Of Montreal

Skeletal Lamping

Text: Ralf Krämer

Ob Hollywoods Grusel-Esoteriker M. Night Shyamalan Of Montreal hört? Kevin Barnes’ Projekt mit den plastischen Songnamen und zeichenreichen Plattencovern wies zuletzt jedenfalls (»Hissing Fauna, Are You The Destroyer?« oder »The Past Is A Grotesque Animal«) Parallelen zu den symbolistischen Psychofilmen Marke »The Happening« oder »Das Mädchen aus dem Wasser« auf. Allerdings besitzt Barnes, was Shyamalan völlig abgeht: Humor und Tanzbarkeit. Beides macht aus »Skeletal Lamping« eine musikgewordene, jawoll!, Sexdramödiensammlung irgendwo zwischen Tinto Brass und »American Pie«.

    »I’m just a black shemale«, führt sich Barnes ein, »We can do it softcore / If you want / But you should know that I go both ways«, törnt er daraufhin mächtig; aber dann wird in dem Adoleszenten die Sorge um seine Libido geweckt: Er hatte seine Schwester im Bad überrascht und nun weiß er, dass Frauen bisweilen tagelang bluten, ohne zu sterben: »How can I function / In the face of this butchery?«, barmt es ihn in »And I’ve Seen A Bloody Shadow«. So etepetetet er sich da im Einzelnen gibt, so handfest und im schönsten Sinne unverschämt stellt er sich im Allgemeinen dem guten alten, schnellen und dreckigen Leben. »Lover face, want to make you ejaculate / Until it’s no longer fun«, flötet er in »Plastic Wafers«, einer kleine Space-Pop-Oper, in der es mit Glockenklängen, Kastratenchören und Voodoo-Trommeln so mächtig wie variantenreich auf die Umme gibt. War früher eben alles geiler, 2008 wird mehr telefoniert als kopuliert. »O2 can do«, schon klar, aber längst nicht alles. »Everything is so much more complicated / over the phone« seufzt’s. Andererseits war selten ein so aufgeräumt devotes Flehen zu hören wie jenes: Man möge doch angerufen werden, man müsse auch nicht rangehen, aber dann würde man wenigstens wissen, dass da jemand an einen denkt. Aber auf Dauer – kein Anschluss unter dieser Nummer. Vielmehr zählt »Gallery Piece« auf, was Mann so alles für das Subjekt seiner Adoration machen und sein möchte: dich paranoid machen, dir schwedische Sachen sagen, dich 1000 Mal am Tag kommen lassen. Mit dieser Platte ist das kein Problem, auch wenn sie über 15 Songs lang ein wenig am Viagra-Syndrom leidet, Dauerständer können zu Krämpfen führen. Für den Interruptus muss man in diesem wilden Ritt selber sorgen. Also Nadel aus der Rille und zwischendurch mal »Skeletal Lamping« gehen. Laut Gebrauchsanweisung soll es sich dabei um eine fi ese Jagdmethode handeln, mit der nachtaktive Tiere in Panik versetzt und erlegt werden … Ach ja, das Ganze klingt auch noch großartig.

    Mit dem Operner »Nonpareil Of Flavor« streifen Of Montreal so ziemlich die letzten Gitarrenrockreste ab. Sie suhlen sich fortan in einer Art Bubbleglam-Technopop und in Abbey-Road-Sleaziness, zwischen Darkness und Erasure, Beatles, Parliament und Rufus Wainwright. Das Spinett spielt auch eine wichtige Rolle, ebenso die Trompeten, die seit dem Album »Sunlandic Twins« (2005) zum festen Inventar gehören und hier an etwas bauen, das sexuell und überhaupt indifferent ist, gleichzeitig voller Ideen, die körperlich erfahren, nicht nur per Kopf entziffert werden wollen. And now (wie es im finalen »Id Engager« so schön heißt): »Ninjas, move it!«

LABEL: Polyvinyl

VERTRIEB: Cargo Records

VÖ: 17.10.2008

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