Alabama ist überall

Hawnay Troof

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Als Kind demonstrierte Vice Cooler mit seinem christlich-konservativen Vater gegen Abtreibungen. Heute rappt er als Hawnay Troof gegen repressive Moralvorstellungen. Oskar Piegsa über die Geschichte einer Befreiung.

Hawnay Troof

Statt auf politisch-kollektivistische Ansätze zu vertrauen, macht sich Vice Cooler als Hawnay Troof für die kulturelle Selbstbefreiung des Einzelnen stark.

(Foto: © Sandy Kim / Southern Records)

Kaum eine Veröffentlichung über den 24-jährigen Laptop-Punker Hawnay Troof alias Vice Cooler kommt ohne den Verweis auf seinen Geburtsort aus. Sei es, weil Rezensenten anmerken, dass bisher noch kein ähnlich radikaler Künstler so wie er aus der 200.000-Einwohner-Stadt Mobile, Alabama gekommen sei (die frühen Beastie Boys klingen ähnlich, aber die sind aus New York City). Oder weil Cooler in einem Interview auf die Frage nach seinen Unterscheidungsmerkmalen zu Acts wie Peaches, Electrocute und Noisy Pig antwortete: »Ich weiß nicht … Sie sind nicht in Alabama aufgewachsen.«

    »Es gibt wirklich keinen Grund, jemals nach Mobile zu kommen«, betont Cooler auch heute am Telefon über seine Jugend im tiefsten amerikanischen Süden. »Ich empfinde das politische Klima dort als sehr repressiv und traurig. Es ist eine ziemlich rassistische, sexistische, homophobe und radikal christlich-konservative Stadt. Jedes Südstaaten-Klischee wird erfüllt.« Zwar habe es im Mobile der neunziger Jahre auch eine Punk-Szene gegeben, zumindest in dem Sinne, dass es Rancid-Fans mit Irokesen-Frisuren gab. »Aber da ging es nicht um DIY oder Kreativität«, sagt Cooler.

    Einen Freiraum von der hegemonialen (Sexual-) Moral Alabamas bot auch die Szene der uniformierten Nonkonformisten nicht. Knutschende Jungs waren demnach auf Punk-Konzerten ähnlich ungewollt, wie Sonntags bei den Baptisten. Vice Coolers Erweckungserlebnis kam von außerhalb. »Im Alter von vierzehn besuchte ich mit meinem kleinen Bruder ein Deerhoof-Konzert. Das waren die ersten Erwachsenen, die uns ermutigten, Musik zu machen«, sagt Cooler. Die Mitglieder von Deerhoof, damals noch eine obskure Noise-Band, die mit geliehenen Instrumenten tourte, luden Cooler zu sich nach Kalifornien ein. »Sie sagten: ›Wenn ihr eine Band gründet, dann helfen wir euch, Konzerte bei uns zu organisieren.‹ Und wir so: Yeah, wie geil!«

VIDEO: Hawnay Troof – Connection

    In jungen Jahren wurde Vice Cooler von seinem christlichen Vater auf Anti-Abtreibungs-Demonstrationen mitgenommen. Nun begann er, Bands wie die feministischen Erase Errata zu Konzerten im Keller seiner Mutter einzuladen. Und ein Jahr nach seinem ersten Zusammentreffen mit Deerhoof tourte Cooler, mittlerweile 15 Jahre alt, mit seinem Bruder in der Punk-Band XBXRX durch Kalifornien. Im Jahr 2000 folgte das erste Album, die Rap- und Elektrolastigere Solo-Karriere als Hawnay Troof, der High-School-Abschluss und der Umzug nach Oakland, Kalifornien. »Seit ich vor etwa sechs Jahren umgezog, bin ich fast pausenlos auf Tournee«, sagt Cooler heute.

    Parallel zu seinem musikalischen Output (drei Alben als Hawnay Troof, sechs Alben mit XBXRX, Kollaborationen mit u.a. The Soft Pink Truth, Mika Miko) veröffentlichte Cooler Fanzines, ein eigenes Kochbuch und Fotografien in so unterschiedlichen Magazinen wie »Maximumrocknroll«, »Vice« und »Rolling Stone«. Aus der tristen Jugend in der Provinz ist für ihn ein Handlungsimperativ geworden. »Ich mache Musik, weil ich versuche, eine Verbindung zu Leuten zu schaffen, die in einer ähnlichen Situation leben wie ich in meiner Jugend«, meint Cooler. »Mein Vater versuchte, mir seine Ideen von Politik und Religion aufzwingen. Aber verändert habe ich mich, weil ich Menschen traf, die mir andere Ideale vorgelebt haben.« Gerade erst habe er dreißig Konzerte in den Südstaaten und im Mittleren Westen hinter sich gebracht. Und das Low-Budget-Video seines Songs »Connection« lief sogar auf MTV: »Etliche Kids im Mittleren Westen werden das gesehen haben.«

    Bedarf für seine selbstbestimmte, exzentrische, und damit im besten Sinne queere Kunst sieht Cooler zu Genüge: »Es scheint, als sei es auf einmal wieder akzeptiert, rassistisch und sexistisch zu denken«, sagt Cooler. Diesen Eindruck habe er aus eigener Erfahrung im Umgang mit Fans gewonnen, die Hawnay Troof toll finden und im selben Atemzug andere Bands als »schwul« beschimpfen.

    Und während der Wahlsieg Barack Obamas hierzulande das Ende des amerikanischen Rassismus zu verkünden scheint, wurde in Kalifornien zeitgleich am vierten November die »Proposition 8« verabschiedet. Ausgerechnet in dem Staat, in dem die Republikaner unter Gouverneur Arnold Schwarzenegger ihre grüne Seite entdecken und Marihuana-Konsum de facto legal ist, wird nun das Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe in die Verfassung geschrieben. »Für mich ist es selbstverständlich, dass Menschen gleiche Rechte haben sollten«, sagt Cooler, der außerdem bedauert, dass ein Volksentscheid scheiterte, welcher die Entkriminalisierung der Prostitution in San Francisco forderte. »Viele Leute verlassen sich darauf, dass alles besser wird, wenn Obama erst Präsident ist«, sagt Cooler. »Aber ehrlich: er ist nur ein Politiker.«

    Statt auf politisch-kollektivistische Ansätze zu vertrauen, macht sich Vice Cooler als Hawnay Troof weiterhin für die kulturelle Selbstbefreiung des Einzelnen stark. »If we can’t change ourselves, how do we expect the world to change?«, heißt es im abschließenden Song des Albums »Island Of Ayle«. Das klingt weniger wütend als auf seiner letzten EP »Hollar And See«, auf der Konformitätsdruck noch mit einem schallenden »Fuck You!« beantwortet wurde. Aktuell ist sein Anliegen aber nach wie vor. Alabama ist überall.

Das neue Hawnay-Troof -Album »Island Of Ayle« ist bereits erschienen (Retard Disco / Southern Records / Cargo Records). Derzeit ist Hawnay Troof in Deutschland auf Tournee, Spex empfiehlt den Besuch der Konzerte in Wien, Köln, Frankfurt, München und Berlin.

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