Mehr Ehrlichkeit, weniger Details
Mike Skinner im Interview
Text: Gunnar KlackMit seinem jüngst veröffentlichten Album »Everything Is Borrowed« nähert sich der Brite Mike Skinner der Fertigstellung seines The-Streets-Zyklus – das fünfte wird die letzte Streets-Platte sein. Zukünftig wolle er Drehbücher schreiben, eröffnete er Gunnar Klack im Interview. Ab dem 28. Oktober sind The Streets in Deutschland Live zu sehen.

(Foto: © Warner Music)
Mike, was hältst Du von aktuellem Hiphop? Deine Musik hat sich ja von Garage und Hiphop ausgehend in eine andere Richtung entwickelt.
Ich kenne mich schon etwas mit aktuellem Hiphop aus. Ich höre mir grundsätzlich alle neuen Musiken an – zumindest aber die, über die geredet wird. Allerdings möchte ich nicht behaupten, dass meine Musik je besonders viel mit Hiphop zu tun hatte. Mein erstes Album »Original Pirate Material« entsprang vielleicht einer ähnlichen Haltung, das war es aber schon.
The Streets haben einen unverkennbaren Stil, einen direkten Vergleich zu finden, dürfte ziemlich schwer fallen. Siehst du Parallelen zwischen dir und anderen Künstlern?
Jeder Musiker versucht doch, einzigartig zu sein. Natürlich gibt es niemanden wie mich da draußen! Aber Spaß beiseite: ich lege wirklich viel mehr Wert auf meine Texte, als auf die Musik. Am nächsten dran an meinem Zeug sind tatsächlich alte Country-Songs und Filmdrehbücher. Die Texte sind die Daseinsberechtigung von The Streets. Auch im Hiphop geht es zunächst um die Textung. Nur ist der Unterschied zu mir, dass ich mit Gang-Gehabe nichts anfangen kann. Dafür bin ich viel zu normal und langweilig. Ich bin und war immer ein Einzelgänger. Und das ganz besonders, wenn es um meine Texte geht.
Wenn der Text so viel wichtiger ist als die Musik, die ihn transportiert, dann könntest du doch auch ein Buch schreiben. Schon einmal darüber nachgemacht?
Ein Buch wird es nicht geben, aber ein Drehbuch!
VIDEO: The Streets - Love You More
Deine zweite Platte – das Konzeptalbum »A Grand Don’t Come For Free« – ließe sich bestimmt in ein gutes Drehbuch verwandeln, die beiden neueren Alben jedoch ganz und gar nicht. Hast du einen übergeordneten Gesamtplan, wie sich The Streets entwickeln soll?
Ich werde noch ein letztes The-Streets-Album fertigstellen und danach einen Film drehen – wenn alles glatt läuft. Ich habe allerdings noch keine konkrete Vorstellung davon, wie dieser Film letztendlich aussehen könnte. Meine volle Aufmerksamkeit werde ich zunächst dem nächsten Album widmen. Ein Buch werde ich aber definitiv nicht schreiben. Ich selbst lese gar keine Bücher und verstehe nichts vom Literaturbetrieb. Ein Drehbuch durchzuhalten, dazu hätte ich vielleicht noch genug Geduld.
Deine Musik hat sich in den letzten sechs Jahren beträchtlich verändert. Welchen Track von »Everything Is Borrowed« würdest du in einem Club spielen oder selber dazu tanzen?
Gott bewahre, keinen von diesem Album! Aber von dem nächsten, das wird sehr clubkompatibel werden. Garantiert! Wahrscheinlich. Oder… vielleicht. Aber zu meiner eigenen Musik tanzen – niemals! Das ist natürlich etwas anderes, wenn ich sie selbst performe. Räume, in denen meine Musik gespielt wird, verlasse ich tendenziell fluchtartig. Ich denke in solchen Momenten nur noch daran, was ich an dem betreffenden Song hätte anders machen sollen. Ich schalte sofort in den Arbeits-Modus um, denn genau so arbeite ich normalerweise: Ich höre mir meine alten Songs an und überlege mir dann: was kann man verändern oder verbessern?
Was ist eigentlich dran an der Geschichte, dass du Dein ganzes Geld verspielt hast? Was war der größte Einsatz, den du je verloren hast?
Das kann man so einfach gar nicht sagen. Es gab kein einzelnes Glücksspiel, bei dem ich besonders viel verloren habe. Ich habe einfach generell viel Geld verdaddelt, überall. Das hat mir auch viel Spaß gemacht, es war eine Gewissensentscheidung: Wenn viel reinkommt, muss auch viel wieder raus. Nervenkitzel und Glücksspiel waren dabei gar nicht essentiell. Viel wichtiger: Geldausgeben ist ein prima Zeitvertreib, weil es mich daran hindert, selbstzerstörerische Triebe auszuleben. Deswegen arbeite ich auch überhaupt nur: Musik fasziniert mich so sehr, dass sie mich von Dummheiten abhält. Und wenn ich mal keine Musik produziert habe, dann habe ich ganz früher buchstäblich nichts gemacht. Kiffer eben.

»Geldausgeben ist ein prima Zeitvertreib, weil es mich daran hindert, selbstzerstörerische Triebe auszuleben. Deswegen arbeite ich auch überhaupt nur: Musik fasziniert mich so sehr, dass sie mich von Dummheiten abhält.« (Mike Skinner)
(Foto: © Warner Music)
Was ist denn überhaupt mit dem trinken und kiffen passiert? In deinen neuen Songs ist davon nichts mehr zu hören. Die ersten beiden Alben waren doch gerade so charmant wegen ihrer Milieustudien. Bedeuten dir die darin auftauchenden Charaktere und Geschichten überhaupt noch etwas oder bist du darüber hinweg? Darf ich die alten Sachen noch gut finden, ohne dass der erwachsenere Mike Skinner mich dafür auslacht?
Alles was ich früher gemacht habe, hat natürlich noch seine Gültigkeit. Alles repräsentiert Teilaspekte meiner Person, die auch weiterhin vorhanden sind. Ich habe mich auch gar nicht so sehr verändert, wie man denken mag. Ich will nur vermeiden, mich zu wiederholen.
Was ist ›wahrer‹: Ein Lied über den Loser, der im Suff seine Beziehung ruiniert? Ein Lied über einen überforderten Popstar? Oder ein Lied über die Zukunft der Menschheit?
Ich weiß worauf du hinaus willst, aber wir wollen mal nicht ›Wahrheit‹ mit ›Detailreichtum‹ verwechseln. Ich habe oft Lieder mit vielen Details geschrieben, um sie realistisch und lebendig erscheinen zu lassen. Aber für »Everything Is Borrowed« hatte ich mir vorgenommen, auf diesen Kniff zu verzichten. Du – und eine Menge andere Leute – mögen anscheinend den Detailreichtum meiner alten Songs, weil das sehr unterhaltsam ist. Aber für wirklich gute Stücke braucht es nicht so viele Details. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich mich weiterentwickeln kann. Ich bin jetzt genau so ehrlich und ›wahr‹ wie immer, nur eben etwas weniger detailliert.
Zunächst wurde der Sarg verbrannt, im Anschluss die Grabrede gehalten. Ein guter Abgang für The Beats – das Label wurde drei Jahre alt.
VIDEO: Beat Stevie - Requiem For A Dream
Wie ist die Geschichte von The Beats, dem von dir und Ted Mayhem gegründeten und nach nur drei Jahren wieder geschlossenen Label?
Wir haben das Label beerdigt, und zwar buchstäblich: in meinem Garten. Die Beisetzungszeremonie kann man sich auf Youtube anschauen. Dem Label erging es genau so, wie es hatte sein sollen. Mit Ausnahme der Mitchell Brothers war niemand unter Vertrag, den man hätte international veröffentlichen können. Daher waren die Aussichten auf kommerziellen Erfolg sehr begrenzt. Ich habe einfach gesigned, was ich persönlich mochte, ganz unabhängig von der Vermarktbarkeit.
Apropos Vermarktung: Wer kam auf die geniale Idee, für die Promotion-Exemplare der aktuellen Platte The-Streets-Sticker auf Hüllen von allen möglichen fremden Promo-CDs zu kleben?
Genial? Ich weiß nicht. Bei einem Album namens »Everything Is Borrowed« ist das doch ziemlich nahe liegend, oder? Die ganzen CD-Hüllen haben wir aus dem Lager von Warner Music geholt und dann geklebt was das Zeug hält. Das war kein Agentur-Stunt, es war hausgemacht. Noch besser wird es übrigens auf den Konzerten: Wir werden nämlich keine Tour-T-Shirts verkaufen. Wenn du aber ein eigenes Shirt mitbringst, kannst Du es vor Ort von uns bedrucken lassen. Das ist konsequent und obendrein noch umweltfreundlich.
Das neue The-Streets-Album »Everything Is Borrowed« ist bereits erschienen. Die Deutschland-Tournee von The Streets beginnt am 28. Oktober 2008, alle Termine finden sich hier.

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