Interview mit einem Vampir
Miss Grace Jones
Text: Jan KedvesIm Büro ihres Managers in London wird sie längst erwartet. Grace Jones, so heißt es, sei jene Sorte Mensch, die sich eigentlich gar nicht managen lasse. Letztens, nach einem Auftritt in Australien, sei sie einfach zwei Wochen lang nicht erreichbar gewesen, wichtige Meetings seien geplatzt, niemand habe gewusst, wo sie steckt. Vor zwei Uhr mittags sei sie ohnehin nie ansprechbar. Dass sie es vorziehe, Interviews am Telefon zu geben, habe wohl damit zu tun, dass sie sich dafür nicht extra zurechtzumachen brauche. Schließlich, mit nur fünfzehn Minuten Verspätung, taucht sie auf. Durch den Hörer tönt ein tiefes, langgezogenes »Jaaa!«.

»Ich habe Nick Hooker, dem Regisseur meines Musikvideos zu »Corporate Cannibal«, explizit angewiesen, keine Hemmungen zu haben. Er sollte mein Gesicht so krass verzerren, wie es ging.« (Grace Jones)
(Foto: © Still aus »Corporate Cannibal« / Nick Hooker / Wall Of Sound)
Miss Grace Jones, enge Mitarbeiter von Ihnen bestätigen: Es gibt New Yorker Zeit, es gibt Londoner Zeit, es gibt mitteleuropäische Zeit – und es gibt Grace-Jones-Zeit.
Tatsächlich? Mein Taxi ist im Berufsverkehr steckengeblieben.
Was ist auch schon eine Viertelstunde angesichts der beinahe zwanzig Jahre, die man auf ein neues Album von Ihnen warten musste…?
Sie sagen es. Hier soll aber nicht der Eindruck entstehen, ich hätte seit zwanzig Jahren keine Musik gemacht. Abgesehen davon, dass ich in der Zeit immer wieder aufgetreten bin, in Clubs und auf Privatpartys, habe ich auch ständig an neuem Material gearbeitet. Allerdings wollte ich nichts davon veröffentlichen. Mein altes Label drängte mich nämlich immer wieder dazu, mit neuen Produzenten zusammenzuarbeiten. Dabei kam nur Schrott heraus. Der Sound gefiel mir meistens überhaupt nicht.
Möchten Sie Namen nennen?
Sie meinen die der Produzenten? Ich belaste mein Gedächtnis nicht mit schlechten Erinnerungen – zum Glück.
Statt sich auf Ihrem zehnten Album Ihrer Disco-Anfänge zu besinnen, haben Sie sich für »Hurricane« nun nach langer Zeit wieder mit Sly & Robbie zusammengetan. Es überrascht, dass das Album konsequent auf Reggae basiert…
Ich hatte nie andere Pläne. Sly & Robbie und Grace Jones, wir passen ideal zusammen. Die beiden sind für mich wie Brüder, wie mein eigenes Blut. Sie stammen aus Jamaika, unsere gemeinsame Kultur steckt tief in mir. Außerdem mag ich einfach die Basslastigkeit ihres Sounds – das, was ich manchmal im Scherz als »heavy bottom« bezeichne.
In der Zeit, in der Sie von der Bildfläche verschwunden waren, sind Reggae und Dancehall vor allem durch homophobe Texte von Sängern wie Buju Banton und Bounty Killer in Verruf geraten. Will Grace Jones, die große Schwulenikone, den Sound ihrer Heimat jetzt wieder ein bisschen ins rechte Licht rücken?
Damit hat das nichts zu tun. Ich höre mir die Musik solcher Typen erst gar nicht an. Sie transportieren ein einfältiges Weltbild. Ich frage mich, was Bounty Killer machen würde, wenn er Kinder bekäme und einer seiner Söhne schwul wäre. Würde er ihn dann umbringen? Mein Album ist keine Antwort auf Homophobie, es ist auch kein reines Reggae-Album. Vielmehr haben wir Reggae mit Heavy Metal, mit Gospel, mit Chanson kombiniert. Sogar ein Orchester ist zu hören, wir haben es in London in den Abbey Road Studios aufgenommen. Der Ansatz ist also ein ganz ähnlicher wie 1980 im Compass Point Studio, wo wir Reggae mit New Wave zusammenbrachten. Es geht um den Clash unterschiedlicher Genres. Für den Song »Well Well Well« haben wir auch tatsächlich wieder alle zusammen im Studio gestanden und live aufs Band gespielt – Sly & Robbie, Sticky Thompson, Mikey Chung, Wally Badarou und ich. Bei den anderen Songs gab es jeweils Einzelsessions, mein Co-Produzent Ivor Guest und ich haben nachher alles virtuell zusammengefügt. Wie es in »This Is«, dem ersten Stück von »Hurricane«, heißt: »This is technology mixed with a band.«
Entsprechend könnte man zu dem Video, das Sie zu ihrer ersten neuen Single »Corporate Cannibal« gedreht haben und das seit Anfang Juli auf YouTube zu sehen ist, sagen: »This is technology mixed with a face.«
Richtig. Ich habe Nick Hooker, den Regisseur des Videos, explizit angewiesen, keine Hemmungen zu haben. Er sollte mein Gesicht so krass verzerren, wie es ging. Ich bin es ja gewohnt, von Künstlern auf alle möglichen Weisen geformt zu werden, Keith Haring, Andy Warhol und Jean-Paul Goude haben im Prinzip nichts anderes mit mir gemacht. Während mich Jean-Paul Goude damals für die berühmten Cover von »Island Life« und »Slave To The Rhythm« aber noch manuell stretchte, verzerrte und zercuttete – mit Skalpell, Tesafilm und Farbe –, reicht heute ein Klick im Computer. Nur eine Vision braucht es natürlich immer noch.
VIDEO: Grace Jones - Corporate Cannibal
Die Vision des »Corporate Cannibal«-Videos scheint zu sein, Grace Jones, das frühere Topmodel, nach zwanzig Jahren Absenz nicht als Schönheit zurückkehren zu lassen, sondern als Monster. Es gibt im Internet sogar schon Blogs, in denen der Clip frei nach Deleuze interpretiert wird: Grace Jones als Inkarnation des globalisierten, grenzenlos wütenden Kapitalismus, als Heuschrecke gewissermaßen…
Im Ernst? So daneben liegen diese Kommentare gar nicht, in dem Video wirke ich ja tatsächlich wie ein Insekt. Und in dem Song geht es um die üblen Praktiken global operierender Corporations. Seit ich selbst das Gefühl hatte, Leibeigene einer Maschine – meiner alten Plattenfirma – zu sein, bin ich besessen von diesem Thema: Menschenmissbrauch durch große Unternehmen. Diese persönliche Erfahrung steckt in dem Song, sie lässt sich aber auch auf viele andere heutige Schicksale übertragen.
Die Zeile »Slave to the rhythm of the corporate prison« in dem Song wirkt wie eine nachträgliche Umdeutung ihres 1986 noch eher hedonistisch und sexuell codierten Stücks »Slave To The Rhythm«. Statt Sadomasochismus und Fetischisierung des Sklavenlebens geht es jetzt um ein echtes Endzeit-Szenario?
Wer will, kann das natürlich immer noch sexy finden. Aber »Corporate Cannibal« ist doch eine ungleich düsterere Vision. Wichtig war mir, dass »Corporate Cannibal« nicht zu politisch, nicht zu predigend wirkt. Grace Jones und ein klassischer Protestsong, das würde wohl niemals passen. Deswegen habe ich mich entschieden, in dem Stück nicht als vermeintlich Unschuldige mit dem Finger auf die Bösen zu zeigen, sondern selbst in die Rolle der Corporations zu schlüpfen.
Hat es mit der Geschichte ihrer Heimat Jamaika zu tun, dass das Motiv der Sklaverei bei Grace Jones immer wiederkehrt?
Eigentlich nicht. Seltsamerweise habe ich als Kind Sklaverei bzw. ihre Geschichte in Jamaika gar nicht als prägend empfunden. Eher schon die Piraterie, welche die Kultur der Insel ja ebenfalls Jahrhunderte lang geprägt hat. Was Sklaverei ist, habe ich erst verstanden, als ich als Teenager in die USA kam. Während ich aus Jamaika eine sehr gemischte Bevölkerung kannte, in dem Sinne, dass dort Jamaikaner mit Indianern und eingewanderten Chinesen gleichberechtigt zusammenlebten, lernte ich in den USA Segregation kennen. Ich sah Armut, die durch Rassenzugehörigkeit bedingt war. Die Sklaverei von heute ist aber noch mal etwas ganz anderes: Sie interessiert sich gar nicht mehr für Kategorien wie Rasse oder Herkunft. Sie produziert komplett entwurzelte Subjekte.
Fühlen Sie sich selbst entwurzelt?
Das zum Glück überhaupt nicht. In unserer Familie wissen wir sehr genau, woher wir stammen: Mein Urgroßvater war Mitglied des Igbo-Stammes aus Nigeria, die Mutter meines Vaters war Kubanerin. Natürlich wollte ich als Kind raus aus Jamaika, weg von dieser Insel. Ich wollte die Welt sehen, den ganzen Globus zu meinem Zuhause machen. Ich habe in Paris gelebt, heute wohne ich parallel in New York und London. Meine Wurzeln bleiben aber stets in Jamaika. Ich könnte auf dem Mond leben, ohne mich entwurzelt zu fühlen.
Angesichts der Seltenheit, mit der Sie in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit traten, mochte man tatsächlich denken, dass Sie inzwischen auf dem Mond leben. Man fragt sich: Wie schafft Grace Jones es, sich in New York und London komplett unterhalb des Radars der Klatschpresse und der Paparazzi zu bewegen?
Ich kann mich nicht ganz unsichtbar machen, aber ich lebe doch in meiner ganz eigenen Blase. Und ich habe so meine Tricks. Wenn ich zum Beispiel abends ausgehe, in einen Club oder eine Bar, trage ich einen Schleier und lasse mich gleich in die dunkelste Ecke eskortieren. Von dort aus verfolge ich das Geschehen, ohne dass mich jemand bemerkt. Wie eine Voyeurin. Ein anderer Trick: Ich gehe nur selten Essen einkaufen. Abgesehen davon, dass ich die Beleuchtung in Supermärkten hasse – sie ist so brutal! –, möchte ich nämlich nicht bei so etwas Profanem wie beim Einkaufswagenschieben fotografiert werden. Ich gehe erst los, wenn es sich wirklich nicht mehr vermeiden lässt, und dann auch nur in Supermärkte, die rund um die Uhr geöffnet haben. Ich tauche dort auf, wenn sonst niemand da ist, um vier Uhr morgens – und fühle mich wie ein Vampir!
Wie darf man sich das Gegenteil vorstellen, die Situationen also, in denen Sie sichtbar werden? Wie schalten Sie auf Diva um, wie fahren Sie Ihre Starpräsenz hoch?
Von jetzt auf gleich geht das nicht. Ich bereite mich auf öffentliche Auftritte sehr genau vor, das ist Teil meiner Strategie. Ich überlege mir: Was muss ich tun, um Aufmerksamkeit zu erregen? Muss ich in diesen Brunnen springen, in dem man eigentlich nicht plantschen darf? Muss ich einem Paparazzo eins auf die Nase geben? Letztlich haben diese Situationen viel damit zu tun, dass ich früher Model war. Der Job eines Models ist es ja, dem jeweiligen Kunden Aufmerksamkeit zu garantieren. Als Künstlerin bin ich in solchen Situationen sozusagen meine eigene Kundin und muss mir eine passende Inszenierung überlegen.
Sie garantieren sich Aufmerksamkeit, indem Sie sich in Videos von Digitaleffekten den Kopf zerschießen lassen, und Sie tun es, indem Sie bei Auftritten ihre extravaganten Ballonkleider mit sehr ausladenden Hüten kombinieren…
Als Hüte kann man diese Kreationen ja meist kaum noch bezeichnen! Ich nenne sie meine Kronen. Philip Treacy, mit dem ich diesbezüglich eng zusammenarbeite, ist ein fantastischer Hut-Architekt, ein großer Künstler. Meine Liebe zu Kopfschmuck kommt natürlich noch aus der afrikanischen Kultur, und auch daher, dass ich als Mädchen in der Kirche immer meinen Kopf bedecken musste – wie alle schwarzen Frauen.
Das ist ein nicht sehr bekanntes Detail aus der Biografie von Grace Jones – dass Sie aus einer streng religiösen Familie stammen.
Ja, mein Vater war Prediger, mein Großonkel war Bischof von Jamaika. Mein Bruder Noel ist heute ein bekannter Bischof in Kalifornien, und meine Mutter ist Gospelsängerin.
Auf »Hurricane« singen Sie am Ende des Gospel-beeinflussten Stücks »William’s Blood« einige Zeilen aus »Amazing Grace«. Eine kleine Verbeugung vor dieser Familientradition?
Ja, aber auf etwas verdrehte Art. Wenn Sie genau darauf achten, hören Sie, dass an dieser Stelle im Hintergrund noch eine zweite Stimme singt. Das ist meine Mutter. Wir haben das Lied zusammen aufgenommen, als sie mich in London besuchte. Ihr bedeutet dieses Lied sehr viel, ich sang es ihr zuliebe. Ich selbst würde mich nämlich nicht als besonders religiös bezeichnen – eher schon als grundsätzlich spirituell. Meiner Meinung nach geht es in Religionen immer viel zu schnell um Regeln, um Schuld und Bestrafung. Da mache ich nicht mit. Das ist auch der Grund, warum ich am Anfang von »William’s Blood« ironisch flüstere: »You can’t save a wretch like me« – »Ein armer Teufel wie ich ist nicht zu retten«.
Grace Jones findet sich also ab mit ihrer Rolle als Familienabtrünnige, die strikt nach dem Lustprinzip lebt und von ihren Verwandten bemitleidet wird, weil sie mehrmals verheiratet war?
Ich habe nur einmal geheiratet! Komischerweise denken immer alle, ich sei tausendmal verheiratet gewesen. Falsch! Möglicherweise ist es aber auch gerade das, woran meine Familie sich stößt…
Sie meinen, Ihre Verwandten finden es unchristlich, dass die berühmte Grace Jones ihre anderen Männer nicht geehelicht hat, sondern in wilden Liaisons mit ihnen zusammenlebte?
Das war doch schon ziemlich gottlos von mir, oder? Aber was soll ich sagen: Ein schlechtes Gewissen habe ich trotzdem nicht.
»Hurricane« von Grace Jones ist soeben erschienen (Wall Of Sound / Pias / RTD). Für Februar / März 2009 sind derzeit Konzerttermine in Deutschland in Planung.

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