Sehr kitschig, total beängstigend
»Die Goldstein Variationen« von Station 17
Text: Dennis KastrupIn der Spex-Reihe »Gelungene Verpackung« erzählen wir die Geschichte eines Plattencovers, das sich aus der Flut der Veröffentlichungen abhebt – diesmal mit der Hamburger Gruppe Station 17. Das Protokoll führte Dennis Kastrup.

»Die Goldstein Variationen«, gestaltet von Holger Frischkorn, Julius Bockelt, Hans-Jörg Georgi, Markus Schmitz, Selbermann, Frank Maximilian Freytag & Bianca Strauch, Stefan Kalweit und Dirk Rudolph.
(Foto: © Melanie Schmitt / Atelier Goldstein / 17 Rec.)
Das hamburgische Musikprojekt Station 17 hat für sein neues Album »Die Goldstein Variationen« diverse Musiker zur Zusammenarbeit eingeladen, unter anderem Fettes Brot, Die Goldenen Zitronen, Von Spar, Barbara Morgenstern und Schneider TM kooperierten mit Station 17. Die grafische Umsetzung von sowohl Album als auch fünfteiliger 12-Inch-Vinylreihe entstand in Zusammenarbeit mit dem Atelier Goldstein aus Frankfurt am Main, sowie dem Grafikbüro Barner 16, dem auch Station 17 angehören. Entstanden sind so ein Albumartwork sowie fünf Vinyl-Maxis, von letzteren existieren je 25 handgemalte Unikate – diese werden im Januar 2009 in Frankfurt ausgestellt. Melanie Schmitt vom Atelier Goldstein betreute das Projekt gemeinsam mit Station 17-Mitglied Christian Fleck.
Christian Fleck (CF): »Die Goldstein Variationen« waren von vornherein als Kooperationsprojekt mit anderen Künstlern und Musikern angelegt. Also lag die Idee nicht fern, auch bezüglich der Verpackung der Musik etwas Besonderes machen zu wollen. So holten wir uns bildende Künstler hinzu. Da ich in Frankfurt auch im Atelier Goldstein gearbeitet habe, schlug ich ihnen anlässlich dieser Veröffentlichung eine Kooperation vor.
Melanie Schmitt (MS): Die Cover gestalteten wir unabhängig von der Musik. Wir standen dabei im Austausch. In Barner 16 gibt es eine kleine Kunstwerkstatt, vier der Barner 16-Beschäftigten kamen ins Atelier und haben dort eine Woche Workshop gemacht. Meine Kollegin Liz Coleman und ich haben uns bereits im Vorfeld auf ein Grunddesign geeinigt. Letztendlich bestand die Gruppe aus zehn Leuten, davon drei Künstler aus Hamburg und der Rest aus Frankfurt. Wir wollten eine durchgängige Linie erarbeiten und sehen, welche der Arbeiten man im Nachhinein auch als Plattencover benutzen kann.
CF: Natürlich wollten wir für die Maxi-Reihe unterschiedliche Motive haben, andererseits sollte ein roter Faden erkennbar sein. Deswegen entschieden wir uns auch für mehrere Künstler und nicht nur für einen. Die Idee war, mit Farbflächen zu arbeiten, die sich ebenso durch die Reihe ziehen wie auch die Utensilien, die man verwendet – Das waren in der Regel eher Stifte, Filzmarker.
MS: Unser Hauptaugenmerk ist die künstlerische Begabung. Wir sind nicht eine Gruppe, die einfach ein bisschen malt. Es ist so, dass wir Künstler mit einer geistigen Behinderung suchen, die eine Begabung haben. Da sind dann zum Teil Autisten, Menschen mit Down-Syndrom und auch Menschen, die eher sozial behindert sind, dabei. Wir versuchen ihnen Raum und die Möglichkeit zu geben, mit ihren Arbeiten nach draußen zu gehen. Für dieses Projekt wurden Künstler ausgewählt, die sehr grafisch arbeiten, um später ein klares Design fahren zu können. Die Unikate und Cover sollten stark, aber auch sehr reduziert sein. Wir wollten kein verspieltes Layout.

Holger Frischkorn im Atelier Goldstein. Er gestaltete das Artwork zur ersten Goldstein-12", die in Kooperation zwischen Station 17, The Robocop Kraus und Barbara Morgenstern entstand.
(Foto: © Melanie Schmitt / Atelier Goldstein / 17 Rec.)
CF: Wir bestellten erst einmal viele Blanko-Cover, auf denen unsere Künstler sich ausprobieren konnten. Die Vorlagen wurden zudem mit den einheitlichen Farbflächen versehen, darauf wurde schließlich gezeichnet. Die Künstler hatten teilweise Schwierigkeiten, sich mit dem neuen Format zurecht zu finden.
MS: Holger Frischkorn und Markus Schmitz beispielsweise arbeiten beide immer nach Fotovorlagen, Zeitschriften oder Lifestylemagazinen. Daher wählten wir Portaits von Musikern oder Tänzern aus, um auch dieses Element einzubringen. Diese wurden völlig in eine eigene künstlerische Sprache transformiert: Fotos von Christina Aguilera oder Kylie Minogue beispielsweise. Am interessantesten finde ich die Zeichnungen von Julius Bockelt – diese Linien, er zieht sie von Hand. Er hat außerdem ein sehr gutes musikalisches Gespür. Diese Linien stellen Töne dar, das sieht ein bisschen wie eine Tastatur oder Klaviatur aus. Die Linien haben ja auch Verläufe: Wenn man damit spielt, kristallisieren sich Wahrnehmungselemente heraus. Das alles sind Punkte, die ihm sehr wichtig sind. Julius hat sich durchaus die Musik von Station 17 angehört und dazu die Cover gezeichnet. Er ist derjenige, der die Musik unmittelbar umgesetzt hat.

Ohne Lineal zieht Julius Bockelt die Linien des Artworks der Station 17-Maxi mit Schneider TM, Ted Gaier und Melissa Logan.
(Foto: © Melanie Schmitt / Atelier Goldstein / 17 Rec.)
CF: Die Unikat-Cover haben alle ganz extrem andere Stimmungen. Hans-Jörg Georgis Arbeit zu der Von-Spar- und Melissa-Logan-Maxi beispielsweise: die ist sehr, sehr kitschig, aber auch total beängstigend. Bei Julius wirkt im Gegenzug eine optische Täuschung und besticht durch Minimalisums.
MS: Durch unsere kontinuierliche, jahrelange Zusammenarbeit mit den Künstlern, setzt man bereits auf ihren bekannten Stil. Das, was nun bei der letzten Zusammenarbeit herauskam, ist von einer starken Linie geprägt. Es ist ein Konvolut aus Vielem, dabei aber jeweils sehr individuell. Wichtig in diesem Zusammenhang ist noch zu erwähnen, dass Kommunikationsdesigner Stefan Kalweit die Maxi-Reihe gestaltet hat. Die Idee von Goldstein wurde von ihm aufgenommen und mittels eines einheitlichen Konzepts weitergeführt. Das heißt, das Design der Goldstein-Künstler bleibt im Vordergrund und wird durch die Gestaltung und Typographie unterstrichen, nicht erschlagen. Das Cover des Albums wurde von Dirk Rudolph gestaltet. Durch die Fotografie stellt er die Band nochmal mehr in den Vordergrund, jedoch ohne das Gesamtprojekt aus den Augen zu verlieren. Er hebt die grafischen Elemente der Coverunikate hervor und lässt sie durch das gesamte Booklet tanzen.
Das Album »Die Goldstein Variationen« von Station 17 erscheint am 21. November 2008 (17rec. / Cargo / Kompakt), die ersten drei Teile der fünfteiligen 12-Inch-Vinylreihe wurden bereits veröffentlicht. Die Ausgaben vier und fünf erscheinen Anfang 2009 (17rec. / Kompakt). Am Donnerstag, 20. November 2008 findet in Hamburg die Release-Party im Kampnagel statt. Die Cover-Unikate der »Goldstein Variationen« werden vom 07. Januar bis 01. Februar 2009 im Mousonturm, Frankfurt ausgestellt, Spex präsentiert die Station 17-Tour im Januar bzw. Februar 2009.

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