Diverse
War Child: Heroes Vol. 1 / Dark Was the Night
Text: Jan Kühnemund
Mit großen Namen konnten die Initiatoren der Charity-Serien »War Child« und »Red Hot« schon immer protzen. Für erstere griffen bislang vor allem die jeweilige Crème de la Crème der britischen Inseln in die Saiten, letztere bestritten zumeist nordamerikanische Künstler in variierenden Genres: Mal waren Coverversionen von Fela Kuti zu hören, mal von Duke Ellington, mal ging es tanzbar her, mal swingte es. Zeitgleich erscheinen nun die jeweils neuen Ausgaben der beiden Wohltätigkeitsreigen, »War Child: Heroes« und »Dark Was the Night«. 45 Portionen Wohltätigkeit ergießen sich über den spendenwilligen Musikhörer.
Das Konzept von »War Child: Heroes« ist einfach: Legende (etwa Bowie, Dylan, Wilson, Wonder) bittet angesagten Act (etwa Hot Chip, Lily Allen, TV On The Radio, Franz Ferdinand), einen seiner Jahrhunderthits nachzuspielen. Das klingt verdammt gut, wenn die Scissor Sisters »Do the Strand« von Roxy Music zum Diskokracher umschminken, das klingt extrem öde, wenn The Kooks The Kinks sein sollen und sich an »Victoria« verheben. Meist passen Original und Nachspieler wunderbar zusammen: Energiebündel Peaches wandelt bei »Search and Destroy« auf den Spuren des Energiebündels Iggy Pop, und die Schnarchnase Duffy mit »Live and Let Die« auf denen der Schnarchnase Paul McCartney.
Begleitet wird »War Child: Heroes« von einer doppelt unangenehmen Kampagne. Zum einen überschütten sich die Initiatoren mit Eigenlob ob ihrer einzigartigen Zusammenstellung des »letztgültigen Cover-Albums« – war da nicht irgendwo »Volume 1« zu lesen? Steckt der noch ultimativere, noch einzigartigere Nachfolger nicht schon in den Startlöchern? Zu Weihnachten dann? Zum anderen schießt die Penetration der Tränendrüse weit übers Ziel hinaus. »In support of the real heroes«, steht unter dem Foto eines Kindes, »children, who live with the brutal effects of war.« Zwei Drittel aller Kriegsopfer seien Kinder, wird in der Hülle erläutert. Das ist natürlich unfassbar. Aber wem hilft diese Heroisierung? Wahrlich niemandem, schon gar nicht den hier bespendeten Opfern. Gibt es etwas weniger heldenhaftes, als ein Kind im Krieg? Ist der Krieg nicht das antiheroische Moment menschlicher Existenz per se? Mit der heischenden Umdeutung des unschuldigen, minderjährigen Sterbens in Heldentaten tut sich »War Child« wahrlich keinen Gefallen.
»Dark Was the Night« erscheint zugunsten der Organisation Red Hot, die sich dem Kampf gegen HIV/AIDS mit Hilfe der Popkultur verschrieben hat. Hunderte von Künstlern haben schon für Red Hot aufgenommen und gespielt. Auch auf der Doppel-CD »Dark Was the Night« wird nicht gekleckert: 30 exklusive Stücke von Arcade Fire, Bon Iver, Sufjan Stevens, Yo La Tengo, Conor Obert, Antony Hegarty, David Byrne und so weiter …
Im Gegensatz zu »War Child« setzt »Red Hot« auf Understatement. Tränendrüse? Gar nicht nötig. HIV/AIDS sei zwar nicht heilbar – aber vermeidbar. So fließt der Erlös der Kompilationen auch vor allem solchen Organisationen zu, die Aufklärung betreiben. Auch musikalisch kommt »Dark Was the Night« weniger breitschultrig daher, als sein Gegenstück. Viel Folk und Indiepop, manche außergewöhnliche Kooperation. Vor allem das, was The Books mit José González und Feist mit Ben Gibbard aufnehmen, klingt auch erfreulich gut. Bei vielen anderen gilt: Dabeisein ist alles.
So ist das eben bei solchen Samplern, eigentlich sind sie zu heterogen, als dass sie wirklich durchhörbar sind. Da sind viele hübsche Namen, die meisten spenden allerdings eher ihren guten Ruf, als überragendes Liedgut. Gerade bei dieser milden Sorte Kompilation muss mal wohl hinnehmen, dass die Geste der Wohltätigkeit allzu oft die mittlere Qualität des zu Hörenden ausgleichen soll.
LABEL: Parlophone / 4AD / Beggars Group
VERTRIEB: EMI / Indigo
VÖ: 20.02.2009

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