Christian Naujoks

Untitled

Text: Lina Brion

Musik wie Mobiliar hatte Eric Satie sich gewünscht, mehr noch: Eine Musik als Perfektion des Raums, die mit den im Raum vorhandenen Gegenständen ebenso harmoniert wie mit der sozialen Interaktion der in ihm agierenden Personen. Eine Musik die immer auch aus sich selbst heraus auf ein Außerhalb verweist, Kulisse ist für die Dinge, die vordergründig geschehen. Saties ›Furniture Music‹ – wichtiger Impuls für die Entwicklung von Filmscores, Ambient, Minimal-Techno und bedauernswerterweise auch Hotellounge-/Fahrstuhl-/Telefonschleifen-Musik – ist Christian Naujoks Debüt »Untitled« ebenso eingedenk wie deren breit ausgefächerte Folgen. Reduktion, Repetition und eine Tiefe von meditativ-melancholischer Eleganz durchwirken sein gut 30-minütiges Werk. Obwohl Naujoks die dreizehn Stücke in einer Zeitspanne von drei Jahren innerhalb unterschiedlichster Kontexte (meist im Rahmen von performativen Ausstellungs-Zusammenhängen) schrieb, ist am Ende ein auf dem Hamburger Label Dial erscheinendes Konzeptalbum geworden. Monolithisch, sorgsam arrangiert in einer sinnhaften Reihenfolge, die erst mit dem letzten Stück umknickt. Das übersteuerte, verzerrte Bob Dylan-Cover »Baby Blue« ist das erschreckende Schluss-Moment, das nach einem Kontrollgang zum Abspielgerät verlangt.

    Alleinstehendes Klaviertasten ist der Auftakt zu drei minimalistischen Kompositionen für Piano und Marimba. Über das repetitive Hüpfen des Xylophon-Geklöppel klingen die Anschläge des Klaviers per Haltepedal mit stoischer Ruhe nach. Es folgen zwei kammermusikalische Fragmente aus Violine, Cello und Querflöte, raumumgreifend wie unter einem imposanten Kathedralengewölbe, verhallte flinke Pizzicato-Zupfer wie in einer Tropfsteinhöhle. Exakt zur Mitte der Stück-Abfolge setzt zum ersten Mal Gesang ein. »Off the Rose« ist ein New-Order-Cover (»Leave Me Alone«), Naujoks Stimme schlingert als rein atmosphärische Klangfarbe und leuchtet hinüber in das erhabene Schwingen und Schwummsen, Ringen und Summsen des großartigen »Light Over the Ranges«, das klingt wie berauschtes Streichen über die Saiten eines Flügels: eine Hommage an Henry Cowell, der 1923 mit dieser neuen Spieltechnik des ›String Piano‹ John Cages Erfindung des ›Präparierten Pianos‹ vorbereitete.

    Einem simplifizierten Cage gleich tönen auch die voneinander abgeschälten Tasten in »TTT«, einem tieftraurig einsamen Kirchensolo folgend und in den Pop-Hit des Albums einklinkend: »Bloom« ist ein lässiger R’n’B-12-Töner auf Rythmus-Maschinen-Zitz zwischen Experimental-Ambient der frühen Achtziger, Can und einem völlig runtergepitchten Prince. Naujoks singt in einer kehlig-lallenden Fantasiesprache, deren einzigen verständlichen Worte »Gestaltungselemente«, »Ästhetisierung des Alltäglichkeiten« und »Daaancefloor« sind. Mit »Bass of Rome, No Radio« leitet gleitend ein etwas aberwitziger Synthesizer mit rotierenden Bässen, leichten Pling-Plong-Sounds und kitschig-atmosphärischem Rauschen den Ausklang ein, bis er abrupt vom erwähnten, schief aber schön geschrammelt und gejaulten »Baby Blue« abgeschnitten und ins Gerippe gestoßen wird. Der Verweis aufs vordergründige Geschehen: den Hörer.

LABEL: Dial

VERTRIEB: Kompakt

VÖ: 16.03.2009

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Christian Naujoks:

    [...] Naujoks zeigte mit seinem Debüt »Untitled«, wie man aus filigranen Klavierkompositionen und dezenter Electronica eine von [...]

     
 
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