Harmonic 313
When Machines Exceed Human Intelligence
Text: Olaf Karnik
»Wenn Maschinen menschliche Intelligenz übertreffen…« – dann sprachen wir in den neunziger Jahren von elektronischer Musik. Detroit Techno, Warp, Mouse on Mars, Drum & Bass und tausend andere Plateaus mussten herhalten, um die Idee vom überlegenen Groove der Kybernetik zu untermauern. Heute hat sich die Euphorie gelegt, setzte sich doch mit dem Materialismus auch die Binsenweisheit durch, dass Maschinen von Menschen bedient, manipuliert oder zweckentfremdet werden.
Wie genau, darauf kommt es an. Mark Pritchard ist schon seit fast zwanzig Jahren elektronisch unterwegs, bei Projekten wie Link, Reload, Global Communication oder Jedi Knights. Zuletzt hat er bei Harmonic 33 einer fiktiven Library Music gefrönt, deren old-schoolige Sci-Fi-Sounds sogar von Madlib gesampelt wurden. Library Music ist ein von Komponisten und Musikern frei gestaltetes, aber nach funktionalen Kriterien der musikalischen Hintergrundbeschallung von Fernseh- oder Radiobeiträgen ausgerichtetes Genre, das seine kreative Hochphase in den sechziger und siebziger Jahren hatte; das nicht kommerziell erhältlich war, sondern über Kleinstauflagen in der Medienbranche vertrieben wurde und dessen Verwendung vom Copyright befreit war. Letzteres wurde Jahrzehnte später gerade für diejenigen Produzenten relevant, deren Musik zu großen Teilen auf Samples basiert. Die Verwendung obskurer Library Musik umgeht nämlich die horrenden Preise, die ggf. für signifikante Samples von urheberrechtlich geschützter Musik zu entrichten sind. Es versteht sich also von selbst, dass große Teile von Hiphop, Dubstep, Electronica oder Clubmusik heute auf Library Samples basieren.
Bei Harmonic 313 spielen exotische Library Sounds jedoch nur eine marginale Rolle, geht es hier doch eher um elektronischen Geschichtsunterricht für die Dubstep- und UK-Bass-Jugend. Wo die neue Ziffer im Projektnamen den Area Code von Detroit markiert, spannt das Referenztheater einen großen Bogen von Juan Atkins’ Cybotron über Kenny Larkin bis zu J-Dilla, von 303-Acid und 808-Beats bis zum Gameboy- und Atari-Sound, wie er zuletzt beim japanischen Hyperdub von Quarta 330 oder beim Elektronik-Reggae von Disrupt / Jahtari aus Leipzig populär geworden ist. Angereichert wird die Palette mit fetten Hiphop-Instrumentals, allzu klischeehaft brummender Dubstep-Dark ness oder verspielt-melancholischer Kraut-Elektronik, wie in »Köln«. Insgesamt klingt »When Machines Exceed …« aber wie eine typische Warp-Platte aus Aphex-Twin-Zeiten, das heißt auskomponierte Instrumentalmusik statt einfacher Track-Strukturen. Was fehlt, ist die Überraschung, die Verstörung, der Verzicht auf Referenzhuberei. In »Music Substitute System« verkündet eine retro-futuristische Computerstimme schließlich, dass Musik eine Sache der Vergangenheit sei. Die provokative These wird durch die Organisation von Tönen, Klängen und Rhythmen, wie sie die Maschinen bei Harmonic 313 vornehmen, allerdings nicht zwingend widerlegt.
LABEL: Warp Records
VERTRIEB: RTD
VÖ: 06.02.2009

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