Daniel Miller, Auge in Auge mit Grace Jones

Text:

Wegbegleiter und Beobachter über Grace Jones, wie sie sie kennen. Daniel Miller ist Gründer der Plattenfirma Mute und lebt in London. Das Protokoll führte Martin Hossbach.

Island Records, die 1980 Grace Jones’ Interpretation meines Songs »Warm Leatherette« veröffentlichten, hatten ein Mastering-Studio, das ich auch für Mute benutzte. Eines Tages hörte ich dort im Nebenraum Jones’ Coverversion. Ich wusste, dass sie an dem Stück arbeitete, aber nicht, wann es fertig sein würde. Wie kam es zu der Version? Zu Island Records gehörte damals ein Verlag, der mich eines Tages anrief. Man fragte mich, ob ich nicht die Urheberrechte an meiner Komposition »Warm Leatherette«, die ich als The Normal veröffentlicht hatte, verkaufen wollen würde. Ich fragte warum, die Antwort lautete: »Ein Island-Künstler möchte das Stück covern«. Ich lachte mich schlapp. Wer in aller Welt könnte meinen Song covern wollen? Der Mann am anderen Ende der Leitung wollte es nicht verraten, ich darauf: »Ich verkaufe die Urheberrechte bestimmt nicht, wenn ich vorher nicht erfahre, an wen!« Der Mann stammelte schließlich: »Grace Jones.« Und ich? »Ja, logisch, kein Problem.«

    Ich war sehr neu im Musikbusiness und fand dieses Angebot urkomisch, fühlte mich auch ein bisschen geschmeichelt. Ich kannte Grace Jones weniger als Musikerin, eher als schillernde Figur, als Ikone. Ich kann auch gar nicht sagen, ob mir ihre Version gefällt – sie veränderte den Song komplett, eignete sich ihn an. Sie arbeitete mit den ganzen Klischees, die ich vermieden hatte: diese Sirenen und die merkwürdigen Sounds, welche die Wirkung des Texts verstärken sollen. Dazu dann der unglaublich groovende Backing-Track von Sly & Robbie, der nichts mit meiner Version zu tun hatte. Um ehrlich zu sein: Ich finde Grace’ Version vor allem lustig. Aber toll ist natürlich: Wer kann schon von sich behaupten, dass Grace Jones die Hälfte seiner Songs gecovert hat? Ich habe in meinem Leben überhaupt nur zwei Songs geschrieben! Angeblich hat Chris Blackwell, der damalige Chef von Island, ihr den Song vorgespielt; ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihre eigene Idee war, ihn zu covern. Aber sie ist natürlich eine fantastische Performerin. Vor einigen Wochen hat sie in London gespielt. Und was hat sie gemacht? Bei »Warm Leatherette« das Publikum aufgefordert, »Warm« zu singen, und dann selber das »Leatherette« beigesteuert. Wie gerne wäre ich dabei gewesen – der Höhepunkt meiner Karriere als Musiker! Ich hätte mich, erneut, schlapp gelacht. Und natürlich mitgesungen.

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