Old Splendifolia

Swaying Boldly Afar

Text: Thomas Schopp

Eine schöne, kleine Geschichte haben sich Frank Schültge Blumm (F.S. Blumm) und Jana Plewa für ihr Folkprojekt Old Splendifolia ausgedacht: Auf der Suche nach einem sagenumwobenen Urblatt treffen sich eher zufällig zwei Forscher, vergleichen ihre Aufzeichnungen und beschließen, inspiriert durch die Studien des anderen, eine Zusammenarbeit. Die Lücke, die das unauffindbare Urblatt lässt, gestaltet man pro-duktiv, indem man Songs schreibt. Das botanisch Unmögliche wird zum musikalisch Möglichen.

    Old Splendifolia mit Sitz in Berlin haben einen Soundtrack für einen Film namens »Herbst« komponiert. Das Album »Swaying Boldly Afar« motiviert dabei weniger zu einem ausgedehnten Spaziergang durch stürmische Natur als zu einer entspannten Hörsession in den eigenen vier Wänden. Es sind fünfzehn ruhige, statische Songs, die Plewas Gesang und Blumms Gitarrenspiel in den Mittelpunkt stellen. Auch Cello, Waldhorn und Bassklarinette sind mit von der Partie, halten sich aber bescheiden im Hintergrund, genau wie spärlich eingesetzte digitale Morphsounds. So entsteht eine Musik, in der die einzelnen Songs ihre Konturen verlieren und in einem Gesamtklang aufgehen, der zu gefallen weiß. Deshalb stehen Old Splendifolia dem wohltemperierten Pop eines Labels wie Morr Music näher als dem Folk einer Joanna Newsom. Auch die Stimme ist hier in erster Linie Klangelement. Sie verweist nicht, wie bei Newsom, auf eine sprechende Person, die uns dringend etwas erzählen muss.

    Sehr angenehme musikalische Momente sind auf diesem Album versammelt. Freilich haben diese nie den Anspruch, den Zeitfluss aufzuhalten, Ereignis zu wer-den. Alles fließt. Man hört »Swaying Boldly Afar«, während man schweigend aus dem Fenster schaut, das Fallen bunten Herbstlaubs zur Kenntnis nimmt und heißen Roibuschtee trinkt. Das Homerecording geht im Homelistening auf. Dies ist keine Platte für die Welt da draußen, keine ›mobile music‹. Hin und wieder wünscht man sich, dass die Musiker mal einen negativen Affekt zuließen: ein bisschen Stress muss sein, denkt man sich postmodern, aber die Songs folgen in gemessenem Schritt dem Pfad apollinischer Schönheit.

    Blumms luftiges Gitarrenspiel, das gerne auf ein Repertoire jazziger Septak-korde zurückgreift, codiert auf eine sehr bestimmte Weise Empfindungen von Sehnsucht oder Nostalgie. Auch Plewas Melodielinien kreisen streng konsonant um sich selbst. Sehr selten tauchen deshalb, trotz der zweifellos völlig verschiedenen Ge-sangsstile, unerwünschte Assoziationen an Annett Louisan und die Musik anderer Teilzeithippiemädchen auf, die sich jedoch schnell wieder verflüchtigen.

    Old Splendifolias Album wächst mit jedem Hördurchlauf. Bleibt zu hoffen, dass das Forscherduo seine Suche nach dem alten Prachtblatt aufgibt und seine Studien auf musikalischem Terrain fortsetzt.

LABEL: Plop Records

VERTRIEB: Broken Silence

VÖ: 07.11.2008

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