Amanda Palmer / Essie Jain
Who Killed Amanda Palmer / The Inbetween
Text: Dennis Kastrup
Amanda Palmer ist nur schwer von den Dresden Dolls zu trennen. Ihre charismatische und eindringliche Stimme prägt die Band, die sie zusammen mit Brian Viglione vor sieben Jahren ins Leben gerufen hat. War das Duo in dem Zusammenspiel von Palmers Klavier und Vigliones Schlagzeug aber limitiert, so nimmt auf dem Solodebüt nun verspielte Virtuosität den Part von Viglione ein. Die Stücke auf »Who Killed Amanda Palmer« wirken wie ein Befreiungsakt. Eigentlich wollte sie die Songs in ihrem Schlafzimmer in einem Zeitraum von zwei Wochen einspielen – unvoreingenommen, spontan und eigenständig.
Doch Ben Folds soll angerufen haben, um ihr die Arbeit als Produzent anzubieten. Palmer willigte ein, später kam Arrangeur und Komponist Paul Buckmaster dazu, der auch schon mit David Bowie, Leonard Cohen und Elton John gearbeitet hat. Seine Streicherparts geben einigen Songs einen fast schon epischen bzw. hymnischen Charakter. Auch diverse Bläsersätze verstärken diesen Eindruck. Letztendlich geben aber Palmers Gesang und ihr Tasteninstrument den Ton an, mit breiter Brust treten sie vor die im Hintergrund angerichteten Instrumente. Dabei umgarnt eine tonale Melancholie die Intensivität der dargebotenen Texte, so wie bei »Ampersand«, dem aussagekräftigsten Stück: »Who needs love when there’s law and order? / Who needs love when there’s Southern Comfort?«, fragt Palmer. Der Titel des Albums ist eine Anlehnung an die in David Lynchs »Twin Peaks« verfolgte Frage: »Who killed Laura Palmer?« Amanda Palmer hat ihre eigenes musikalisches Schauspiel auf dem Album in zwei Akte unterteilt, dazu holte sie sich weitere bekannte Mitstreiter: Annie Clark (St. Vincent) singt in dem Broadway-Musical-Coverstück »What’s The Use Of Wond’rin?« (aus »Carousel«) und East Bay Ray von den Dead Kennedys spielt bei »Guitar Hero« eben die Gitarre. Eine fast schon kitschige Beach-Boys-Chor-Ästhetik in dem Song »Oasis« vermittelt außerdem den Eindruck, dass die Dresden Doll’sche Ernsthaftigkeit einer optimistischen Exeperimentierfreude gewichen ist. Extrem erfrischend und exzellent fügt sich »Who Kiled …« in das Gesamtkunstwerk Amanda Palmer ein.
Essie Jain wagte einen ähnlichen Schritt wie Palmer. Mit ihrem zweiten Album hat sich die in New York lebende Engländerin bewusst für die Kollaboration mit weiteren Musikern entschieden. Auf ihrem im Frühjahr erschienenen Debütalbum sah das noch anders aus: »We Made This Ourselves« deutete schon im Titel an, dass es sich um ein sehr minimalistisch instrumentiertes Werk handelte. Gitarrist Patrick Glynn und Jain am Piano waren damals die Protagonisten im eigenen Wohnzimmer. Jetzt wurden die beiden von Bläsern, Streichern und Schlagzeug im The Buddy Project Studio von New York City unterstützt. Diese arrangierten und musikalischen Feinheiten verschmelzen in den Stücken so dezent mit dem ruhigen Singer/Songwriter-Folk, dass eine Intimität erzeugt wird, die nicht von allzu großer Soundüberlagerung erdrückt wird. Das liegt vor allem an der immer präsenten und eindringlichen Stimme von Jain, die verletzlich, geordnet, ruhig, reif, hauchend und oftmals in höhere Tonlagen abgleitend besondere Nähe erzeugt. Das auch an manchen Stellen mehrstimmig, wenn sie Gesangsspuren übereinander legt. Gepaart mit dem harmonieversunkenen Piano, das sie größtenteils begleitet, den zaghaft gezupften Gitarrensaiten und den übrigen Instrumenten verbreiten die Songs eine sehr einladende Melancholie. Diese Ordung erscheint besonders verwunderlich, wenn Jain bei dem Entstehungsprozess davon spricht, dass »The Inbetween« eigentlich einen Punkt in ihrem Leben beschreibt, an dem sie sich gefangen fühle und bereit sei für einen neuen Lebensabschnitt. Auf der anderen Seite unterstreichen in diesem Zusammenhang Titel wie »Here We Go«, »Stop«, »Weight Off Me« oder auch »Goodbye« den Beginn einer Neuorientierung – auch musikalisch.
Dabei springt sie aber mit diesem Album nicht unbedingt in unbekanntes Wasser, entwickelt sie sich doch souverän und mitreißend weiter. Die unbekannte Zukunft sieht künstlerisch also spannend aus. Eine Einschätzung, die wohl auch für Amanda Palmer gilt. Beide Frauen nehmen eine Sonderstellung als Musikerin ein.
LABEL: Roadrunner Records / The Leaf Label
VERTRIEB: Warner Music / Indigo
VÖ: 14.11.2008

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