Auge in Auge mit Grace Jones
Tom Moulton
Text: Jan KedvesWegbegleiter und Beobachter über Grace Jones, wie sie sie kennen. Tom Moulton lebt als Disco-Produzent und Remixer in New York. Das Protokoll führte Jan Kedves.
Ich habe zwar Grace Jones’ erste Single gemixt, »I Need A Man«, und ich habe auch ihre ersten drei Alben produziert, »Portfolio«, »Fame« und »Muse«. Man kann unsere Zusammenarbeit aber kaum als harmonisch bezeichnen. Ihre Manager, Sy und Eileen Berlin, hatten mich angesprochen, ob ich nicht mit ihr arbeiten wolle. Unsere erste Session in Philadelphia sah 1975 dann so aus: Ich musste mich neben sie stellen und ihr Anweisungen geben. Sie brüllte »I need a maaaaan! Perhaps a man like yooooo!« Ich sagte ihr: »Grace, du klingst wie Bela Lugosi!«
Beim zweiten Album benahm sie sich schon wie eine Primadonna. Im Studio bat sie erstmal um ein Glas Orangensaft und um Ruhe. Ich erklärte ihr, ich sei nicht dazu da, um herumzusitzen und auf sie zu warten. Als sie sich endlich vors Mikrofon stellte, sang sie so lustlos, dass ich sie nach zwei Takten unterbrach. Ich sagte: »Grace, wenn du glaubst, mit diesem Gejaule Menschen glücklich zu machen – Gratulation!« Sie stürmte wütend aus dem Studio und ließ mir ausrichten, sie würde nicht wieder zurückkommen, bevor ich mich entschuldigt hätte. Ich fuhr also zurück nach New York. Wenn jemand eine Diva sein will – bitteschön. Aber ein großes Ego übertragt sich nicht automatisch auf Platte. Im Studio muss man sich auch mal etwas sagen lassen.
Das war unsere Zusammenarbeit. Mittlerweile haben wir uns völlig aus den Augen verloren. Als wir uns das letzte Mal zufällig über den Weg liefen – es war vor ein paar Jahren –, war sie sich sogar zu schade, mir Hallo zu sagen. Um ehrlich zu sein: Ich nenne sie mittlerweile Disgrace Jones.

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