Amazing Grace

Ein Unheil verkündendes Dröhnen

Text: Harald Peters

Der kantigste Star der Achtziger ist zurück: Grace Jones, Inkarnation des Schulterpolsters, der Brikettfrisur und des gelebten Exzesses, Muse von Andy Warhol und Keith Haring, hat nach den neunzehn Jahren, in denen sie durch B-Movies tingelte und nur ab und zu im privaten Rahmen auftrat, wieder Lust auf den großen Vorhang. »Hurricane« heißt das neue, zehnte Album der mittlerweile sechzigjährigen Diva, die sich durch sublime Beherrschung der Disziplinen Gesang, Modeling, Performance, Bodybuilding und Genderbending längst zum lebenden Gesamtkunstwerk stilisiert hat. »Hurricane« knüpft nahtlos an ihre größten Erfolge an – an »Nightclubbing« und »Slave To The Rhythm«. Anlass für Spex, nicht nur Jones selbst zu interviewen, sondern auch wichtige Beobachter und Wegbegleiter zur Sprache kommen zu lassen.

Grace Jones

»Jones ist längst mehr als nur Sängerin und Model, sie ist Schauspielerin, Partygirl, Mannweib, Muse, die Irre vom Dienst, Kokainistin und Grosskünstlerin. Andy Warhol malt ihr ein Porträt, Keith Haring designt ihr einen Rock und der Automobilhersteller Citroën macht aus ihrem Gesicht für einen Werbespot eine Garage. Auf der Bühne jongliert sie mit Geschlechterrollen, hantiert mit Afrika-Klischees und stellt überhaupt alles auf den Kopf.« (Harald Peters)

(Foto: © Still aus »Corporate Cannibal« / Nick Hooker / Wall Of Sound)

Von Andy Warhol ist die Anekdote überliefert, wie er einmal mit Grace Jones in New York zu einem Fototermin bei Robert Mapplethorpe verabredet war. Um nicht wie üblich auf sie warten zu müssen, erschien er erst mit zweistündiger Verspätung, aber nach drei Stunden war sie immer noch nicht aufgetaucht. Also ging Warhol ein wenig in Soho spazieren und traf Jones im Luxuskaufhaus Bergdorf Goodman, wo sie gerade einen Pelzmantel aus einer Kühlbox zog: »Sie gab ihr ganzes Geld für Pelze aus und bewahrte sie in Kühlboxen auf.«

    Wenn man so will, ist auch Grace Jones’ neues Album »Hurricane«, ihr nunmehr zehntes, so etwas wie ein eisgekühlter Pelz, beiläufig aus dem Behältnis gezogen. Etwas, mit dem man eigentlich nicht gerechnet hatte, das aber plötzlich einfach da ist. Zwar brauchte sie ganze neunzehn Jahre, bis sie mit ihm auftauchte, aber was ist für jemanden wie Grace Jones schon Zeit? Offenbar nicht viel. Nach allem, was man weiß, hat sie sich entschieden, dass Zeit sie nicht weiter interessiert. Terminpläne, Fristen, Verbindlichkeiten und andere Fesseln des Alltags konnte sie längst erfolgreich aus ihrem Leben verbannen. Und nach all den Jahren der Nichtbeachtung hat die Zeit inzwischen aufgegeben und lässt sie in Ruhe. Beide existieren sozusagen friedlich nebeneinander her. Im Mai konnte Jones ihren sechzigsten Geburtstag feiern, wie es aussieht, scheint ihr Körper nichts davon zu wissen.

    Da ist es nur folgerichtig, dass auch »Hurricane« diese Aura der Zeitlosigkeit umweht. Jones hätte ein betont modernes Album aufnehmen können, ein Alterswerk oder eines, das nostalgisch an alte Tage erinnert. Stattdessen ist es ein Grace-Jones-Album geworden, ein von allen Entwicklungen und Strömungen völlig losgelöstes Werk, das nur auf eines verweist: Jones selbst.

    Schon die hervorragende erste Singleauskopplung »Corporate Cannibal« ist im Grunde völlig unmöglich: ein Unheil verkündendes, langsam anschwellendes Dröhnen, zu dem erst spät, sehr spät ein schleppender Beat einsetzt, später quietschende Gitarren, während Jones mit tiefer Stimme verkündet, dass sie eine Menschen fressende Maschine ist. Das hatte man schon gewusst, aber dass Grace Jones sich plötzlich als das personifizierte Kapital, oder besser noch, als der entfesselte, alles verschlingende Markt zu erkennen gibt, wundert doch: »I deal in the market«, singt sie, »every man, woman, and child is a target / A closet full of faceless, nameless, pay-more-for-less emptiness / You’ll pay less tax but I will gain more back / I’ll consume my consumers / Slaves to the rhythm of the corporate prison.«

    Jones, die sich bereits erfolgreich an Cultural-Studies-Gassenhauern wie Race und Gender abgearbeitet hat, knöpft sich auf ihrem Comebacktitel also den letzten wirklich transgressiven Themenkomplex vor: die freie Weltwirtschaft. Passend dazu morpht sich ihr Gesicht in dem wunderbaren Video zur Single in alle denkbaren Richtungen. Ob es eine tiefe Einsicht in das Wesen der Dinge oder nur eine Laune war, die Grace Jones auf diesen Titel gebracht haben, ist schwer zu sagen. In Anbetracht ihrer Biografie ist er aber nur folgerichtig.

VIDEO: Grace Jones - Corporate Cannibal

    Die Geschichte beginnt am 19. Mai 1948 in Spanish Town, Jamaika, wo sie als Grace Mendoza zur Welt kommt. Der Vater ist ein Prediger, mit Mutter und Bruder zieht sie Mitte der sechziger Jahre nach Syracuse, New York um. Kaum sind die Mendozas dort angekommen, zeigt Grace erste Anpassungsschwierigkeiten: Sie erscheint grundsätzlich überall viel zu spät, im Schulzeugnis attestiert man ihr »sozial krankhaftes Benehmen«. Grace macht das Beste daraus und studiert Schauspiel. 1973 hat sie ihre erste Kinorolle in dem Blaxploitation-Film »Gordon’s War«, in dem sie einen Drogenkurier in Harlem spielt. Die Kritik lobt das Werk für eine gute Verfolgungsjagd.

    Viel entscheidender ist, dass Grace Jones von einer Modelagentur entdeckt wird. Weil ihr eher maskulines Erscheinungsbild in den USA aber nur schwer vermarktbar ist, schickt man sie nach Frankreich. In Paris weckt sie sofort Erinnerungen an Josephine Baker und modelt unter anderem für Yves Saint Laurent und Claude Montana. Sie freundet sich mit Modelkollegin Jerry Hall an, mit der sie im privaten Kreis nach getaner Arbeit oft kleine, angeblich gewagte Kabarett-Einlagen zum Besten gibt, bei denen sie auch singt. Prompt bietet man ihr einen Plattenvertrag an. Zurück in New York erscheint 1977 ihr erstes Album.

    Jones bisheriges musikalisches Schaffen ist in drei Phasen unterteilt: die Disco-Phase, die New-Wave-Dub-Phase und die Pop-Phase. In jeder Phase veröffentlichte sie exakt drei Alben. Ihr Debüt »Portfolio« wird von dem legendären Discoproduzenten Tom Moulton aufgenommen. Der gilt als Erfinder der 12-Inch-Supersound-Single, des Instrumental-Breaks und des Discomix, weil er 1975 für Gloria Gaynors Album »Never Can Say Goodbye« alle Titel nahtlos ineinander übergehen ließ. Die Idee ist auch 1977 noch relativ neu, weshalb sie auf »Portfolio« ebenfalls zur Anwendung kommt. Auf der A-Seite gibt Jones die Boadway-Hits »Send In The Clowns«, »What I Did For Love« und »Tomorrow« im Discomix zum Besten, auf der B-Seite covert sie Edith Piafs »La Vie En Rose« und singt den Disco-Hit »I Need A Man«. Mit dieser Mischung macht Jones alles richtig: Musical, Chanson, zeitgenössische Tanzmusik und Songtitel, mit denen sich fast jeder identifizieren kann. Kurze Zeit später verleiht man ihr den Titel »Queen of Gay Disco«. 1978 erscheint sie nackt auf dem Cover des Stern. Der Stern wird daraufhin von Alice Schwarzer und Inge Meysel verklagt. Ob Jones von diesem Vorgang je erfahren hat, ist nicht überliefert. Sie hat auch Besseres zu tun: Sie ist Stammgast im Studio 54 und die Muse von Andy Warhol.

    Erst in ihrer New-Wave-Dub-Phase wird Jones allerdings zu der Kunstfigur, als die man sie heute kennt. Sie arbeitet inzwischen mit dem französischen Künstler und Grafikdesigner Jean-Paul Goude zusammen, die beiden ergänzen sich perfekt. Aus der wilden Discoqueen wird ein fremdartig androgynes Wesen mit Flat-Top-Frisur und strenger Silhouette. Der Wandel im Erscheinungsbild geht mit einem musikalischen Richtungswechsel einher. Sie geht mit Sly & Robbie auf den Bahamas in Chris Blackwells berühmtes Compass Point Studio und spielt dort 1980 das Album »Warm Leatherette« ein, das fast ausschließlich aus Coverversionen besteht. Sie machen sich an Titeln von Tom Petty, Daniel Miller, Smokey Robinson und den Pretenders derart zu schaffen, dass jene hinterher keinerlei Ähnlichkeit mehr mit sich selbst haben. Jones wechselt kühn zwischen Sprechgesang im Kommandostil und angetäuschten Melodien. Wer genau hinhört, ahnt: Jones spielt in ihrer ganz eigenen Liga.

    Das Meisterwerk ist allerdings »Nightclubbing« von 1981. Jones und Sly & Robbie gestalten den Sound nun etwas tanzbarer, wieder liegt der Schwerpunkt auf Coverversionen – von Astor Piazzolla, Iggy Pop, Flash And The Pan. Den Höhepunkt bilden jedoch Jones’ eigene Titel »Feel Up« und »Pull Up To The Bumper«, das wohl gewagteste Stück, das je übers Einparken geschrieben wurde. Dagegen fällt »Living My Life«, das dritte Album, das Jones mit Sly & Robbie aufnimmt, trotz großartiger Hits wie »My Jamaican Guy« und »Nipple To The Bottle« etwas ab. Das Werk klingt unkonzentriert.

    Aber wen wundert’s? Jones ist längst mehr als nur Sängerin und Model, sie ist Schauspielerin, Partygirl, Mannweib, Muse, die Irre vom Dienst, Kokainistin und Grosskünstlerin. Andy Warhol malt ihr ein Porträt, Keith Haring designt ihr einen Rock und der Automobilhersteller Citroën macht aus ihrem Gesicht für einen Werbespot eine Garage. Auf der Bühne jongliert sie mit Geschlechterrollen, hantiert mit Afrika-Klischees und stellt überhaupt alles auf den Kopf. Sie verdient also etwas, das größer ist als das Leben, und Trevor Horn schenkt es ihr 1985 mit »Slave To The Rhythm«. Das Album, eine Audiobiografi e, die aus acht Versionen ein- und desselben Titels besteht, ist der Beginn ihrer Pop-Phase, der Höhepunkt ihres Schaffens und auch der Beginn ihres Niedergangs. Alle weiteren Veröffentlichungen bleiben unangemessene Versuche, mit der musikalischen Entwicklung Schritt zu halten.

    Doch wie soll das auch jemandem gelingen, dem Zeitabläufe ohnehin völlig egal sind? Wiedervereint mit Sly & Robbie, die ebenfalls nur selten den Eindruck vermitteln, als könne sie das Weltgeschehen um sie herum in irgendeiner Weise beirren, ist »Hurricane« im Jahr 2008 vor allem eins: Grace-Jones-Musik. Ein Album mit maschinengleich akkuratem Vorwärtspulsen der Rhythm Section, sausenden Dub-Effekten, erhaben im Raum stehenden Synthesizerwänden, großem Drama und dazu cool gehandeltem Mikro – wie die Diva in ihren besten Momenten, wie bei »La Vie En Rose«, »Warm Leatherette«, »Nightclubbing« und »Slave To The Rhythm«. Nur eben ganz anders. Und auf jeden Fall umwerfend.

Das neue Album »Hurricane« von Grace Jones ist bereits erschienen (Wall Of Sound / Pias / RTD). Teil der Spex-Titelgeschichte waren auch das Interview mit Jones selbst sowie mit zahlreichen ihrer Wegbereiter. Für den März 2009 ist eine Deutschland-Tournee in Vorbereitung.

Diesen Artikel kommentieren?

Du musst dich anmelden, um einen Kommentar schreiben zu können.

Solltest du noch kein Benutzerprofil haben, so kannst du dich hier registrieren. Bitte beachte: wir schätzen die Debatte, allerdings bevorzugt mit echten Menschen. Dein Username sollte daher aus Deinem vollen Namen, wenigstens aus Deinem Vornamen bestehen.

 
MySpex
Willkommen auf Spex.de
Du bist derzeit nicht angemeldet.
Um Artikel kommentieren zu können, musst du dich registrieren bzw. anmelden. Solltest du bereits auf Facebook registriert sein, so kannst Du auch diesen Login nutzen.

Login
Registrieren
 


Spex International
Read more English Spex articles

Blogs

-->