Schellack im Ohr, Pomade im Haar

Kitty, Daisy & Lewis

Text: Jan Kühnemund

Vorwärts in die Vergangenheit: Der neueste Auswuchs der Londoner Underage-Szene katapultiert sich zurück in die fünfziger Jahre, spielt Blues und Swing und trinkt dazu Coca-Cola on the rocks. Drei Geschwister, die von ihren Eltern gemanagt werden, auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

Kitty, Daisy & Lewis
Kitty, Daisy & Lewis frönen keiner Revolte, aber auch für pure Affirmation ist ihre Strategie zu brüchig. Reichlich ungewöhnlich für Menschen, die gerade keine Kinder mehr sind und deren Eltern für etwas völlig anderes stehen.

(Foto: © Eric Watson / SPEX)

Von allen Jahrzehnten die Fünfziger! In Europa erfreut man sich einer konservativen Restauration, in den USA betreibt der Kommunistenjäger McCarthy sein schwarzes Listenwesen. Beiderseits des Atlantiks werden die Kleinfamilie und damit auch die alten Geschlechterrollen als Kern der Gesellschaft gepriesen. Easy Listening dudelt im Radio, bald werden sich weiße Musiker die schwarze Musik zu eigen machen und ihre Version von Blues und Swing Rock’n’Roll nennen.

    Der Rock’n’Roll allerdings ist den Geschwistern Durham schon viel zu modern. Als Kitty, Daisy & Lewis spielen sie im Jahr 2008 Blues und Swing vergangener Tage, als seien die Fünfziger gerade erst angebrochen. Beinahe jedes Detail ihres Auftretens spiegelt die Ästhetik dieser Zeit. Die Hülle ihres ersten Albums ist in Schwarzweiß gehalten, die Fotos zeigen allerlei alte Aufnahmegeräte. Die Geschwister muten elegant altmodisch an, die Schwestern züchtig mit knielangen Kleidern und hochgebundenen Pferdeschwänzen, der Bruder mit Hemd, Anzughose und Pomade im Haar. Das Erstaunliche ist: Diese Menschen, die hier altmodisch rau scheppernde Lieder aufnehmen, sind erst zwischen sechzehn und neunzehn Jahre alt und leben nicht in Memphis oder Nashville, sondern in London. Ihr Debütalbum haben Kitty, Daisy & Lewis in ihrem eigenen Heimstudio live in die Bandmaschine gespielt, ohne Computer, ohne Nachbearbeitung. Erst bei genauerem Hinhören finden sich Brüche in der bis zum superauthentischen Bandrauschen hochpolierten Retro-Inszenierung. Die alten Lieder uralter amerikanischer Männer nämlich tragen Kitty und Daisy vor: »I’m gonna have all you women right here at my command«, röhren die Schwestern und polen so Muddy Waters’ fünfzig Jahre alten Hit von Herrenauf Girl-Power-Hymne um. Bill Haleys »Mohair Sam« ertränken sie in seinen eigenen Klischees: »Chicks are making reservations for his loving so fine / Screaming and shouting he’s got ’em all waiting in line.«

    Ihren ersten Auftritt hatten die Geschwister Durham vor sieben Jahren in einem Londoner Pub, sie spielten Johnny Cash und Johnny Horton. Ihr Publikum wuchs genauso schnell wie die Anzahl der Instrumente, die sie beherrschen. Gitarre, Klavier, Schlagzeug, Banjo, Mundharmonika, Ukulele, Posaune, Akkordeon – eines nach dem anderen brachten sie sich bei. 2006 erschien ihre erste Single, »Mean Son Of A Gun«, der BBC-Moderator Rob Da Bank verhalf ihr mit seinen Schwärmereien von den Live-Auftritten der Band zu landesweiter Popularität. Im Auftrag seines Labels Sunday Best stellten Kitty, Daisy & Lewis im Jahr darauf die vielgelobte Kompilation »A to Z – The Roots Of Rock’n’Roll« zusammen. Nun erscheint auf diesem Label auch ihr erstes Album.

VIDEO: Kitty, Daisy & Lewis - Going Up The Country

    Waren Kitty, Daisy & Lewis bislang für 10-Inch-Vinylscheiben zu haben, die mit 78 Umdrehungen abzuspielen sind, so ist das Album jetzt gar ein Album im althergebrachten Schellack-Sinne – es sieht aus wie ein Buch, gefüllt mit fünf Platten, auf jeder Seite ein Stück. Das hat seit fünfzig Jahren niemand mehr gemacht. Doch Nostalgie hin oder her: In großer Auflage erscheint das Album auch auf CD, runterladen kann man es natürlich ebenfalls. Auch in anderen Punkten stolpern Gestern und Heute ulkig übereinander, etwa wenn Kitty Durham dicke Adidas-Treter trägt, während ihre Schwester sich an das hochhackige Schuhwerk der Fifties hält. Oder wenn im Video zu »Going Up The Country« der Weg der Drei vorbei am grellgelb leuchtenden Fastfood-M hinaus aufs Land führt, wo sie dann zwischen Pferd und Rind ihr Liedchen trällern.

    Im Gegensatz zu den vielen anderen aktuellen Teenager-Bands zapfen Kitty, Daisy & Lewis mit Blues, Swing und Rockabilly ästhetische Ressourcen an, denen die Zeichen des musikalischen und sozialen Umbruchs fehlen, von denen ihre gleichaltrigen Wiedergänger der Sechziger und Siebziger so sehr zehren – siehe Cajun Dance Party, The Enemy oder Hadouken. Kitty, Daisy & Lewis frönen keiner Revolte, aber auch für pure Affirmation ist ihre Strategie zu brüchig. Reichlich ungewöhnlich für Menschen, die gerade keine Kinder mehr sind und deren Eltern für etwas völlig anderes stehen: Mutter Ingrid Weiss spielte Anfang der Achtziger mit den Post-Punkerinnen The Raincoats gegen das Patriarchat an, Vater Graeme Durham betreibt in London das Mastering-Studio The Exchange, in dem sich die angesagtesten Elektroniker des Planeten die Klinke in die Hand geben: Four Tet, Hot Chip, Hercules And Love Affair.

    Postpunk und Elektronik seien jedoch nicht sein Ding, erzählt Lewis Durham, wenn man ihn auf seine Eltern anspricht, ihn interessiere das einfach nicht. Die Musik, die seine Schwestern und er gut fänden, ließe sich nur unter Zuhilfenahme sechzig Jahre alter Technik produzieren. Immer wieder spricht er vom »Sound«, der ihm so am Herzen liege. Und von Computern, die allen Klang zerstörten. »Nur ohne Computer kann man die Energie der Musik wirklich einfangen«, behauptet er. Die Musik also: Zehn Stücke haben Kitty, Daisy & Lewis für ihr Debütalbum hübsch zurechtgegelt, zwei eigene und acht Coverversionen. Das älteste Original stammt aus den Vierzigern, das neueste ist Canned Heats »Going Up The Country« von 1969. Wobei auch dieses Stück streng genommen aus den Zwanzigern stammt. Das weiß aber nur, wer das Internet kennt.

»Kitty, Daisy & Lewis« von Kitty, Daisy & Lewis ist bereits erschienen (Sunday Best / RTD). Am 13. Dezember spielen sie ihr vorerst einziges Deutschland-Konzert im Berliner Admiralspalast. Ihre neue Doppel-Single »Hold Me Tight / Buggin’ Blues« wird am 15. Dezember 2008 veröffentlicht.

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1 Kommentar:
  1. Dieser Kommentar ist ein Trackback von Spex - Magazin für Popkultur » Nenn sie nicht Rockabillies:

    [...] reagieren KITTY, DAISY & LEWIS Durham allergisch: Das Geschwister-Trio aus London hat sich die Fünfziger Jahre zum ästhetischen Vorbild genommen, jedoch mit der festen Absicht, sich nicht in eine bestimmte [...]

     
 
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