Ich höre Stimmen in meinem Kopf

Text von Martin Hossbach
am 3. November 2008

Schon seit langem begeistert sich Bill Drummond, der einst einen Skandal auslöste, als er 1.000.000 Pfund verbrannte, nicht mehr für Popmusik. In seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen »17« stellt der Gründer von The KLF unser aller Beziehung zur Musik in Frage. Mit einem außergewöhnlichen Chor mit dem Namen »The 17« bietet er allerdings auch einen Ausweg aus der Misere an. Martin Hossbach reiste im September zu einem Vortrag Drummonds nach Glasgow, wurde für einen Nachmittag Mitglied von »The 17« und traf den Schotten im Anschluss zum Gespräch.

Bill Drummond

»Keine Rhythmen, keine Melodien, nur die irrsten ineinander greifenden Harmonien.
« (Bill Drummond)

(Foto: © Kevin Cummins / SPEX)

The KLF waren 1991 einen Moment lang die erfolgreichste Band der Welt. Bereits die erste musikalische Zusammenarbeit der beiden bildenden Künstler Jimmy Cauty und Bill Drummond, »All You Need Is Love?«, hatte vier Jahre zuvor unter dem Namen The Justified Ancients of Mu Mu (kurz: The JAMs) für großes Medienecho gesorgt – das Cut-Up-Stück basierte auf ungeklärten Samples von Songs der Beatles, MC5 und Samantha Fox. Ein Jahr später eroberten die beiden mit ihrer Novelty-Single »Doctorin’ The Tardis« und dem Projektnamen The Timelords Platz eins der englischen Charts – das war das Stichwort für das ein weiteres Jahr darauf im Eigenverlag herausgegebene amüsante Büchlein »The Manual (How To Have A Number One The Easy Way)«. Amüsant, denn es konnte tatsächlich als Anleitung zum Landen eines Nummer-eins-Hits gelesen werden. Gleichzeitig war es die Fallstudie eines Erfolgs in der Musikindustrie.

    Mit der Gründung von The KLF, dem Album »The White Room« und Singles wie »3 A.M. Eternal«, »Last Train To Trancentral« und »What Time Is Love?« brachen unterdessen alle Dämme. Das Duo Cauty/Drummond besetzte voraussagbar Spitzenpositionen der Hitparaden in ganz Europa und Nordamerika. Der Titel »Chill Out« ihres Ambientalbums aus dem Jahre 1990 sollte zum Unmut des Duos zum Begriff für ein ganzes neues Genre werden. Stolz sind sie hingegen auf die von ihnen geprägten Begriffe »Trance« und »Stadium House«. 1992 löste sich das Projekt nach einem spektakulären Auftritt bei den Brit Awards auf. Im Anschluss an ihre an diesem Abend gemeinsam mit der Trashmetalband Extreme Noise Terror brutal durchgeknüppelte Version von »3 A.M. Eternal« verließen The KLF die Bühne, kurz darauf verkündete die Stimme ihres Presseagenten Scott Piering: »The KLF have now left the music industry.« Drummond und Cauty verfügten, dass ihre Musik nicht mehr nachgepresst werden dürfe und manifestierten in einer Anzeige im NME: »As of now all our past releases are deleted«. Alben der Band kann man seitdem nur noch gebraucht oder als amerikanische Lizenzausgaben kaufen.

    1993 riefen Drummond und Cauty die Kunststiftung K Foundation ins Leben, deren öffentlichkeitswirksamste Aktion diesmal die eigene Auflösung darstellte: Am 23. August 1994 verbrannten Drummond und Cauty auf der schottischen Insel Jura das Stiftungskapital der K Foundation von exakt einer Million britischer Pfund im Kamin eines Bootshauses. Die Geldverbrennung wurde in Anwesenheit von Zeugen, darunter ein Regisseur und ein Journalist des englischen The Observer, auf Film festgehalten und 1995 auf Jura, in Manchester und in Belgrad gezeigt – stets begleitet von kontrovers geführten Diskussionen von The KLF mit dem Publikum. Ende 1995 ließen Drummond und Cauty über eine Presseerklärung mitteilen, dass sie in den nächsten 23 Jahren nicht mehr gedächten, weitere Verlautbarungen über die Gründe der Geldverbrennung abzugeben. Bei Screenings des Films, die seitdem folgten, weigerten sich Drummond und Cauty tatsächlich beharrlich, auf Fragen zu antworten. Sie drehten den Spieß vielmehr um und löcherten ihr Publikum ihrerseits mit Fragen zum Thema … Die gesamte Aktion ist dokumentiert in dem unterhaltsamen Buch »K Foundation Burn A Million Quid«.

No Music Day 2008

Der Aufruf zum »No Music Day 2008«.

    Drummond, dessen neues Buch »17« kürzlich in England veröffentlicht wurde, hat 2005 zudem den alljährlich und unter zunehmendem Medieninteresse am 21. November stattfindenden »No Music Day« mit einem utopischen Manifest ausgerufen: »Am No Music Day werden keine Hymnen gesungen, keine Musik im Radio gespielt, iPods zu Hause gelassen, Rockbands werden nicht rocken, Dirigenten nicht dirigieren … und du wirst keine Musik machen oder hören.« Auf den vierhundert Seiten von »17« erzählt Drummond, wie es zur Gründung des Chors The 17 kam, der als Konsequenz seiner Überlegungen seine Gesänge niemals aufnehmen darf – weitere Regeln, nach welchen der Chor zu agieren habe, liefert Drummond in »17« gleich mit. Der Band enthält darüber hinaus eine Vielzahl von Partituren, die dieser Chor zu singen habe.

    Einen solchen Chor will Drummond auch im Anschluss an einen Vortrag, den er am Samstag, den 13. September 2008 in Glasgow bei einem Kongress der International Association for the Study of Popular Music (IASPM) hält, aufstellen. Die Performance ist »The Meaning Of Music« betitelt und sieht die aktive Teilnahme von 17 Besuchern des Vortrags als Mitglieder des Chors vor. Doch zuvor erklärt Drummond in einem gesten reichen Vortrag, was für ein Klangkörper ihm in seinem Kopf für The 17 vorschwebe: »Als ich noch ein kleines Kind war, zog unsere Familie von Schottland nach England in eine kleine Wohnung in Corby. Am ersten Morgen in der neuen Wohnung wachte ich auf und vernahm ein tiefes Summen. Ich drückte mein Ohr an die Wand, auf den Boden – überall war dieses Summen. Ich öffnete das Fenster, es war ein nebliger Oktobermorgen: auch dort dieses tiefes Summen. Ich erinnere mich, dass ich, umgeben von diesem Summen, anfing mitzusummen. Mein Mitgesumme ergab im Zusammenklang mit dem mich umgebenden Grundsummen einen neuen, nie zuvor gehörten Klang. Immer, wenn wieder einmal Nebel war, kam auch wieder dieses Summen, und ich probierte aus, wie es klang, wenn ich unterschiedliche Harmonien dazusang, um herauszufinden, welche passt und welche nicht, obwohl ich damals natürlich noch nicht wusste, was Harmonien eigentlich sind. Jahre später erfuhr ich durch Zufall, dass tatsächlich der Nebel der Grund für das Summen gewesen war: Er setzte sich als Feuchtigkeit auf der Hochspannungsleitung des Strommastes ab, der vor unserem Haus stand.«

    Die Idee zum Chor sei ihm 2001 gekommen, als er alleine in seinem alten Land Rover über das Land brauste, erzählt Bill Drummond: »Das Radio ist ausgeschaltet und ich höre dem alten, heruntergekommenen Diesel zu, wie er Geräusche produziert. Und auf einmal sind da diese Stimmen in meinem Kopf, ein vielköpfiger Wikingerchor, der durch hohe, reine Knabenstimmen – das Pfeifen der Luft durch den Motor raum – vervollständigt wird. Ich bin begeistert! Keine Rhythmen, keine Melodien, nur die irrsten ineinandergreifenden Harmonien. Ich fühlte mich von der Idee angezogen, eine CD mit dieser Chormusik zu veröffentlichen. Es bot sich bald darauf tatsächlich eine gute Gelegenheit. Ich drehte einen Auftragsfilm für eine Galerie. In dem Film fahre ich mit meinem Land Rover. Der Soundtrack musste also aus dem Chorgesang, den Stimmen von The 17, bestehen. Ich rief einen Freund an, der ein Studio in Leicester betreibt. Wir statteten das Auto mit Mikrofonen aus und fuhren die Strecke ab. Von Hull im Osten des Landes bis Liverpool im Westen, die Fahrt dauerte 2 Stunden und 21 Minuten. Mein Freund Kev hatte 15 Sänger aus Bands der Umgebung eingeladen und bestimmte somit, dass mein Chor, der ja The 17 hieß, tatsächlich 17 Mitglieder haben sollte, obwohl ich im Kopf ja immer viel mehr Sänger gehört hatte. Ich gab mit dem Keyboard einen Ton an, der auf der Aufnahme vorherrschte, und los ging’s. Nach diversen Pausen hatten wir die ganze Fahrt vertont, indem wir zu den Geräuschen des Land Rovers ohne Text mitgesungen bzw. -gesummt hatten. Die Ideen rasten durch meinen Kopf: Wer The 17 hören wollte, würde Mitglied von The 17 werden müssen. The 17 würden nur für sich, nur für die jeweiligen 17 Mitglieder singen, es würden niemals Aufnahmen gemacht werden dürfen! Ich arbeitete in der Folge mit den verschiedensten Gruppen. 17 Kinder, 17 alte Menschen, 17 Friseure … Und ich begann einfache, nüchterne Partituren zu schreiben: Handlungsanweisungen ohne Noten, für die Zusammenstellung des Chores The 17 und dessen Gesang.«

    Drummond beendet an dieser Stelle seinen halbstündigen Vortrag und bittet die Zuhörer aufzustehen. Wer auf einem der Kinosessel sitzt, dessen Platznummer mit einem Streifen schwarzen Klebebands bedeckt ist, wird für diesen Tag Mitglied von The 17 und muss sich in einem Nebenraum einfinden – glücklicherweise befindet sich unter ihnen auch der Autor dieses Berichts, weswegen festgehalten werden kann, dass es sich bei dem Nebenraum um einen sieben mal sieben Meter großen, komplett schwarz gestrichenen, fensterlosen Raum handelt. In zwei Reihen sind 17 Stühle auf gestellt, die auf ein Keyboard und einen Tisch ausgerichtet sind. Am Keyboard sitzt Bill Drummond, am Tisch daneben John Hirst, Drummonds Assistent, zuständig für die Bedienung der Aufnahmesoftware. Zwei Mikrofone sind auf die Stuhlreihen ausgerichtet. Der Raum wird verdunkelt, nur Hirsts Gesicht wird vom Bildschirm des Laptops angestrahlt.

    Wir werden angehalten, eine abgespeckte Fassung der Partitur »Age« zu singen, die vorschreibt, dass wir 17 Sänger fünf Mal für jeweils fünf Minuten einen Ton zu singen haben. Zuerst ein Fis, dann ein Gis, ein Ais, ein Cis und abschließend ein Dis – zusammen, das erklärt Drummond, bilden diese Töne eine pentatonische Tonleiter. In der folgenden Stunde singen wir nach einem kurzen Anzählen jeden Ton ein, in den Pausen vertieft Drummond in kurzen Ansprachen Aspekte seines vorangegangenen Vortrags. So erzählt Drummond, wie er als 13-Jähriger den psychedelischen Beatles-Song »Strawberry Fields Forever« zum ersten Mal gehört habe, gleichzeitig die erste Single, die er sich kaufte, einen Song, der die Kraft besaß, sein Leben zu verändern. In der heutigen Popmusik erfahre er solche Erweckungsmomente nicht mehr. Die Aufnahmen vergehen wie im Flug. Es ist viel schwieriger als gedacht, als ungeübter Sänger einen Ton über fünf Minuten zu halten.

    Drummond schaltet das Licht wieder ein und bittet uns Platz zu nehmen, während Hirst die gerade aufgenommenen Gesänge am Computer alle überein anderschichtet, die Aufnahmen ansonsten aber völlig unbearbeitet lässt. Das fünfminütige Resultat verschlägt uns den Atem, die meisten Chormitglieder schließen beim Hören die Augen. Wir hören einen überwältigenden Chor, der aus tausend Stimmen zu bestehen scheint. Ohne Melodien und Rhythmen verlieren unsere Ohren jegliche Orientierung, und so fokussiert sich das Ohr andauernd auf unterschiedliche Momente der Aufnahme. Mal meint man wabernde Bassmelodien zu hören, die abrupt abbrechen, dann wieder erhabene Synthiestreicher. Ich ertappe mich dabei, einen Score für einen Horrorfilm zu imaginieren, verliere mich im Bild eines aufbrechenden Himmels … Das geht allen so: Die Assoziationen, die in den Gesprächen im Anschluss zum Ausdruck gebracht werden, sind vielfältig. Die Löschung der Aufnahme – es darf ja kein das Ereignis konservierendes Dokument übrig bleiben – zelebriert Hirst, indem er den Laptop zu uns dreht, das Audiofile vor unseren Augen in den Papierkorb zieht und es unwiederbringlich, von einem deutlich hörbaren »Pffft« des Rechners untermalt, terminiert.

In unserer Video-Übersicht finden sich die im Artikel erwähnten Musikvideos und Live-Auftritte von The KLF, The JAMs, The Timelords, sowie die KLF-Dokumentation »K Foundation Burn A Million Quid«.

VIDEO: The KLF auf YouTube

Bill Drummond - 17 - Score 4

Drummonds »Age«-Partitur: Auf jedem Geschoss eines fünfstöckigen Hauses versammeln sich 17 Menschen bestimmter Altersgruppen, die jeweils fünf Minuten lang einen Ton singen. Die Performance endet, indem alle Aufnahmen übereinander gelegt, den 85 Sängern vorgespielt und schließlich gelöscht werden.

Alle »Scores« des Chors »The 17« lassen sich hier nachlesen.

Bill Drummond ist mit dem Verlauf des Nachmittags sichtlich zufrieden. Er schlägt vor, das Interview in der mit abgesessenen Sofas zugestellten Teeküche des Gilmorehill Centres zu führen. Ihm gegenüber hält John Hirst ein kleines Nickerchen.

Mr. Drummond, in Ihrem Buch »17« beschreiben Sie das leere Gefühl, das sich bei Ihnen angesichts der heutigen uneingeschränkten Verfügbarkeit von Musik eingestellt hat.
    Bill Drummond: Einmal hatte ich in London einen Termin und noch ein wenig Zeit totzuschlagen. Ich stehe vor dem Virgin Megastore, dem großen Plattenladen in der Oxford Street. 300.000 CDs sämtlicher Stile und Genres aus allen Zeiten soll dieser Laden führen. Ich merke, wie sich ein ungutes Gefühl in mir einstellt. Ich weiß doch, dass eine neue CD, die ich mir dort kaufe und bei mir zu Hause im Player einlege, bei mir nichts mehr ausrichten wird: Es wird sich, anders als damals bei »Strawberry Fields Forever«, keine Tür mehr zu einem neuen Raum in meinem Kopf öffnen. Ich verkneife es mir, den Laden zu betreten. Am Abend, die Kinder sind im Bett, sitze ich vor meinem Computer und denke über Napster nach. Ich hatte es selber noch nie benutzt, fand die Idee aber grandios, sie würde die Musikwelt komplett umkrempeln, das ahnte ich. Ich starre auf meinen Bildschirm und sehe Unmengen kleiner, böser Gesichter. Sie rufen: ›Pick me, Bill! Pick me!‹ Jedes dieser Gesichter steht für ein Stück ›recorded music‹. Ein, zwei Mausklicks, und das Stück würde meins sein, ich könnte es sofort hören! Und aus irgendeinem Grund gefällt mir das nicht. Es macht mich nervös, obwohl ich mich doch eigentlich freuen sollte, dass ich jede Musik kostenlos runterladen kann …

    Ich steige auf den Dachboden, hole den alten Plattenspieler meiner Eltern hervor und finde die Kiste mit den alten Vinyl singles. Ich lege »Strawberry Fields Forever« auf, und nach wenigen Sekunden fühle ich, wie Tränen in mir aufsteigen. Ich frage mich erneut, warum mich heutige Musik nicht mehr so berührt. Und gleichzeitig hasse ich mich dafür. Ich hasse es, in meinen Vierzigern zu sein und zu denken, dass die Musik früher besser war. Ich hasse Nostalgie, ich hasse die Lügen, die sie verbreitet. Der Song hört auf, ich nehme mir eine kräftige Schere und schneide die Single in Stücke, zerkratze sie, verbiege sie. So, das muss reichen, denke ich, um dieses widerliche Gefühl der Nostalgie ein für alle Mal zu besiegen.

    Es reicht aber nicht. Irgendetwas hat der Musik ihre Bedeutung genommen. Und wenn eine Kunstform ihre Bedeutung verliert, wird sie redundant, und der Mensch sucht sich neue Ausdrucksformen und Identitätsmodelle, um dem Leben eine Bedeutung zuzumessen und um Gefühle zu reizen. Ich glaube übrigens nicht, dass die jederzeitige Verfügbarkeit von Musik das Problem darstellt, ich selbst bin der Erste, der sich darüber gefreut hat! Es hat auch damit zu tun, dass durch den Computer und das Internet letztlich jeder ohne große Vorkenntnis Musik machen kann, Kreativität demokratisiert wurde. Ich möchte nicht elitär erscheinen und mir die Zeit zurückwünschen, in der du nur Erfolg haben konntest, wenn du einen Plattenvertrag hattest. Aber, was soll ich sagen? Es hat sich etwas geändert, Musik hat an Bedeutung verloren. Ich sehe es an meiner 13 Jahre alten Tochter Bluebell – daran, wie sie mit Musik umgeht.


Die aktuelle Spex-CD #81 wird eröffnet von Bill Drummonds fragenden Worten: »Imagine waking up tomorrow, and all music has disappeared.«

Das betreffende Stück stellen wir am »No Music Day 2008« kostenlos als MP3 zur Verfügung.

DOWNLOAD: Bill Drummond – Score 1. Imagine

In »17« beschreiben Sie eine Szene, in der Bluebell Ihnen verkündet …
    … dass sie sich soeben das gesamte Werk der Beach Boys runtergeladen habe, weil sie einen Song besonders toll fand. Sie weiß nicht, wo die Beach Boys herkommen oder wie sie aussehen – verrückt! Ein Teil von mir findet das faszinierend, ein anderer Teil findet das merkwürdig. Die Begeisterung hält nur ganz kurz an, sie ist sofort wieder woanders, und die Songs verschimmeln auf der Festplatte. Dass sich unser Verhältnis zu Musik ändert, macht mich aber nicht traurig, im Gegenteil, ich finde das aufregend, ich freue mich auf die Zukunft!

Für Sie ist das Projekt The 17 eine Möglichkeit, dieser Zukunft zu begegnen?
    Ganz genau. Ich will Musik, die zu mehr gut ist, als beim Joggen oder auf dem Weg zur Arbeit im Bus konsumiert zu werden.

Viele der Performances seit Gründung von The 17 wurden von Kindern ausgeführt. Inwiefern reagieren Kinder anders auf Ihre Ideen als Erwachsene?
    Für die meisten Kinder bin ich einfach irgendein Typ. Sie kennen nicht den ganzen KLF-Ballast, den ich mit mir herumtrage, und sie sind absolut offen für neue Ideen. In einer Schulklasse fragte ich die Kinder, wer ihrer Meinung nach Musik erfunden habe. Ein Junge sagte: »Männer«. Daraufhin entgegnete ein Mädchen: »Natürlich nicht! Es waren die Mütter, die ihre Kinder in den Schlaf gesungen haben.« Ist das nicht eine wunderbare Antwort? In anderen Klassen waren die Kinder davon überzeugt, dass Musik erst mit der Erfindung der Elektrizität entstand. Auch nicht schlecht, oder?

Einige Ihrer Partituren sind direkt von dem beeinflusst, was um Sie herum geschieht. Einmal beschreiben Sie, wie Ihnen in St. Petersburg am Bahnhof eine Gruppe obdachloser Trinker auffiel – und Sie daraufhin die Partitur »Debate« für 17 Trinker schrieben, die als Gegenleistung für ihre Teilnahme jeweils eine Dose Starkbier zu erhalten haben.
    Ich wusste, als ich mit The 17 begann, dass ich eine Geburts-, eine Hochzeits- und eine Todespartitur schreiben wollte. Ich setzte mich also hin und arbeitete diese genau aus. Andere Partituren entstehen aus fixen Ideen oder Beobachtungen.

Nicht jede Ihrer Partituren fordert The 17 zum Singen auf.
    Manche Scores bestehen nur aus Ideen, das stimmt – sie versuchen, unsere Hörgewohnheiten neu zu starten, unsere Ohren zu resensibilisieren. Die Partitur »Take« zum Beispiel fordert den Ausführenden auf, 17 Leute an einem Ort zu versammeln, an dem Feldlerchen in den Himmel steigen. Diese 17 Leute sollen sich sodann auf dem Rücken ins Gras legen und den Feldlerchen zuhören, wie sie ihr Lied singen, wenn sie gen Himmel aufsteigen. »Take« war übrigens inspiriert von einem prägenden Erlebnis vor dreißig Jahren, als ich mein erstes Jahr an der Kunsthochschule verbrachte. Dort erlebte ich einen Frühling, der war ganz anders als die Jahre zuvor. Ich wurde mir plötzlich der ganzen Farben um mich herum bewusst, meine Sinne waren durch den Unterricht extrem geschärft. Ich lernte neu zu sehen …

Ihre Arbeiten machen aus einem persönlichen Problem, etwa dem Gefühl, dass Ihnen Popmusik nichts mehr sagt, ein öffentliches. So verhält es sich auch mit dem No Music Day.
    Ich stellte mir vor, wie es wäre, ein Jahr lang keine Musik zu hören, um den Kopf freizubekommen und mich wieder neu für Musik begeistern zu können. Natürlich wäre das ein unmögliches Unterfangen, also dachte ich über einen Monat nach, über eine Woche, und landete schließlich bei einem Tag.

»17« beinhaltet auch diverse Anekdoten aus dem Musikbusiness, das Sie als Musiker und Manager von Echo & The Bunnymen erlebten. Besonders interessant scheint Ihre Begegnung mit Pete Waterman gewesen zu sein, einem Teil von Stock Aitken Waterman, die eines der erfolgreichsten Pop-Produzententeams der achtziger Jahre bildeten.
    Waterman ist noch immer eine konzeptuelle Inspiration für mich. Sein musikalischer Ansatz war einzigartig. Er konnte keine einzige Note spielen, seine Ideen beschrieb er Stock und Aitken folgerichtig mit Worten. Aber auch Stock und Aitken spielten nicht auf ihren eigenen Produktionen mit – das wäre ja ein Leichtes gewesen. Nein, sie holten sich immer und ausnahmslos Studiomusiker. Warum? Um rücksichtslos Teile eines Songs wegschmeißen zu können, ohne ein Mitglied des Trios, des inneren Kreises, vor den Kopf zu stoßen. Stock Aitken Waterman waren genial, weil sie erfolgreich die Egos der Protagonisten aus ihren Produkten zu entfernen vermochten. Sie arbeiteten wie Filmregisseure …

»17« endet mit einem Anhang, in welchem Sie stichwortartig Ihr bisheriges Leben Revue passieren lassen. Sie notieren zur Verbrennung der Million Pfund: »Drummond wird sich bewusst, dass diese Begebenheit einen dunklen und langen Schatten auf alles wirft, was er in der Zukunft machen wird, und dass jede seiner Arbeiten in diesem Zusammenhang analysiert werden wird«.
    In Großbritannien ist das so, auf jeden Fall. Sobald ich irgendwo auftauche, wird immer darüber geredet, dass ich der Typ sei, der die Million verbrannt hat. Dieser Akt ist in der Erinnerung dieser Nation wesentlich stärker verankert als alles, was The KLF je getan haben. Sechsjährige haben mich in den Schulen, in denen ich von The 17 erzählt habe, nicht nach The KLF gefragt, sondern nur nach dem Geld. Darin ähneln sie Sechzigjährigen …

Sie haben damals behauptet, dass Sie 23 Jahre lang nicht über die Aktion sprechen wollen.
    Und hier sitze ich und rede darüber. Wir wollten damals einfach nicht mehr nach den Gründen gefragt werden. Wir mussten uns selbst erst der Gründe bewusst werden. Und dann dachten wir: Die Leute sollen doch ihrerseits mit Gründen kommen. Unsere persönlichen Überlegungen sind doch egal angesichts dessen, was die Aktion in den Köpfen der Leute ausgelöst hat – und noch immer auslöst. Die allermeisten Leute glauben übrigens, dass wir das Geld nicht wirklich verbrannt haben und suchen nach Beweisen – Beweisen dafür, dass alles nur ein Schwindel war. Dass die Leute nicht fassen können, dass jemand im wahrsten Sinne des Wortes Geld verbrennt, das sagt doch viel über unsere Gesellschaft aus. Viel mehr auf alle Fälle als über Jimmy und mich.

In unserer Video-Übersicht finden sich die im Artikel erwähnten Musikvideos und Live-Auftritte von The KLF, The JAMs, The Timelords, sowie die KLF-Dokumentation »K Foundation Burn A Million Quid«.

VIDEO: The KLF auf YouTube

Das Buch »17« von Bill Drummond ist bereits erschienen (448 S., Englisch, 2008, Beautiful Books). Alle »Scores« des Chors »The 17« lassen sich hier nachlesen. Am 21. November 2008 findet der vierte »No Music Day« statt. In einem offenen Brief wendet sich Bill Drummond an die Spex-Leser, mit der Bitte, an diesem Tag auf den Konsum von musik zu verzichten. Die Spex-Redaktion schließt sich diesem Aufruf an.

Impressum