Diverse

Soundboy’s Gravestone Gets Desecrated by Vandals

Text: Christoph Braun

Shackleton bestimmt den Grundton. Von Beginn an hat er mit seinen Tonkollagen aus dem wüsten Land, jener Einöde, in der keine gesellschaftlichen Übereinkünfte mehr vorstellbar sind, die öffentliche Wahrnehmung des Londoner Labels Skull Disco geprägt. Die Compilation »Soundboy’s Gravestone Gets Desecrated by Vandals« klingt nun wie ein Beleg dafür. In den gesamelten Original-Tracks auf CD1 wie auch in den Remixen von Produzenten wie T++, Pole oder Rupture gibt der Londoner Produzent, der gemeinsam mit Appleblim die Firma betrieb, den Ton an. Sein »The Rope Tightens« schleicht langsam umher und wirkt so gefährlich wie eine E-Bombe: Sie detoniert, produziert einen heftigen Kurzschluss und lässt alle technischen Geräte in einem Umkreis von bis zu mehrehren hundert Kilometern durchbrennen. »You Bring Me Down« ist Breakbeat, aus den Percussions der Musik Vorderasiens programmiert. Als Meta-Ebene schwingt hier ein Sound mit, der klingt wie die Vertonung des weltweiten Web-Traffics. Ein Schlüsselstück auch ist Shackletons »In The Void«: Ein Bass, der in seiner Isolation gänzlich verloren wirkt. Dazu diese gedehnten und gedeckten Synthesizer-Bewegungen, die so etwas darstellen wie ein digitales Wehklagen.

    Die Veröffentlichungen der beiden anderen Autoren-Produzenten des Dubstep auf Skull Disco, Appleblim und Peverelist, gehen ihn zwar nicht immer, diesen Weg der Dunkelheit. Skull Disco jedoch eröffnete auch ihnen stets die Möglichkeit, die abwegigen Stücke publik zu machen. So lag es bereits im Fall der ersten Label-Compilation »Soundboy’s Punishments« vor zwei Jahren nahe, die Skull Disco mit Shackleton zu interpretieren. Zu stark, zu überwältigend die Atmo seiner Produktionen.

    »Soundboy’s Gravestone Gets Desecrated by Vandals« nun setzt einen Schlusstrich unter die Label-Geschichte Skull Discos, die mit einer Neu-Interpretation von Düsterkeit ebenso den gerechten Hype um Dubstep entfacht hat wie durch weitere Inszenierungsmittel der Coolness. So handelten die Veröffentlichungen immer wieder vom ominösen »Soundboy« und waren gleich als Skull Disco zu erkennen. Als weiteres Alleinstellungsmerkmal sahen die Cover immer aus wie die Rucksack-Zeichnungen eines 17-jährigen Death-Metal-Fans, der sich nebenbei für die Geschichte der Maya interessiert, wegen der Menschenopfer womöglich. Und natürlich spielten insbeosndere Shackleton und Appleblim jahrelang das schöne Spiel des Gesichterversteckens.

    Zum Abschluss werden die Veröffentlichungen sechs bis zehn noch einmal auf CD und als MP3-Sammlung zugänglich gemacht, von der Shackleton/Appleblim-Veröffentlichung »Soundboy’s Ashes Get Chopped Out and Sorted« bis zur Shackleton-Solo-EP »Soundboy’s Suicide Note«. Diese neun Tracks werden auf einer zweiten CD geremixt. Es sagt viel, dass zumindest im Kontinuum dieser Zusammenstellung nur die eine Bearbeitung nicht hinhaut, die auf die Präsenz der Leere nicht eingeht und versucht, dem Appleblim & Peverelist-Stück »Over Here« eine ausgelassene, ja, discoide Stimmung mitzugeben. Daran scheitert der New Yorker Brendon Moeller, der ansonsten seinen Dubtechno in ziemlicher Deepness erstrahlen lässt. Der Rest aber nimmt viel mit von der Energie der Skull Disco: etwa T++, der Appleblim’s »Vansan« in der Beat-Arithmetik multipliziert, ohne etwas zu verkomplizieren. Oder Rupture, der Shackletons »In the Void« ein paar überzeugend illusionslose Gitarren-Licks und Oldskool-Modem-Sounds verpasst. Bass Clef beschleunigt »Circling« von Appleblim und Peverelist, und Pole reduziert die dominierenden Hallfahnen in Shackletons »Shortwave« auf rhythmische Impulse.

    Appleblim und Shackleton sind mit Skull Disco zu Fixpunkten der Bass-Musik herangereift, und haben sich nun entschieden, Schluss zu machen mit dem Labelbetrieb – die gymnasiale Ästhetik ließ sich wohl irgendwann nicht mehr durchhalten. Zudem betreibt Appleblim bereits sein neues Label Apple Pips, und der befreundete Peverlist veröffentlicht in Bristol auf Punch Drunk ständig Novelty-Hits. Shackleton lässt sich noch etwas Zeit mit neuen Plänen. »Death is Not Final« hieß eine seiner letzten EPs. Auf Skull Disco.

LABEL: Skull Disco

VERTRIEB: Import

VÖ: 22.12.2008

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