge mit Schlagzeuger Michael Wright ein dritter Musiker für größere Entlastung und Varianz. Aber natürlich klinge das Ergebnis anders als auf Platte, räumt die Frontfrau unbekümmert ein. Sie hat gelernt die eigene Musik neu zu überdenken und weiß: »Es hat seinen eigenen Charme.«

»Replace Why With Funny« von Dear Reader ist soeben erschienen (City Slang / Cooperative Music / Universal Music), hier kann man das Album in Gänze streamen.

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