Q-Tip

The Renaissance

Text: Sven Beckstette

Die Musikindustrie meint es selten gut mit jenen Künstlerinnen und Künstlern, die sich zwar Anerkennung verdient haben, deren Erfolge allerdings schon eine Weile zurückliegen. Dies gilt insbesondere im schnelllebigen Marktsegment von Hiphop und R&B. Ein Rap-Veteran wie Q-Tip etwa hätte jedenfalls allen Grund, sich längst frustriert aus dem Geschäft zurückzuziehen: Drei unveröffentlichte Alben in den letzten neun Jahren sowie mehrere Plattenverträge, die ganz ohne Ergebnis blieben, haben Kamaal Fareed jedoch nicht davon abhalten können, stoisch an neuem Material zu arbeiten.

    Mit etlicher Verspätung ist nun endlich sein aktuelles Werk herausgekommen. Darauf gibt sich Q-Tip nicht nur ungebrochen selbstbewusst, sondern er ruft gleich programmatisch die Renaissance des Rap im Moment seiner kreativen und ökonomischen Krise aus. Das bedeutet im konkreten Fall die Wiedergeburt des Hiphop aus dem Geiste des so genannten Goldenen Zeitalters, also der Phase zu Beginn der Neunziger, die als der Höhepunkt des afroamerikanischen Sprechgesangs gilt, bevor die Missetäter des Gangsta-Rap die Vorherrschaft über Beats und Reime übernahmen. Der Bezugspunkt ist wenig überraschend, schließlich hat Q-Tip die Szene in diesen Jahren entscheidend mitgeprägt. Die ersten drei Alben, die seine Gruppe A Tribe Called Quest damals vorgelegt hat, zählen bis heute zu den unangefochtenen Meisterwerken des Genres.

    Es verwundert daher nicht, dass Q-Tips Erneuerungsversuch so klassisch wie modern klingt. Schon das Beiheft der CD gibt über die Produktionsästhetik des Albums Auskunft. Hier zeigt sich der 38jährige New Yorker mit einem Fender-Rhodes-E-Piano und dem Hardwaregerät MPC, einer Mischung aus Sampler und Sequenzer. Entsprechend wurden die zwölf Stücke sowohl von einer Band instrumentiert wie aus Bausteinen zusammengesetzt. Durch diese Synthese aus eingespielten und programmierten Tonspuren umgibt die Platte eine beinahe organische Aura, die dafür sorgt, dass die einzelnen Tracks zu einer warmtönenden, homogenen Einheit verschmelzen.

    Deshalb fällt es schwer, einzelne Songs hervorzuheben: Jazzige Keyboard-Akkorde werden von eleganten Funk-Bassläufen unterlegt, soulige Harmonien schmiegen sich an schnörkellose Schlagzeugrhythmen. Dieses fein abgestimmte Klangkonzept korrespondiert ideal mit der unverkennbar nasalen Stimme von Q-Tip, der seine mäandernden Wortkaskaden treffend mit dem Adjektiv ›abstrakt‹ beschreibt. Selbst den Sänger nimmt man ihm ab und das soll schon etwas heißen, wenn er mit Kollegen vom Schlage eines Raphael Saadiq oder D’Angelo das Mikrofon teilt. Alles in allem ein beeindruckender und makelloser Wurf, der von der hohen Musikalität seines Schöpfers zeugt. Umso schmerzlicher lässt sich erahnen, welche Glanzstücke Q-Tips ehemalige Labels noch ungehört in ihren Schränken verwahren.

LABEL: Motown Records

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 31.10.2008

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