Matmos
The West
Text: Jan Kühnemund
Wie leicht verstricken sich Musiker im Experiment. Oft dokumentieren etwa experimentelle elektronische Alben eindrucksvoll die Auseinandersetzung eines Künstlers mit einer strengen formalen Vorgabe, sind aber außerhalb des Entstehungskontextes unhörbar, wenn nicht gar langweilig.
Matmos – Drew Daniel und M. C. Schmidt aus San Francisco – geben sich dem Experiment leidenschaftlich hin. Sieben Alben haben sie bislang aufgenommen, zuletzt im vergangenen Jahr das geniale »Supreme Balloon«. Jedes folgte einem eigenen Konzept: Auf »The Civil War« nahmen sie vor sechs Jahren klanglich und inhaltlich den britisch-amerikanischen Bürgerkrieg auseinander. Im Jahr 2001 fügten sie »A Chance to Cut is a Chance to Cure« aus Klangschnipseln medizinischer Gerätschaften zusammen. Die Rhythmen bastelten sie aus den Geräuschen brechender Knochen und schneidender Skalpelle, Fettabsauger und chirurgische Laser spendeten spröde Melodien. Das ihrer Ratte gewidmete Stück »To Felix (And All the Rats)« trommelten sie auf dem Käfig des verstorbenen Tieres. Die Vorgabe für das letztjährige »Supreme Balloon« war dagegen beinahe banal: Matmos verwendeten ausschließlich Synthesizer und kein einziges Mikrofon – und kamen ganz ohne Küchengeräte, elektrische Zahnbürsten und Rattenkäfige aus. Bei dieser Band ist so was erwähnenswert.
Eines ihrer Frühwerke wurde kürzlich wiederveröffentlicht, »The West«, ihr drittes Album aus dem Jahr 1999. Es entstand aus einem freundschaftlichen Tauschhandel: Anlässlich einer Hochzeit brachten Daniel und Schmidt Freunde des Brautpaares in ihrem Apartment in San Francisco unter und ließen sich die Miete in Klängen bezahlen. Jeder Gast spielte oder las etwas ein, Gitarre oder Banjo, Gläser, Töpfe oder Wittgenstein. Aus diesen spontanen Aufnahmen entstanden später in Zusammenarbeit mit anderen Musikern fünf Stücke – zwischen 3 und 22 Minuten lang. Akustische Instrumente umspielen nun die Samples, sie treiben sich gegenseitig in den Wahnsinn. Ist das der Klang des Sozialen?
Matmos sind Spieler und auch »The West« ist weit mehr, als ein intellektueller Genuss. Denn bei aller Selbstbeschränkung haben sie weniger den Weg als das Ziel im Auge – so schwer sie es sich machen, so leicht machen sie es den Hörern. Aus ihren Gerätschaften klingt das Experiment selten nach einer Herausforderung, voller Lust und Humor erzaubern sie aus vertrackten Ideen und absurden Klängen Ergreifendes. Wenn sich die Geräusche überschlagen, dann bleibt da immer ein fesselnder Rhythmus. Und aus den wirbelnden Klangfetzen der Welt kriecht immer noch eine verwunschene Melodie hervor. Ob »The West« eine Tanz- oder eine Rockplatte sei, habe man sie beim Mastering damals gefragt, berichtet Drew Daniel. Er wisse es bis heute nicht.
LABEL: Autofact
VERTRIEB: Cargo Records
VÖ: 05.12.2008

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