Liebe im Zeitraffer der Lieder

Coloma

Text: Carmen Böker

Von ABC über Prefab Sprout bis Cole Porter reichen die sprudelnden Quellen der Inspiration, aus denen das Duo Coloma aus Köln/Berlin schöpft, um auf seinem vierten Album die Geschichte einer prototypischen Liebe als Zyklus zu erzählen: von der Ekstase bis zum bitteren Ende.

Coloma

Es ist eine Platte entstanden, bei der man sofort weiß, dass man sie vermisst hat, ohne natürlich von ihr geahnt haben zu können.

(Foto: © Kai von Rabenau / SPEX)

Nicht nur wenn draußen die Blätter fallen und sich das Jahr dem Ende zuneigt, heißt es Abschied nehmen. Auch der Frühling hat seine Momente des vorauseilenden Bedauerns: das Bewusstsein, dass die Blüte der Illusion heftig, aber kurz sein wird. So gesehen, ist »Love’s Recurring Dream« des Duos Coloma eine Versuchsanordnung über den Umgang mit den Verfallsstadien der Liebe. Ein Konzeptalbum voller poetischer Betrachtungen vom Werden und Vergehen, das alle Jahreszeiten binnen zwölf Titeln durchläuft, also einem kompletten Kalenderjahr entspricht. Das Ergebnis wirkt wie von einem vielfarbigen Ton der Schwermut grundiert: mal unergründlich blau wie der Sommerhimmel, mal tröstlich und schwerelos wie Schnee, der zu Boden fällt.

    Damit es für introvertierte Großstädter nicht zu rural wird, gesellen sich medizinische Metaphern von Blut und Schmerz, Krankheit und Tod hinzu. Aber ebenso von Wiederbelebung: »Die Idee des Kreislaufs impliziert ja, dass alles wieder von vorn beginnen kann. Es gibt Hoffnung in dieser Traurigkeit – irgendwo jedenfalls«, sagt Alex Paulick, Multiinstrumentalist, Produzent und Komponist bei Coloma. Passend zu dieser leidlich frohen Botschaft stellt der Albumtitel »Love’s Recurring Dream« eine Abwandlung von Thomas Moores Gedicht »Love’s Young Dream« aus dem Jahr 1895 dar, das dem ersten Verliebtsein als unwiederbringlicher Intensiverfahrung nachtrauert. »Der ›wiederkehrende Traum von der Liebe‹ hingegen«, so Sänger und Texter Rob Taylor, »räumt uns die Möglichkeit ein, sich wieder und wieder zu verlieben – den meisten von uns jedenfalls.« Romantik und Sarkasmus: was für eine Kombination.

    So ist eine Platte entstanden, bei der man sofort weiß, dass man sie vermisst hat, ohne natürlich von ihr geahnt haben zu können. Sie erscheint mit ihrem hymnischen und zugleich feinsinnigen Songwriting, der Kombination von Elegie und Eleganz zunächst einmal als eine Art Missing Link zwischen Prefab Sprout, ABC und Scott Walker, allerdings ohne dabei irgendeiner Sixties- bzw. Eighties-Sehnsüchtelei anheimzufallen. Die auch musikimmanente Melancholie ist das Gegenteil nostalgischer, synthetischer Schmachtgesten. Sie entsteht durch Holzblasinstrumente, die jene variiert wiederkehrenden Harmonien, Rhythmen, melodischen Elemente illustrieren, die Alex Paulick zu einem vielschichtigen Gefüge arrangiert hat.

    »Love‘s Recurring Dream« ist das vierte Album der beiden Briten, die es 1994 nach Köln verschlug. Paulick wohnt mittlerweile in Berlin. Mit ihrem Debüt »Silverware« von 2002 zeigten sich die beiden einerseits von der Kölner Elektronikszene, von minimalistischen Spielarten inspiriert. Andererseits war bereits eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Pop-Songwriting zu erkennen, mit Cole Porter ebenso wie mit Leonard Cohen. Dieses Interesse, eine bewährte Form erst von Grund auf zu verstehen und dann herauszufordern, trat auf den Nachfolgern »Finery« (2003) und »Dovetail« (2005) dann noch stärker zutage. Und jetzt geht es gewissermaßen um Liebe im Zeitalter des Liedes, jahrzehnteübergreifend.

    Wie die Vorgänger wurde auch »Love’s Recurring Dream« in einer Collagetechnik produziert, wie Paulick seinen Umgang mit dem zwischen fester Form und Improvisation im Studio gewonnenen Material nennt. Es stellte sich als überaus kohärent und kompatibel heraus: Ein perlendes Piano etwa konnte aus dem einen Stück nahtlos in einen anderen Titel übertragen werden, was den organischen, integralen Charakter der Platte noch erhöht. Um den Entstehungsprozess nicht komplett hinter der Produktionsoberfläche verschwinden zu lassen, blieben rauhere Eckchen erhalten, wie etwa die Bluesläufe, die mit einem Cembalo gespielt wurden – was ja an sich schon eine extravagante Instrumentwahl ist, aber perfekt zu dem sehr angenehmen Desinteresse Colomas an Stil-Dogmen passt.

    Man kann sich Rob Taylor ohnehin nur schwer im platinglänzenden Anzug und mit pathetischer Achtziger-Jahre-Geste auf der Bühne vorstellen, wenngleich er selbst findet, dass er auf dem neuen Album manchmal ein bisschen wie Martin Fry klinge. Aber während ABC das Desillusionierungserwarten mit einer Geste des Haare-aus-dem-Gesicht- Werfens banalisierten, philosophieren Coloma über das Dilemma, wie man den kostbaren Moment zugleich genießt und festhält. Dass es nicht geht, lernt man dann innerhalb von zwei Liedern, beim Übergang vom sehnsüchtig hochgestimmten »These Days Are Ours« zu »Standstill« (siehe Spex-CD), der Single-Auskopplung mit Bombastrock-Chören und militärisch straffem Schlagzeug.

    »Wenn die Leute immer wieder Bezüge zu den Achtzigern herstellen wollen, dann liegt das daran, dass zu dieser Zeit gewissermaßen die Feinjustierung des Pop-Songwriting stattfand, etwas, das zwar schon in den Sechzigern begonnen hatte«, erklärt Alex Paulick, »aber zu dieser Zeit eine besondere Kunstfertigkeit erlangte, ob nun bei Elvis Costello, Paddy McAloon oder vielen anderen.« Das ist eben auch eine Erkenntnis der Pop- und Hymnenforschung: »Eine gute Melodie«, sagt Rob Taylor, »ist niemals zu schlagen.«

»Love‘s Recurring Dream« von Coloma erscheint am 23. Februar 2009 (Italic / Kompakt / RTD)

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