Entspannt in den Konjunkturen der Sympathie

Als Teil der Spex-Redaktion prägte Jutta Koether in den Achtzigern den Tonfall, in welchem seitdem in deutscher Sprache über Musik und Popkultur verhandelt wird – besondere Bekanntheit erlangte ihre Kolumne ›Mrs. Benway‹ über moderne Kunst. Sie begann die Lager zu wechseln, wagte etliche Seiteneinstiege, wurde Performancekünstlerin, Malerin, Musikerin, Theoretikerin und Buchautorin. Anlässlich ihrer großen Ausstellung in der Galerie Daniel Buchholz in Köln spricht die 1958 geborene Wahl-New-Yorkerin über Fluch und Segen multipler Karriereoptionen.

Jutta Koether

»Wenn alle Stricke reißen, dann behaupte ich, ich sei Dichterin. Dann trage ich für einen Moment die Narrenkappe.« (Jutta Koether)

(Foto: © Natalie Bothur / SPEX)

Jutta, du hast deine Künstlerkarriere als Quereinsteigerin begonnen. Du warst Herausgeberin und Autorin der Spex, dann begannst du, selbst als Malerin zu wirken.
    Quereinstieg in Bezug auf was? Da hilft nur unbeirrte Analyse! In New York habe ich die Konjunkturen der Sympathie, des Zuspruchs und des Erfolgs wie eine Sinuskurve wahrgenommen: die Gunst kommt, die Gunst geht, der Künstler darf sich nicht beirren lassen. Das galt letztlich auch für mich, als ›Quereinsteigerin‹. Ich kann beobachten und die Values herausfiltern, die Komponenten. Und trotzdem erlebt man in diesem System eine Vielzahl von Widersprüchlichkeiten.

Du sagst: Man darf sich nicht beirren lassen.
    Es geht darum, eine Methode zu entwickeln, wie man die Bedingungen, unter denen man agiert und arbeitet und sich sozial bewegt, aktiv selbst gestaltet – statt sich die Bedingungen diktieren zu lassen. Schließlich verteilt sich, misst sich auch der Raum, in dem man sich bewegt, ständig neu. In diesem Sinne war ich auch eine sehr interessierte Leserin von Rainald Goetz’ Blog »Klage«. Anders gesprochen: Our best efforts are temporary!

So, wie du deine Autorenposition immer neu hinterfragst?
    Ich glaubte nicht an eine Künstlerkarriere im bürgerlichen Sinne. Zumindest kam das für mich nicht in Frage. Ich bin ganz klar geprägt von meinem eigenen Werdegang als Seiteneinsteigerin, gepaart mit einem Interesse an Popkultur. Mein Werdegang ist mittlerweile nichts Besonderes mehr, eher beispielhaft für eine längst gängige kulturelle Praxis, die multiple Autorenpositionen ermöglicht. Man geht diesen Weg, weil man ein Interesse an Kultur, an Kunst, an Geschichte, an Musik hat. Ich auf alle Fälle habe mich immer als Teil einer aktiven Kultur, vielleicht auch einer Subkultur begriffen, die es mir gestattete, heute das eine und morgen das andere zu tun. Ein ›großer Künstler‹ im Sinne der Künstlerfürsten-Tradition zu werden, darum ging es mir nie.

War das schon immer so?

    Schon 1972, da war ich 14 Jahre alt, interessierte ich mich für Zusammenhänge. Wenn ich Musik hörte, wollte ich wissen, auf welche andere Musik die sich wohl bezieht. Und nicht nur Musik: Alle Mädchen in meiner Schule trugen teure Lodenmäntel – ich trug einen Bundeswehr-Parka für 20 Mark. Ich fühlte mich nicht minderwertig, im Gegenteil, ich war imstande, den Parka als Zeichen der Popkultur zu begreifen, das für mehr als seinen Kaufpreis steht, und konnte darüber hinaus im Religionsunterricht und in Geschichte Marxismus diskutieren – also lernen, die Dinge zu besprechen. Klassenunterschiede waren nicht nur theoretisch. Ich erlebte die Reibung mit den existierenden, vorgegebenen Wegen hautnah und in frühen Jahren, ich war damals schon gezwungen, eigene Regeln aufzustellen. Und fand dafür in der Kultur verschiedenste Ansätze.

Jutta Koether

»New Yorker Fenster« Galerie Daniel Buchholz, 2008

(Foto: © Jutta Koether / Galerie Daniel Buchholz)

Wie hast du Subkultur damals erlebt?
    Ich bewegte mich Mitte der Siebziger in Subkulturen, die einfach da waren: ein bisschen Hippie, ein bisschen Politik. Punk änderte alles: Schlagartig war alles klar! Im Sommer ’76 trampte ich durch England. Die Sex Pistols passierten. Ich wurde, vier Jahre vor Spex, Zeugin eines Urknalls.

1980 kam Spex. Ihr habt die Sprache erfunden, in der man seitdem auf Deutsch über Popkultur schreiben kann.
    Wie die Dinge halt so passieren. Wir haben uns ja nicht hingesetzt und eine Sprache ›erfunden‹. Wir waren einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ich habe seither immer gesagt: Diese Redaktion, die Spex, war meine Hochschule, meine Matrix für die Welt. Der redaktionelle Austausch war das einzig relevante Übungsfeld für alles. Diese Auseinandersetzung war für alle Beteiligten existenziell wichtig und auch sicherlich für ihre jeweilige Zukunft sehr prägend. Wir haben Freiheit erlebt. Und übertragen auf mich bedeutete es, dass ich seitdem das Mandat hatte, verschiedene Karrieren parallel zu verfolgen.

Folgst du ein und derselben Idee, wenn du dich in verschiedenen Disziplinen bewegst?
    Muss man das?

Wir fragen.
    Ich weigere mich, so über diese Frage nachzudenken. Für mich gibt es immer mehrere Programmfenster, die in keinem Wettstreit miteinander stehen, die offen sind. Ich entscheide mich dann für das passende Terrain, auf dem ich mich ausdrücken will. Wir reden von Verschiebungen und Übergängen. Diese Praxis erschwert das einfache Machen und Konsumieren von Aussagen, sie macht sie obskurer, und sie schützt mich auch vor falschen Kategorisierungen. Wenn alle Stricke reißen, dann behaupte ich, ich sei Dichterin. Dann trage ich für einen Moment die Narrenkappe. You’ll be a hero for a day! Aber ob ich das dann auch ›wirklich‹ bin, ist eine ganz andere Frage.

Jutta Koether

»New Yorker Fenster« Galerie Daniel Buchholz, 2008

Installationsansicht, »The Necessity of Multiple Inconsistent Fantasies #16, #13, #17, #19«, 2008 (links), »Inkarnat Gewand«, 2008 (rechts)

(Foto: © Jutta Koether / Galerie Daniel Buchholz)

Du hast Gebrauch von den Vorzügen des Pseudonyms gemacht – als Mrs. Benway warst du Spex-Kolumnistin in Sachen Kunst.
    Es ist hilfreich, eine Kunstfigur sein zu können. Es fällt leichter, Templates zu bedienen, wenn man die Identitäten wechseln kann. Aus der Rolle der Künstlerin gesprochen, möchte ich natürlich in der Lage sein, an Traditionen anzudocken. Ich entwickelte über die Jahre Methodiken und Systeme, um sowohl auf Traditionen zurückgreifen als auch die Mittel nutzen zu können, die sich mir aktuell, im Jetzt, im Moment anbieten. Daher auch der Titel meines Buchs mit diversen Schriften zur Popkultur, »Kairos«, der nicht ›Hipness‹ meint, sondern den richtigen Moment des Handelns beschreibt, der einen befähigt einzugreifen – einzugreifen in die Zeit, in der man lebt.

Greifst du mit deiner Malerei in die Zeit ein, wenn du etwa in deiner aktuellen Ausstellung »New Yorker Fenster« andere Maler zitierst, Traditionslinien herstellst, einfach einen Chagall oder Van Gogh im Stile des ›Bad Painting‹ nachmalst?
    Die Bilder sind lesbar, da ich in ihnen immer wieder ganz konkrete Bezüge aufzeige. Ich will als Künstlerin ein Deutungsinteresse an der Malerei entfachen – bei mir und bei anderen. Denn: Malerei wird heute konsumiert, aber nicht gedeutet. Dabei liegen die Möglichkeiten von Malerei seit jeher in der Verschlüsselung – mir auf alle Fälle reicht es nicht, mir für die nächste Show einen neuen Stil anzueignen und diesen dann auszustellen. Ich weiß, ich kann es nicht erzwingen, aber ich möchte eine Art tieferen Lesens anregen.

Was bekommt der Betrachter denn zu lesen, wenn er sich auf deine Bilder einlässt?
    Ich bemühe mich, viele meiner Bezüge und Querverweise für den Betrachter offenzulegen – aber nicht notwendigerweise zu erklären. Schließlich gibt es Kriterien, die ich mir setze, und die ich gerne mit meinem Publikum teile. Meine durchgearbeiteten Bilder können ihr kritisches Potenzial erst dann richtig ausspielen, wenn ich dem Betrachter ein paar Deutungsschlüssel mit auf den Weg gebe. Die Bilder sollen auf diese Weise erklären, warum sie auf der Welt und zu was sie fähig sind.

Nehmen wir dein Bild von Kylie Minogue, das neben deiner Maria Callas hängt.
    Beide Vorlagen stammen aus dem Kölner Stadtanzeiger. Ich habe die Bilder übersetzt in die Bildsprache der quasimythologischen Figur der Scarlet Woman, die auch bei Aleister Crowley und Kenneth Anger auftaucht. Sie ist eine ähnliche Figurenappropriation wie Mrs. Benway, die sich auf William S. Burroughs’ Dr. Benway in »Naked Lunch« bezog. Ich habe versucht, Kylie in meinem Bild zu ›optimieren‹, ihr Potenzial zu manifestieren. Darum geht es. Ich fühle mich dann immer wie ein Dichter. Dichter schreiben auch nicht in dem Bewusstsein, dass sie mit ihren Gedichten berühmt oder reich werden. Sie tun, was getan werden muss, und sie tun es in der nötigen Komplexität, und möglicherweise gibt es Briefwechsel, die für die Nachwelt erklären, worum es konkret in ihrer Poesie gegangen ist. Es ist der Versuch, eine Art Bezugssystem zu schaffen, das nicht ausschließlich mediale Massenbeglückung durch Kunst sucht. Die Sechziger sind vorbei. Warhol ist vorbei. Massenproduktion ist vorbei.

Jutta Koether

Links: »New Yorker Fenster« Galerie Daniel Buchholz, 2008, Installationsansicht, »Cinétract: ›New Yorker Fenster‹ oder auch ›Die Seele zwischen Himmel und Hölle 3‹«, 2008
Rechts: »New Yorker Fenster« Galerie Daniel Buchholz, 2008, Installationsansicht, »Die Seele zwischen Himmel und Hölle 2«, 2008

(Foto: © Jutta Koether / Galerie Daniel Buchholz)

Und was ist heute?
    Mich interessieren konzeptuelle Künstler wie Nic Guagnini, Merlin Carpenter, John Miller, Cameron Jamie, Cheyney Thompson oder Ei Arakawa – so unterschiedlich ihre Ansätze auch sind. Wir alle arbeiten innerhalb eines überschaubaren Wirkungskreises und sind uns dessen auch bewusst. Wir wissen um die inhaltlichen Möglichkeiten, die uns diese Arbeitsweise bietet – auch im Sinne der multiplen Künstlerpersönlichkeit. Ich kann als Musikerin auftreten, ich kann zwischendurch Schriften veröffentlichen. In diesem Zusammenhang wird aber auch das gemalte Bild und Malerei immer wieder neu verhandelt. In New York war in den letzten Jahren Reena Spaulings meine Plattform – man könnte auch sagen: meine Spex heute, mit ihrer Galerie und der Arbeit im Künstlerkollektiv. Bei ihr haben Kim Gordon und ich in einer gemeinschaftlich kuratierten Ausstellung mit dem Titel »Dead Already« in New York eigene Arbeiten eher devaluiert und unsere Bilder dort anders zur Disposition gestellt, indem wir den Galerieraum ›einrichteten‹ und die eigentliche Kunst nur am Rande, eben nicht gehängt, sondern gestapelt stattfand. Zusammen mit anderen Objekten boten die Arbeiten eine Kulisse für Tanz-, Musik- und Theorievorstellungen, die sich mit Fragen von Entäußerungen weiblicher Körper als Instrument ästhetischer Aussagen und Fragen in Bezug auf die Fiktion von Indie-, Underground- und Avantgarde-Genealogien in Downtown Manhattan beschäftigte. Galeristen und Publikum waren auf angenehme Art verunsichert.

Vollziehst du eine Abkehr von der Figur des Malers als autoritärer Instanz?
    Vielleicht ist es eine weibliche Herangehensweise im Unterschied zur männlichen? Ich habe in der letzten Ausgabe das Interview mit Albert Oehlen gelesen, in welchem er die Figur des Malerfürsten als für ihn auch emotional noch relevantes Modell anführt. Kim Gordon und ich teilen wahrscheinlich eine Skepsis gegenüber den Rollen, die uns von der Gesellschaft zugewiesen werden – speziell uns als Künstlerinnen. Wir sind eher am Weitergeben, am Teilen, am Fortführen interessiert, kurz: an der sozialen Dimension von kultureller Praxis, und wie die sich auf Formfindung und Form auswirkt, welche Aufgaben sich daraus ergeben, welche Themen. Und wir hinterfragen die Künstlerfigur. Welche ›Performance‹ wird erwartet? Was ist Autorität? Wie kann man imperialen Gestus auseinandernehmen? Wie sich selbst? All dies wirkt in die Selbstwahrnehmung hinein, wirkt sich auf die Figur der ›Malerin‹ aus wie auch auf spezifisch malerische Entscheidungen darüber, was sich dann schließlich konkret ›im Bild‹ abspielt.

Jutta Koether »New Yorker Fenster«, Galerie Daniel Buchholz, Elisenstraße 4-6, 50667 Köln, die Ausstellung läuft noch bis zum 31. Januar