Deichkind
Arbeit nervt
Text: Gunnar Klack
Angesichts eklatanten Saufhumors, Krawall und Blödelei könnte Deichkind das niveauloseste und dümmste Musikprojekt seit Erfindung des deutschsprachigen Hiphops sein. Dank vielschichtiger intertextueller Verweise auf mehreren Ebenen und einem Hang zur Performance-Art könnte Deichkind aber auch die ambitionierteste und hintersinnigste Musikertruppe auf dem europäischen Festland sein.
Da beide Tendenzen bei der Band gleichermaßen vorhanden sind, trifft nichts von beidem zu. »Arbeit nervt« ist keine politische Kampfansage an neoliberale Arbeitsverhältnisse, und um musikalische Errungenschaften im Bereich Elektro-Technopop geht es der Band wohl kaum. Seit der Single »Limit« aus dem Jahre 2002 hat sich musikalisch nicht mehr viel bewegt bei Deichkind. Aus gutem Grund – die Musik erfüllt hier ihre Funktion als Backingtrack. Als Hiphop-Kombo eher durchschnittlich begabt, mussten Deichkind elektronische Felder beackern, um dem für Hamburger Jungs so typischen halbironischen Prollgehabe einen neuen Sinn zu geben. Weil Hiphop sich in Hamburg immer schon als nicht ganz ernst dargestellt hat, weil ›Fünf-Sterne-Deluxe-und-Neger-Kalle-auf’m-Kiez‹ genau so ausgedacht ist wie Müllsackkostüme und Pyramidenmasken, gehen Deichkind so einige Widersprüche durch. »Hört die Signale« remontiert »Die Internationale« als einen tanzbaren Aufruf zum Trinken, im Refrain des Titeltracks wird klar, dass das einzig Nervige an Arbeit ist, dass sie uns vom Bier fernhält. Nur steckt hinter den platten Ansagen oft eine krude Poesie; die Auflistung von Berufsbezeichnungen im Text zu »Arbeit nervt« hätte PeterLicht nicht besser machen können.
Dichterische Höhepunkte wie der ultimative Datenparanoia-Theme-Tune »Ich und mein Computer« und das kryptische »23 Dohlen« reichen Heinz Strunk oder Andreas Dorau das Wasser. Fehlpässe wie »Hovercraft« und »Metro« könnten auch zehn Jahre alte Raps mit dem einzigen Zweck der Selbstbeweihräucherung sein. Der Deckmantel von Pose und Performance macht so einigen Irrsinn möglich. »Gut dabei«, ihre Ode an die Verwahrlosung, wird so schnell niemand für bare Münze nehmen. Am nächsten dran an der Band ist wahrscheinlich der Song »Dicker Bauch«, in dem für die Selbstverständlichkeit von Körperfülle geworben wird. Aber die Frage nach personeller Identität der tatsächlichen Bandbesetzung ist im Zuge der Plastikfolienmaskerade eigentlich überflüssig geworden. Denn wer hat schon bemerkt, dass gleich zwei der drei Deichkinder neu sind, inklusive Oberproll Ferris MC? Der Star ist das Konzept – wie modern.
LABEL: Vertigo
VERTRIEB: Universal Music
VÖ: 17.10.2008

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