Grace Jones

Hurricane

Text: Jan Kühnemund

Die beste Boxerin ist nicht diejenige, die am dollsten zuhaut. Die beste Boxerin ist die, die ihren Gegner austanzt, immer wütender anrennen lässt und ihn schließlich mit einem eleganten Kinnhieb in die Seile schickt.

    Grace Jones wäre wohl eine gute Boxerin. Über neun Runden lässt sie sich von Sly Dunbar und Robbie Shakespeare durch den Ring jagen. Robbie zerrt an den Seilen und lässt sie subsonisch schwingen, Sly bearbeitet derweil den Schwingboden mit hämmernden Fausthieben. Immer wilder werden sie, richtig wütend. Grace Jones pariert ein ums andere mal, dreht sich, wendet sich, wirft den Kopf in den Nacken – und lacht.

    Nun ist es also da: »Hurricane«, ihr neues Album. Ein Album voller, tja, nenne wir es Sollschreibstellen: Fast zwanzig Jahre sind vergangen, keinen Tag scheint die Künstlerin gealtert. Und wer alles dabei ist: Adam Green, Tricky, Tony Allen und Brian Eno etwa – wem als Grace Jones gelänge die Versammlung solch illustrer Schar auf einer Platte? Das rhythmische Gerüst des Wirbelsturms schweißen die bereits angesprochenen Sly & Robbie, die Produzenten, mit denen sie bereits ihre drei großartigen Alben Anfang der Achtziger aufnahm. Und da sind viele Textzeilen, die zitiert werden wollen: »This is my voice / My weapon of choice«, raunt Grace Jones bedeutungsvoll zu Beginn des Albums. »William’s Blood« endet auf wohlbekannten Tönen, »Amazing grace / How sweet the sound / That saved a wretch like me«. Selbstbezug allerorten.

    Das Stück »Corporate Cannibal« ist schon länger bekannt. Vordergründig ist es eine recht simple Kritik an der globalisierten Wirtschaftswelt. Sklaven des Rhythmus seien wir, singt sie erneut, doch heute gäben ihn nicht mehr die Musiker vor, sondern die Unternehmen. Die Märkte fräßen die Konsumenten. Doch Grace Jones ist die Ich-Erzählerin dieser Geschichte, sie ist das gefräßige Monster Markt – wie sie auch im Titelstück als Wirbelsturm wütet. Es ist kein Zufall, dass der Markt und der Sturm heute eins zu sein scheinen.

    Grace Jones scheint in den Achtzigern zu jedem sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskurs beigetragen zu haben: Sie inszenierte ein selbstbewusstes, körperbetontes Kunstwesen, untergrub Gender-Stereotype. Ihre jamaikanische Herkunft und ihr Aufstieg in die weiße Modewelt warf Fragen nach den sozialen Kategorien Race und Class gleichermaßen auf. Die Renaissance eines rebiologisierten Begriffs der Rasse, ein erstarkendes konservatives Frauen- und Familienbild und Hartz IV zeigen, dass die Problematisierung der Trias Race-Class-Gender sich noch lange nicht erledigt hat – nur Grace Jones ist schon wieder einen Schritt weiter.

    Denn »Hurricane« klingt einerseits wirklich wie die Filmmusik zur Finanzmarktkrise. Andererseits scheinen viele Stücke geprägt von Donna Haraways »Cyborg Manifest«, verfasst ungefähr zu der Zeit, als Grace Jones ihr letztes Album »Bulletproof Heart« veröffentlichte. Sie ist in Haraways Sinne Cyborg, sie vermengt Mensch und Maschine zu einem Dritten. »This is a voice / These are the hands / This is technology mixed with the band«, heißt es im einleitenden »This Is«. In »Corporate Cannibal« erklärt sie sich zur »Man eating machine«. Oder singt sie »Man eating machines«? Wahrscheinlich ist sie beides auf einmal. Vor Jahren verschluckte sie in einem Werbefilmchen einen Citroën – und musste nur ein bisschen aufstoßen.

    Der »Hurricane« reißt auch musikalisch mit. Grace Jones orientiert sich an den zwischen 1980 und 1982 erschienen bassgetränkten Platten »Warm Leatherette«, »Nightclubbing« und »Living My Life« – allesamt mit Sly & Robbie auf den Bahamas aufgenommen. Und sie schrauben den Dub hier noch eine Stufe tiefer. Allerorten ploppt und schwirrt es dumpf. Vor allem dann, wenn die Musik Druck macht, ist das Album brillant – wie in den Stücken »This Is«, »Hurricane« und »Corporate Cannibal«.

    Daneben ist »Sunset Sunrise« der erstaunlichste Song des Albums. Der Bass insistiert auf der dicken Saite, im Hintergrund kratzt die Fidel, auf der sie vor Jahren den »Libertango« spielte. Und die Sängerin sinniert über die Besitzverhältnisse von Sonnenuntergang und -aufgang. »Well Well Well« klingt dagegen versonnen, »Devil In My Life« im Refrain ein bisschen zu sehr nach Justin Timberlake – es ist das einzige schwache Stück. Für den rockigen Dubgospel »Williams’ Blood« opferte Herr Jackson glatt einen Zeh, für das darin verarbeitete Familiendrama einen weiteren. Einmal kiekst Grace Jones gar höhnisch. Sie weiß immer noch genau, was sie tut.

LABEL: Wall Of Sound

VERTRIEB: Pias / RTD

VÖ: 07.11.2008

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