Distance

Repercussions

Text: Jan Kühnemund

Die Begeisterung für Burials zweites Album Ende des vergangenen Jahres quittierte ein Kollege mit dem Hinweis auf ein bereits Anfang 2007 erschienenes Album: »Hört Euch mal ›My Demons‹ von Distance an, das ist noch viel düsterer, viel heftiger. Das ist die Zukunft!«

    Und in der Tat: Wie ein Herbststurm fegte der schwere Dubstep des Briten Greg Sanders aka DJ Distance einem um die Ohren, zermürbten die in Zeitlupe schwingenden Bässe das Gemüt. Ein gefühltes Dutzend Oktaven über dem Rhythmus tanzte schrilles Klingeling, wie ein grelles Wetterleuchten blitzen die Keyboards. Ab und an schwirrten aus der Ferne Wortfetzen heran, ein paar Gitarren auch noch. Die Dämonen kamen karg daher, sie waren wahrlich in der Lage, den Hörer zu verängstigen.

    So programmatisch der Titel des ersten Albums war, so ist es der des zweiten Streiches »Repercussions«, vielleicht ein bisschen unfreiwillig. Denn Sanders fängt hier vor allem den Widerhall des Vorgängers ein: Die dämonischen Beats strichen anderthalb Jahre lang um die Blöcke, stießen sich an den grell erleuchteten Bürotürmen Londons die Hörner ab, rieben sich am altehrwürdigen Sandstein der Monarchie rund und trudelten schließlich wieder in Sanders’ Kiez ein, Bromley im Südosten der britischen Kapitale. Nach dem zweiten, dritten Hören ist klar, dass die neun neuen Dämonen in Wirklichkeit die alten sind, ein bisschen außer Atem, ein paar Gramm mehr auf den Hüften.

    Viele seiner dubsteppenden Kollegen haben ihre Formen längst aufgeweicht. Burial entdeckte vor einem Jahr den Soul, The Bug hat seinen »London Zoo« in der Dancehall aufgenommen. Und Skream geht auf seinem neuen »Skreamizm V« sogar ein paar beschwingte Schritte Richtung Detroit. Und Distance? Gleichmütig tischt er seinen Entwurf von moderner Tanzmusik ein zweites Mal auf: Schleichende Beats, seismische Basslinien, ein paar süße Glöckchen, hier und da ein schweinisches Gitarrenbrett, eine Keyboardfläche, ein Wispern.

    Dabei sind die Stücke gar nicht mal schlecht. »Magnesium« etwa klingt wie der Inbegriff urbaner Einsamkeit, das dumpfe »Koncrete« stellt sich einem wie eine massive Betonwand in den Weg, die eingängige, blecherne Tastenfolge über den raschelnden Rhythmen von »Loosen My Grip« hat etwas Leichtes, beinahe Hymnisches. Bei vielen Stücken – vor allem aber »Mirror Tell« – schlägt Sanders’ ausdrückliche Vorliebe für Bands wie Isis und Sunn O))) durch.

    »Repercussions« ist eine hervorragend düstere Angelegenheit. Und doch reichen die Dämonen diesmal nicht bis in die Seele. Anfang 2007 klang Distance wirklich wie die Zukunft, Ende 2008 ist da kein Kitzel mehr. Zwei Jahre nach »My Demons« klingt »Repercussions« müde und mutlos. Bei welchem Horrorstreifen erschreckt man schon, wenn man ihn zum zweiten Mal sieht?

LABEL: Planet Mu

VERTRIEB: Import

VÖ: 23.11.2008

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