Die gleiche fordernde Energie

Esau Mwamwaya & Radioclit

Text:

Gelebte Gleichzeitigkeit: Esau Mwamwaya, geboren in Malawi, und das Produzententeam Radioclit produzieren in London grandios pathetischen Afro-Tropical-Pop.

The Very Best Radioclit Esau Mwamwaya

The Very Best von links nach rechts: Etienne Tron, Esau Mwamwaya und Johan Karlberg

(Foto: © Alice Rosenbaum / SPEX)

Seit einigen Wochen arbeitet Esau (ausgesprochen: Ee-soo) Mwamwaya als Manager in einem Londoner Wohltätigkeitsladen, der direkt unter seiner kleinen Wohnung liegt, die er sich mit seinem Cousin teilt. Der Shop ist bis unter die Decke mit Altkleidern vollgestopft, sorgsam verpackt in rot-weiß-blau-karierten Tragetaschen. Es handelt sich um genau die gleichen Taschen, die in Deutschland rassistisch »Türkenkoffer« genannt werden und europaweit als stereotypes Accessoire des nomadischen Asylbewerbers gelten. Esau Mwamwaya hat von diesen Taschen in den vergangenen Tagen unzählige gehievt und verkauft, pro Sack drei Pfund. »Manche dieser Taschen gehen nach Afrika und werden dort weiterverkauft«, sagt er. Und da der Altkleidermarkt ein Riesengeschäft ist, an dem noch jeder Unterhändler sein Prozent verdient, ist es nicht unwahrscheinlich, dass das T-Shirt, das aus Esaus Shop nach Nairobi oder Laos gelangt, ein paar Monate später über undurchschaubare Pfade und deklariert als ›original from Africa‹ nach Europa re-importiert wird.

Musikvertrieb mal anders: statt ihr gemeinsames Mixtape in den CD-Handel zu bringen, stellten The Very Best die Musik zum kostenlosen Download ins Netz. Der klare Vorteil für den Leser: Text und Musik, gleichberechtigt nebeneinander.

STREAM: Esau Mwamwaya & Radioclit – The Very Best

    Die Frage nach dem Original, seinem Tauschwert und dem Moment, in dem Verschmelzungen von kulturellem Kapital neue Identität schaffen, stellt sich für den 33-jährigen Sänger aus Malawi derzeit ständig. Dann nämlich, wenn er nach der Arbeit mit den Londoner Tropical-Electropop-Produzenten Johan Karlberg und Etienne Tron von Radioclit im Studio sitzt und in Chichewa, neben Englisch die Landessprache Malawis, über eine Electroversion von Michael Jacksons »Will You Be There« singt. Vor anderthalb Jahren lernten die drei sich kennen, einige der unzähligen Songs und Remixes, die sie seitdem zusammen produziert haben, unter anderem »Chalo« und »Tengazako«, stehen auf Esaus MySpace-Seite und haben im Internet und Londons Clubkultur längst einen Hype um den Sänger ausgelöst. Die britischen Musikmedien verlieren sich in exotistisch gefärbten Verzückungen. Faszinierend finden sie es, wie dieser charismatische Nobody in Clubs auftritt, gleichzeitig vom eigenen Laden für gebrauchte Haushaltsgeräte träumt und an Sonntagen ab und zu noch als Schlagzeuger in einer afrikanischen Kirchengemeinde aushilft. »Ich habe immer in einer Art Gleichzeitigkeit gelebt, das ist also überhaupt kein Widerspruch für mich«, winkt Esau ab. Aufgewachsen ist er unter der diktatorischen Langzeitregierung des malawischen Präsidenten Hastings Banda, als Kind liebte er die Dolly-Parton- und Gregory-Isaacs-Scheiben seines Vaters, und später spielte er mit Bands in Clubs und Hotels internationale Best-ofs und traditionelle Hits.

    Mit elektronischer Musik oder Indiepop hatte Esau bis vor anderthalb Jahren so wenig zu tun wie mit Ostlondons Trash-Szene, die ihm neuerdings nach Club-Gigs betrunken auf die Schulter klopft: »Crazy sound, hey …«. Als Johan, ein Schwede, und Etienne, der aus Frankreich kommt, Esau kennenlernten und herausfanden, dass er ein exzellenter Drummer und ein noch viel besserer Sänger ist, begannen wöchentliche Recording-Stammtische in ihrem Haus. Inzwischen ist Johan in ein schickes Designapartment umgezogen, mit einem winzigen Aufnahmeraum, in welchem neben dem Mikrofonständer die Tomatenstauden wuchern. Esau, der seit 1999 in England lebt, spricht dank der Kolonialvergangenheit Malawis bestes Englisch, brauchte kein Visum und erreichte Großbritannien demnach nie als Asylbewerber. Ihm blieb der ständige Kampf ums Bleiberecht erspart – ein Londoner Dauerthema, das zuletzt M.I.A. in »Paper Planes« problematisierte.

    Über den Radioclit-Remix dieses Stücks – er heißt »Tengazako« – legte Esau eine großartige Afropopmelodie. Radioclit und Esau haben bereits ein Album produziert, für das sie derzeit noch ein Label suchen. Viele ihrer Songs wirken wie grandiose, schelmische Experimente, bei denen Esaus malawische Art zu singen mit feinsäuberlichen elektronischen Clicks und Cuts kontrastiert wird. »Hide And Seek« klingt, als würde Esau über einen alten Fischerspooner-Loop singen. In »Kada Manja« hacken Radioclit Streicherpassagen gerade dann stakkatohaft ab, wenn die gerade ins ›typisch Traditionelle‹ abzudriften drohen. Dennoch hat niemand Angst vor Pathos, immerhin böte sich Esaus narrativer Gesang regelrecht an, so in Szene gesetzt zu werden, als stünde er in großer Popstarpose mit ausgestreckten Armen auf einem Berg, scherzt Johan und dreht auf seinem Apple einen von Esau besungenen Aaliyah-Remix laut. »Durch unsere Zusammenarbeit entdecken wir ständig grandiose Leute, die in irgendeinem Land der Erde das absurdeste Zeug machen und uns über unsere MySpace-Seite gefunden haben.«

Hier wächst zusammen, was zusammengehört: The Very Best greifen Architecture In Helsinkis Idee – kühler Elektropop mit karibischen Steeldrums – auf und schlingen das Ganze noch eine Kolonialisierungsspirale weiter, nach Afrika. »Eh eh, oh oh«: Malawi Tropical Transit!

VIDEO: The Very Best – Kamphopo
Regie: Johan Karlberg

    Im von karibischen Soundsystems geprägten London fand afrikanische Musik in der Vergangenheit eher in Kirchengemeinden oder afrikanischen Nightclubs statt, inzwischen begeistert man sich aber auch in der weißen Subkultur der Metropole für nigerianischen Afrobeat, Coupé Décalé von der Elfenbeinküste oder südafrikanischen Kwaito-House. Was das kultursoziologisch betrachtet bedeutet, sieht man, wenn Radioclit live hinter ihren Rechnern und Esau auf der Bühne stehen: Im Publikum finden sich vornehmlich weiße Szenemenschen und Indierocker, die in Eighties-Trash-Optik zu Esaus Texten über den malawischen Alltag tanzen. Von der Frau, die sich beschwert, dass der Mann ihr keine Kleider und Kuchen kauft, von Familienritualen oder Aids. »Die meisten haben natürlich keinen Schimmer, wovon Esau eigentlich singt, doch hier funktioniert eigentlich alles über die Sounds und die Schwingung der Stücke«, meint Johan. »Ein Hardcore-Grime-Track und ein Kuduro-Beat haben die gleiche fordernde Energie.«

    In den vergangenen Wochen hat das Trio vor allem an einem Anfang November erscheinenden Mixtape gearbeitet, zu dem auch Gastkünstler wie Vampire Weekend, Santogold, M.I.A., Afrikan Boy oder Marina Vello ihren Teil beitragen. »Wir wollen uns gar nicht ausschließlich auf afrikanische Sounds festlegen, sondern experimentieren mit allen Einflüssen der Welt, die wir kriegen können«, sagt Johan. Baltimore Club, poppiger Electro oder Enya-Samples schließen sich nicht aus. Wenn das Debütalbum erscheint, soll es nicht so wirken, als handele es sich um ein Musikprojekt mit einem charismatischen afrikanischen Frontmann, der von weißen Nerds herumkommandiert wird, die die Verträge unterschreiben. »Wir machen alle gleich viel Arbeit, Esau die kompletten Texte und den Gesang, wir die Stücke und Sounds«, findet Johan. »Wir wollen demnach auch als richtige Band in Erscheinung treten.« The Very Best nennen sie sich deswegen ab sofort und kommentieren damit nebenbei auch ironisch Esaus Ruf als »Phil Collins von Afrika«, immerhin ist er der Leadsänger und kann Schlagzeug spielen. Dabei muss allerdings gerade in Afrika, speziell in Malawi, der Hype überhaupt erst noch angeschoben werden. »Wir werden dort auf jeden Fall spielen, nicht zuletzt, weil dort endlich jemand meine Texte versteht«, sagt Esau: »Meine Verwandten denken immer noch, ich würde in London halbmotiviert ein bisschen in meiner Freizeit herumrappen.«

Das Mixtape »Esau Mwamwaya & Radioclit Are The Very Best« steht ab dem 1. November zum Download unter www.myspace.com/theverybestmyspace. Das noch unbetitelte Debütalbum soll im Frühjahr 2009 folgen. Im Januar sind Radioclit im Rahmen verschiedener Parties in Europa zu sehen.

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