Morrissey

Years of Refusal

Text: Harald Peters

Das hatte gerade noch gefehlt: Morrissey als Jungfrau Maria. Nachdem er zuletzt mit Maschinengewehr (»You Are the Quarry«) und Konzertvioline (»Ringleader of the Tormentors«) auf Covern gesichtet wurde, hält er jetzt ein Baby in seinem Arm. Trägt man wieder Kind? Warum lächelt es so selbstzufrieden? Wie kommt es dorthin? Und was hat es dort eigentlich zu suchen? In Fanforen wird um Antworten gerungen, verzweifelt und unter völliger Abwesenheit von Humor. Schon jetzt gilt es jedenfalls als abgemachte Sache, dass »Years of Refusal«, Morrisseys mittlerweile neuntes Studioalbum, in der miesesten Verpackung steckt, die sich überhaupt denken lässt. Aber das ist falsch. Seine Alben sahen schon immer übel aus, auch in der Hinsicht beweist er Kontinuität. Bekanntlich ist Morrissey ein Traditionsmensch, weshalb Plattenfirmen, die ihn unter Vertrag nehmen, stets stillgelegte und vorzugsweise legendäre Labels reaktivieren müssen – nach His Master’s Voice, Island und Attack ist nun Decca an der Reihe, selbstverständlich mit dem ganz alten Logo.

    Das hat musikalisch natürlich nichts zu bedeuten, es ist nur so ein Spleen, den Morrissey gern pflegt. Gänzlich unbeeindruckt von irgendwelchen Strömungen und musikalischen Entwicklungen ist er Zeit seiner nunmehr zwanzigjährigen Solokarriere stur seinen Weg gegangen, hat seine Stilmittel immer weiter verdichtet, verfeinert und angereichert, bis vor lauter Quantität irgendwann eine neue Qualität erreicht war: die Qualität des Klassischen. Inzwischen ist Morrissey der einzig nennenswerte Musiker, der in der Kategorie Morrissey-Musik noch von Bedeutung ist. Mit anderen Worten: Er ist hoffnungslos unmodern, aber er darf es auch sein, schließlich hat er sich seinen Status erarbeitet. Aber da es viele Möglichkeiten gibt, unmodern zu sein, hat Morrissey sich in seiner notorisch eigensinnigen Art eine ausgesucht, die wenig naheliegend ist. Statt mit dem Alter milder zu werden, wie man es vielleicht erwarten würde, wird er immer rockiger, weshalb es auf »Years of Refusal« mächtig scheppert und quietscht.


Die Single »I’m Throwing My Arms Around Paris« schrieb Morrissey gemeinsam mit Boz Boorer. Auf YouTube kann man sie bereits streamen.

VIDEO: Morrissey - I’m Throwing My Arms Around Paris

    Unter der Leitung des inzwischen verstorbenen Produzenten Jerry Finn, der bereits für »You Are the Quarry« verantwortlich war, wurde das Album im Dezember 2007 in einem Studio in Los Angeles eingespielt. Um den Aufnahmen eine gewisse Unmittelbarkeit zu verpassen, wurde darauf geachtet, unter Live-Bedingungen zu arbeiten. Vor allem dem Schlagzeug wurde dabei größte Aufmerksamkeit zuteil. Nicht nur, dass man den Schlagzeuger anwies (oder ihm erlaubte), deutlich mehr, abwechslungsreicher und sogar wilder zu trommeln als sonst üblich, sein Getrommel wurde auch schön in den Vordergrund gemischt, also dorthin, wo sonst nur Morrisseys Stimme sein darf.

    Nun müssen sich Stimme und Getrommel den Raum teilen, wobei sie sich wunderbar ergänzen. Morrissey singt seine üblichen Liebes- und Klagetexte, während das Schlagzeug die Dringlichkeit der Verse unterstreicht. »I am doing very well«, Wirbel, »because nobody wants my love«, Tusch, »sorry won’t bring my teen years back to me any time soon«, zack zack bumm, »and smiling children will tell you that you smell«, Gong, »then came an arm around my shoulder, in its hand was for sure a revolver«, zack, Wirbel, Tusch. Im Gegensatz zu den beiden etwas übereifrig gelobten Vorgängerwerken, hat man dieses Mal das Gefühl, als wäre der Gesang tatsächlich Bestandteil der Musik und nicht etwas Fremdartiges, das übers Arrangement gelegt wurde.

    Auch für Orgelrock war Platz (»I’m OK by Myself«), für Trompeten (»One Day Goodbye Will Be Farewell«), sogar für Mariachi-Bläser im Wettstreit mit einem krähenden Hahn (»When I Last Spoke to Carol«). Am Ende von »You Were Good in Your Time« kommt dann experimentelles Gebrumme, Geklingel und Gefunke zum Einsatz und mit »I’m Throwing My Arms Around Paris« gibt es auch den angenehmen Popsong, der wahlweise Erinnerungen an den frühen Morrissey oder die späten Smiths weckt. Damit lässt er im Grunde keine Wünsche offen, nur das Rätsel mit dem Baby bleibt ungelöst. Aber was wäre Morrissey ohne seine Geheimnisse.

LABEL: Decca

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 13.02.2009

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