Egotronic / Prinz Pi
Egotronic / Neo Punk
Text: Mikko Andreas Stübner
Die Parameter haben sich verschoben. Ost- oder Westsozialisierung – bei Berliner Kreativen kaum mehr ein Thema. Die jungen Leute geben den Ton an, und sie haben im Post-Wende-Deutschland nun einmal 19 Jahre lang Zeit gehabt, sich an den selben Genre-Töpfchen von Mutter Musik zu berauschen. Punk, Rock, Techno-Electro oder Hiphop sind längst überall Zuhause. Man findet alle Stile längst nicht mehr nur bei Deichkind, Jan Delay und Fettes Brot – Auch ›böse‹ Berliner wie Frauenarzt oder K.I.Z. musizieren fröhlich mit Alexander Marcus und Bela B.
Trotzdem scheint der Distinktionsgedanke an der Spree präsenter denn je. Die entscheidende Frage hat Farin Urlaub gestellt: »Bist Du ein Zugereister oder kommst Du aus Berlin?« Seine Antwort war falsch – es ist eben nicht egal, was du bist. Und: Du lebst, wie du wohnst. Im Klartext heißt das: die Neuberliner stürmen weiterhin vorzugsweise ihre selbstgezüchteten Soziotope wie »Kreuzkölln« oder »Prenz’l Berg«, die Alteingesessenen verbarrikadieren sich in unspektakulären Bezirken wie Schöneberg oder Weißensee. Spaßgesellschaft kontra Spießer? Keinesfalls!
Wer den Ton angeben will, muss sich überall linksradikal bis autonom inszenieren. Die Attitüde zählt – wenn schon keine Platten mehr verkauft werden, müssen sich wenigstens Konzerte noch lohnen. Das richtige Image entscheidet somit auch über die Besucherzahlen. Egotronic fordern ihre Existenzberechtigung gleich in der ersten Zeile von »Berlin Calling« ein: über einem blubbernden House-Beat inszenieren sie sich als zugereiste Krawallmacher. Titel wie »Raven gegen Deutschland«, »Kotzen« und »Unser Spaß sieht anders aus« sprechen eine klare Sprache: man denke sich die Mediengruppe Telekommander Reloaded. Und auf dem Titelbild ihres selbstbetitelten Albums sterben The Clash endgültig den Bedeutungstod und landen neben Che und der RAF im Referenz-Olymp. Die Verweigerung als publikumswirksame Inszenierung ist so bedrohlich wie der Uli-Stein-Pinguin mit dem ›Dagegen!‹-Schild. Das kann man schon mögen, man muss sich nur nicht zu viel darauf einbilden.
Nicht nur musikalisch bewegen sich die Szenen aufeinander zu. Auch Untergrund-Rapper Prinz Pi schmückt sein Album mit einem fünfzackigen Stern und verkündet den »Neo Punk«. Ausgerechnet auf seinem Major-Debüt propagiert er nun die Anti-Haltung. Ansagen wie »Schädelficken« und »Schlag die Faust« wirken zunächst wie der x-te Abklatsch von 68er-Parolen, doch trotz Genre-Crossover, 8Bit-Minimalklängen und Punk-Attitüde bleibt Pi Rapper: Seine Musik ist naturgemäß textgesteuert.
Wo Egotronic ganz auf die Wirkung des Techno-Musikbetts vertrauen, lenkt Prinz Pi lenkt die Gefühle der Zuhörer mit seiner Stimme. Die Titel bleiben Fassade, wie bei »Schädelficken« erschließt sich die Sozialkritik erst bei intensiver Studie der Lyrik. Der hört man die Hochschulreife ihres Erschaffers an – er analysiert vorsichtig und formuliert dann bewusst überspitzt. Ob diese Kodierung seiner Songtitel nun ein besonders kluger Schachzug war oder potentielle Hörer eher abschreckt, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass dem Prinzen sein neongrünes Gewand gut steht. Attitüde hin oder her.
LABEL: Audiolith
VERTRIEB: Broken Silence
VÖ: 14.11.2008

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