Der Tanz für harte Ärsche

Buraka Som Sistema

Text: Detlef Diederichsen

Kuduro ist die angolanischen Variante von Ghettotech. Buraka Som Sistema aus Lissabon haben sich mit diesem Sound aufs europäische Hype-Radar katapultiert.

Buraka Som Sistema

»In jedem Fall gibt das Buraka Som Sistema dem Viertel einen guten Namen. Live tobt der Conductor unermüdlich über die Bühne und zelebriert die handelsüblichen Rituale der Publikumsanimation, während Riot sich eher schüchtern auf Percussion-Arbeit beschränkt und João hinter seinen Turntables das Bühnengeschehen überwacht und dirigiert.« (Detlef Diederichsen)

(Foto: © Lars Borges / SPEX)

Nicht das Radio, nicht Musik-TV, nicht das Internet, nicht Musikmagazine – auch in Angola sind Taxis das wichtigste Medium zum Promoten neuer Musik. »Wenn man einen Track bekannt machen will, muss man dafür sorgen, dass er in den Sammeltaxis gespielt wird, in denen sich alles und jeder in der Hauptstadt Luanda fortbewegt«, erzählt Conductor, MC des Buraka Som Sistema. »Wenn man ihn dann auf CD veröffentlicht, kann man mit Glück am ersten Tag auf den verschiedenen Märkten der Stadt ein paar Tausend CDs absetzen. Das ist aber auch die einzige Chance, die man hat, denn manchmal haben alle Raubkopierer noch am selben, spätestens aber am nächsten Tag die CD im Sortiment und man verkauft fast gar nichts mehr.« Wenn die Taxifahrer nicht mitspielen, gibt es noch eine andere, weniger subtile Möglichkeit: »Dann muss man eine große Party auf der Straße schmeißen«, berichtet Conductors Bandkollege DJ Riot, »man muss ein paar Mädchen anheuern, die tanzen, während man über ein großes Soundsystem die CD laufen lässt. Drinks ausgeben und Autogramme schreiben muss man auch.«

    Musikgeschäft 2008: Buraka Som Sistema sind in einiger Hinsicht exemplarisch für die veränderten Umstände, unter denen heute mit Musik Geld verdient wird. Basis des Trios ist Lissabon, ihre Musik aber ist angolanisch, und in Angola Erfolg zu haben und respektiert zu werden, das ist für sie eine Sache des Herzens. Ganz woanders ist man derweil schon längst auf sie aufmerksam geworden. Nicht nur, dass M.I.A., Diplo und Hot Chip die drei protegieren: In diversen europäischen Ländern füllen sie Clubs mittlerer Größe – und das, obwohl sie gerade mal zweieinhalb Maxis veröffentlicht haben. So etwas kennt man vielleicht höchstens vom NME-Hype der Stunde. Aber bei einer Gruppe aus Portugal? – die außerdem noch einem Stil zuzurechnen ist, dessen Namen sogar manch versierter Pop-Auskenner noch nie gehört hat?

    Betreiben wir also zunächst Begriffsklärung: ›Kuduro‹ heißt auf Vulgärportugiesisch so viel wie »harter Arsch«. Musikalisch handelt es sich hierbei um die angolanische Variante von Ghettotech, die gerade im Begriff ist, ihre Zentrale ins einstige koloniale Mutterland Portugal zu verlegen. Zu ihrer Entstehung schrieb der französische DJ und Produzent Frederic Galliano in den Liner Notes seiner 2006 veröffentlichten Genre-Compilation »Frederic Galliano Presents Kuduro Sound System«: »Kuduro ist 1996 in Angola entstanden. Schöpfer dieser Musik ist Tony Amado, der angolanische Grandmaster Flash.« Können Buraka Som Sistema diese Behauptung bestätigen? Die Portugiesen João Pekeno alias Lil John und DJ Riot schauen zum Conductor: Obwohl von Geburt her Kubaner, verbrachte er seine Kindheit in Angola (in dessen Unabhängigkeitskrieg kubanische ›Militärberater‹ bekanntlich eine nicht unwichtige Rolle spielten), als Teenager kam er nach Lissabon. Er ist der große Kuduro-Auskenner bei Buraka Som Sistema, seine Beziehungen nach Angola sind nach wie vor eng, zumal er keinen portugiesischen Pass hat. Er bestätigt Gallianos Geschichtsschreibung, »es war allerdings etwas früher, würde ich sagen. Eher 1992, ’93. Damals wurde in den Clubs von Luanda House sehr populär, und einige Produzenten kamen auf die Idee, House mit traditionellen angolanischen Rhythmen zu mischen. Zu Anfang war Kuduro etwas langsamer, aber dann wurde es immer schneller. Und heute ist Kuduro das, was wir machen«. – »Wobei wir aber auch noch von vielen anderen Stilen beeinflusst sind«, präzisiert João, »von Musik aus London, Detroit oder Chicago zum Beispiel. Techno, Hiphop und Dubstep.«

    Frederic Gallianos Liner Notes beschreiben nicht nur die Rhythmen des Kuduro: »Diese ungewöhnlichen und überraschenden Beatkompositionen werden von sozialkritischen Texten begleitet«, heißt es dort. In diesem Punkt widersprechen Buraka Som Sistema. »Das ist eine neue Entwicklung“, meint João. »In Angola ging es ursprünglich nur um die Beats und die dazugehörigen Choreografien. Jeder Beat hatte seinen eigenen Tanz.« – »Angola ist das durchchoreografierteste Land der Welt«, fügt Riot hinzu. »Aber seit der Hiphop-Explosion Ende der Neunziger geht es weniger um den Beat als um den MC, der dir erzählt, was er gestern wieder geklaut, wen er verarscht und wen er gevögelt hat.«

    Buraka ist eine Sprache, die in einigen Ländern Zentralafrikas gesprochen wird. Buraka ist aber auch eine Vorstadt Lissabons. Nicht die, in der sich Conductor, João und Riot trafen, sondern eine in der Nähe, eine, die noch abgerockter und unglamouröser ist. »Wir fanden es einfach total verrückt und lustig, uns nach Buraka zu nennen«, sagt João, und man fragt sich unwillkürlich, wie es dort wohl aussehen mag. In jedem Fall gibt das Buraka Som Sistema dem Viertel einen guten Namen. Live tobt der Conductor unermüdlich über die Bühne und zelebriert die handelsüblichen Rituale der Publikumsanimation, während Riot sich eher schüchtern auf Percussion-Arbeit beschränkt und João hinter seinen Turntables das Bühnengeschehen überwacht und dirigiert. Zu den dreien gesellt sich je nach Auftrittsort eine ständig variierende Schar von Gastperformern, beim Auftritt auf dem Popdeurope-Festival Anfang August in Berlin etwa ein Schlagzeuger, eine Tänzerin und ein MC-Counterpart für Conductor. Die Vielfalt macht den Sound etwas unextremer, als es Kuduro in seinen guten Momenten ist, und man bekommt weniger von dem, was die bisher veröffentlichten Tracks von Buraka Som Sistema auszeichnet: der sperrige, überpräsente Elektronikbass, die Verzerrung, die Hitze von dauerhaft zu Höchstleistung gezwungen Verstärkern. Joãos Augen leuchten, wenn er erzählt, wie wichtig ein lautes, komprimiertes Mastering sei und wie stolz sie darauf sind, dass ihre Master »immer noch ein bisschen lauter« sind als die der Konkurrenz.

    Das ist sicherlich nützlich für weitere Territoriumsgewinne auf europäischen Märkten. Auf der anderen Seite gehört zur globalisierten Realität eben auch, dass die Live-Besetzung des Buraka Som Sistema ständig variiert werden muss, weil bei etlichen assoziierten Bandmitgliedern immer wieder Visaprobleme auftreten. Conductor bringt es auf den Punkt: »Es ist viel leichter, einen Hot-Chip-Remix zu bekommen als ein Schengen-Visum.«

»Kalemba« von Buraka Som Sistema (Greco Roman / Import) und »Sound Of Kuduro Remix EP« (Sony Portugal / Import) sind bereits erschienen. Am 13. februar 2009 erscheint ihr Debütalbum »Black Diamond« (Fabric Records / Pias / RTD), das man hier in Gänze streamen kann. Vom 19. bis 22. februar sind Buraka Som Sistema zudem Live in Deutschland zu sehen, alle Termine finden sich hier.

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