Alela Diane

To Be Still

Text: Thomas Hübener

Nach dem bezaubernden, im letzten Jahr endlich auch in Deutschland erschienenen Album »The Pirate’s Gospel« und ihrer ebenfalls 2008 mit Bravour absolvierten gesanglichen Auftragsarbeit für das Coverversionenprojekt Headless Heroes (»The Silence of Love«) lagen die Erwartungen an das dritte Album des neuen Sterns am kalifornischen Folkhimmel besonders hoch. Die spartanische Instrumentierung des Vorgängers ist auf »To Be Still« einem breiteren Spektrum an Arrangements gewichen. Neben der gewohnten akustischen Gitarre sind Banjo, Mandoline und Fiddle zu hören. Daneben countrifizieren klagende Slide-Effekte auf der Steel-Guitar Alela Dianes Vortrag auf bislang ungekannte Weise. Geblieben ist die Qualität des Songwritings, geblieben ist ebenfalls die völlig in sich ruhende schlafwandlerische Sicherheit, mit der Diane vorträgt, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt. Kaum jemand dürfte imstande sein, mit einer solchen Verve des Gewohnten lautmalerische »Uhs« und »Ohs« zu intonieren, wie dies Diane in »Age Old Blue«, einem Duett mit der Underground-Folk-Legende Michael Hurley, oder dem wunderbar deepen »Take Us Back« tut. Anders als beim unwahrscheinlichsten Popstar dieser Tage, dem Aktualisierer des romantischen Kunstliedes Antony Hegarty, klingt das bei ihr nie preziös oder manieriert.

    Wahrscheinlich bildet diese geerdete Selbstgenügsamkeit zusammen mit ihrer Naturverbundenheit das Geheimnis ihrer Beliebtheit: Diane wirkt als Anti-Entfremdungsgift fürs entwurzelte postmoderne Subjekt. Das Schöne dabei ist, dass ihre Meditativität fern von jeglicher esoterischen Verkitschung ist, in welche die spirituelle Sehnsucht des Westeuropäers so häufig mündet. Alela Diane trägt zudem – anders als so viele Protagonisten der New-Weird-America-Szene – weder waldschrathafte Kauzigkeit noch entkörpertes Elfengehabe zur Schau. Dafür besingt sie den einfachen Zauber der vertrauten kalifornischen Landschaft: Steppen, Berge, Bäume, von denen »helicopter seeds« zu sanfter Landung herabtrudeln, »muddy ground«, Wälder, in denen man »skeletons of leaves« sammeln kann. Auch ihr Figurenpersonal wirkt wie eine Emanation der ländlichen Gegend, der es entstammt. Obwohl sie dieses mit Kindheitserinnerungen verwobene pastorale Inventar oft als verloren besingt, ist bloße Betrauerung des Uneinholbaren ihre Sache nicht. Es geht eher um die Bewahrung der verlorenen Zeit im Lied als um ihr nostalgisches Beklagen.

    Wären die Assoziationen, die man in Deutschland mit diesem Begriff verbindet, nicht zu bescheuert, müsste man sagen: Alela Diane macht Volksmusik. Wichtig sind dabei die Wurzeln, die genealogische Tradition, die Familie – alles Dinge, die bei aufgeklärten deutschen Intellektuellen und Foucault lesenden Poplinken nicht hoch im Diskurs stehen. Denn aufseiten dieser kritischen Stimmen vermutet man Totalitarismusgefahr bei jeder Position, die auf Heimat, Erbe und Tradition beharrt. Die einschließenden Diskurse der Identität produzieren mit der gemeinschaftsstiftenden Stabilität nach innen zugleich bedrohliche Fremde, fürchtet man. Das lässt sich nicht widerlegen, und wer wollte ausgerechnet in Deutschland solchen Mahnern kein Gehör schenken. Nur: Das Ja zur Entwurzelung – welches der postmoderne Jargon als Feier fluid-nomadischer Hybrid-Identitäten auf den Lippen trägt, wie sie ebenfalls ein auf Flexibilität setzender neoliberaler Markt fordert – ist eben auch keine Antwort auf das Sinnverlangen in einer zu Tode aufgeklärten, metaphysisch unbehausten Welt. Sicher kann man den Traditionalismus des Folk aus einer teleologischen Perspektive der Weltperfektibilität heraus »regressiv« und eskapistisch finden. Allerdings sind Regression und Eskapismus auch Statements, gegen das nämlich, vor dem man eskapiert und sich zurückzieht. Für Punksozialisierte mag dieses Ausbleiben des Aufstands bei Diane verwunderlich sein: Kein Generationenkrieg, keine Rebellion gegen die Eltern, mit denen sie früher täglich morgens und abends sang – vielleicht sind dieser Quietismus und diese Zurückhaltung beim Ritual der Ego-Profilierung schon wieder rebellisch an Alela Diane. »To Be Still«  nahm sie ebenfalls wie »The Pirate’s Gospel« im Heimstudio ihres musizierenden Vaters Tom Menig auf. Damals mit Anfang zwanzig, jetzt mit fünfundzwanzig, ganz normal.

    Zurück zu »To Be Still«: Zum Schluss darf ein Schwachpunkt des dritten Albums dieser Ausnahmekünstlerin nicht unerwähnt bleiben. Leider nämlich lässt sich an einigen Stellen nachhören, auf welch verheerende Weise ein Mehr zu einem Weniger werden kann: immer dann nämlich, wenn Diane einem uninspiriert bedienten Schlagzeug gestattet, Songs wie »White As Diamonds«, »The Alder Trees« oder »My Brambles« durch Tempoverschleppung ihrer Spannung zu berauben. Statt in überwältigender amerikanischer Weite oder dunklem Waldschimmer ist man plötzlich inmitten einer bierselig-wippenden, aber Unterhaltungen keineswegs aufgebenden bärtigen Menge in einer Kaschemme des amerikanischen Westens. Wenn man solche Stücke bereits vor ihrem Sturz in die rhythmische Vergemütlichung in akustischen Versionen live gehört hat, ist diese Erfahrung besonders bitter. Man hat gleichsam die Schmetterlinge schon mal flattern gesehen und soll nun mit den Raupen vorliebnehmen. Aber zum einen sind es ja nur drei, zum anderen sind sie wohl immer noch hübscher als vieles, was dieses Jahr im Folk-Genre veröffentlicht werden wird.

LABEL: Fargo Records

VERTRIEB: RTD

VÖ: 20.02.2009

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